zur Navigation springen
Auto & Verkehr

20. November 2017 | 05:01 Uhr

Mercedes : Fortschritt anno 1902

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute braucht man Kenntnisse und Muskeln, um diesen Mercedes zu starten. Doch bei seinem Debüt galt er als unkompliziert.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 10:00 Uhr

Einsteigen, anlassen und losfahren: Was für Autofahrer heute ganz normal ist, darüber kann Michael Plag nur lachen. Obwohl es bitterkalt ist an diesem Novembertag im Londoner Hyde Park, steht der Mechaniker im Schweiß und schnauft wie ein Walross. Denn bevor er mit mehr als 400 anderen Oldtimern aus den Kindertagen des Autos zur legendären Rallye nach Brighton aufbrechen kann, muss er erst einmal den 6,8 Liter großen Motor seines Mercedes Simplex zum Laufen bringen. Und das ist eine ordentliche Plackerei. Schließlich wiegt allein das 60 Zentimeter große Schwungrad des Reihenvierzylinders hinter der riesigen Kurbel 40 Kilogramm.

Zur Kraft braucht es aber auch Können: Wenn Plag vorher nicht so viel Öl gepumpt hat, bis in den Schaugläsern im Cockpit stete Tröpfchen fallen, von Hand die Kompression im Zylinder erzeugt und entsprechend Druck auf der Benzinleitung gebracht hat, wird er nie am ältesten Autorennen der Welt teilnehmen. Und statt wie damals im November 1896 die Befreiung des Automobils vom „Red Flag Act“ zu feiern, muss er auf ewig im Hyde Park stehen. Doch der Mechaniker aus dem Mercedes-Museum hat das Glück des Tüchtigen und schon nach ein paar schweren Schwüngen huscht ein Lächeln über sein Gesicht: Es zischt zwei, drei Mal. Unter der offenen Motorhaube schlagen kurz die Flammen hervor, dem Auspuff entweicht eine dunkle Wolke, und dann stellt sich ein Tuckern ein, das tapfer seinen Takt hält wie das Herz eines gut trainierten Sportlers: 114 Jahre nach seiner Jungfernfahrt ist der Rennwagen bereit und nimmt die knapp 100 Kilometer nach Brighton unter seine Holzräder.

Heute, wo man zum Starten oft nicht einmal mehr einen Zündschüssel braucht, klingt diese Routine nach automobiler Steinzeit und ist etwa so antiquiert wie die Fahnenschwenker, die bis zu eben jener ersten Ausfahrt von London nach Brighton jedem Auto mit einer roten Flagge vorauslaufen mussten und so buchstäblich den Fortschritt eingebremst haben. „Doch als der Wagen 1902 auf den Markt kam, war das eine Revolution“, sagt Plag. Denn mit dieser Konstruktion haben Gottlieb Daimler und sein Chefingenieur Wilhelm Maybach endgültig Abschied vom damals vorherrschenden Kutschenstil genommen und so das erste moderne Auto gebaut.

Und das erste Auto, das die Millionäre dieser Zeit auch ohne Mechaniker bedienen konnten, sagt Plag und zitiert Kaiser Wilhelm II. Der war nach einer ersten Demonstration so angetan, dass er die Schwaben mit dem Ausspruch „Das ist ja alles sehr simplex hier“ lobte und dem weißen Riesen so seinen Namen gab. Ein Blick auf Plags Mitstreiter links und rechts im Hyde Park gibt dem Kaiser auch heute recht: Viele kämpfen noch immer mit ihren Veteranen. Und manche bleiben tatsächlich schon an der Startlinie zurück, weil sie das Feuer unter ihren Dampfkesseln nicht zum Brennen bringen, die Batterien ihrer E-Maschinen versagt haben oder sie partout keine Zündspannung für ihre Verbrenner aufbauen konnten.

Aber nicht nur der Start war im Simplex eine für damalige Verhältnisse simple Sache, sondern auch das Fahren geht einfacher als gedacht. Denn der Simplex hat schon eine richtige Gangschaltung. Ampelstopps sind aber die Hölle, nach jedem Kreisverkehr brennen dem Fahrer die Arme, und mit dem Tempo steigt die Herausforderung. Denn wer einmal versucht, den tonnenschweren Wagen mit dem riesigen Holzlenkrad bei Vollgas auf Kurs und mit der Bandbremse auf der Zwischenwelle des Kettenantriebs oder den Trommelbremsen an den Hinterrädern im Zaum zu halten, der zieht den Hut vor Männern wie Emil Jellinek. Der in Nizza lebende Diplomat und Geschäftsmann hatte den Simplex bei Gottlieb Daimler in Auftrag gegeben und ihn bei Bergrennen rund um Nizza eingesetzt. In jener Zeit war kein anderes Auto schneller, und der 29 kW/40 PS starke Rennwagen hat es mit 111 km/h Spitze ins Guinnessbuch geschafft, erzählt Plag. Eine Vorstellung, bei der einem heute auf dem Weg von London nach Brighton angst und bange wird.

Nicht nur, weil der Simplex schon bei viel niedrigerem Tempo kaum zu kontrollieren ist und weil die einzige Sicherheitsausstattung aus den paar fingerdünnen Brettern des hölzernen Aufbaus besteht. Sondern auch, weil der Wert des Oldtimers mittlerweile ins Unermessliche geht. Schon damals musste man ein Vermögen für den Simplex hinblättern, erzählt Plag. 26  000 Goldmark kostete der Rennwagen damals – etwa das 30-fache des durchschnittlichen Jahreseinkommens in Industrie und Handwerk jener Zeit. Doch heute ist der weiße Riese im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar. Denn erstens hat der Oldtimer einen Versicherungswert im zweistelligen Millionenbereich. Und zweitens ist von nur kleinen Stückzahlen dieser Zeit nur eine Handvoll übrig geblieben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen