IAA in Frankfurt/Main : Die Strom-Offensive

Mit dem Concept EQA zeigt Mercedes-Benz auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, wie eine elektrifzierte A-Klasse seiner E-Automarke EQ aussehen könnte.
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Mit dem Concept EQA zeigt Mercedes-Benz auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, wie eine elektrifzierte A-Klasse seiner E-Automarke EQ aussehen könnte.

Mit einer Flut von Elektrofahrzeugen und gigantischen Investitionen wollen deutsche Autobauer die Diesel-Krise hinter sich lassen

svz.de von
14. September 2017, 11:45 Uhr

Der Dieselskandal ist nicht ausgestanden – doch die Branche schaut nach vorn. Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) kündigen die deutschen Hersteller eine Stromoffensive an. Volkswagen will 20 Milliarden Euro in die Elektromobilität investieren und plant bis zum Jahr 2025 mehr als 80 neue Autos. BMW will Tesla mit einem Elektro-Coupé Paroli bieten. Daimler stellt den Kleinwagen Smart komplett auf elektrische Antriebe um.

Die bei der Frankfurter Messe gezeigten Studien glänzen mit hohen Reichweiten, feinster Technik und aufregendem Design. Dem verunsicherten Verbraucher helfen sie noch nicht. Der VW I.D. Crozz startet frühestens 2020, der kompakte Mercedes EQA soll auch erst dann beim Händler stehen und BMWs Tesla-Fighter wird sogar erst für 2021 erwartet.

Die IAA, die gestern von Kanzlerin Angela Merkel eröffnet wurde, steht unter dem Motto „Zukunft erleben“. Alternative Antriebe, autonomes Fahren sowie die Digitalisierung mit immer mehr Internet im Auto sind zwar große Themen, die aber mit zahlreichen Neuerscheinungen im boomenden SUV-Segment um Aufmerksamkeit konkurrieren. Denn das Geld für die Realisierung der Visionen müssen aktuelle Autos verdienen. SUV und Crossover sind die Cash-Kühe der Branche, klassischerweise von einem Diesel angetrieben.

Ob der Diesel eine Zukunft hat, wird in Stuttgart, Hamburg, Kiel und etlichen weiteren durch Stickoxide belasteten Innenstädten entschieden: „Natürlich hat die Einfahrverbots-Diskussion eine zusätzliche neue Qualität, die zum ersten Mal Nachfragen unserer Kunden in den Verkaufshäusern auslöst“, sagte Daimer-Vorstandschef Dieter Zetsche. VW-Chef Matthias Müller sagte der „Bild“-Zeitung: „Diesel-Fahrverbote können wir auf keinen Fall akzeptieren.“

Zetsche sieht immerhin Anzeichen, dass sich die Diskussion nach der Bundestagswahl versachlichen werde. Schön wäre es: Der Diesel ist immer noch das ökonomisch und technisch vernünftigste Antriebskonzept, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Bei allem Elektrohype: Die CO2-Bilanz eines Stromers ist schlechter als die eines vergleichbaren Dieselautos, wenn man den Lebenszyklus mit Produktion, Betrieb und Entsorgung sowie den aktuellen Energiemix betrachtet. Das Stickoxidproblem der Selbstzünder ist zu lösen, allerdings zu Kosten, die wenigstens einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem E-Mobil schrumpfen lassen.

Es bleiben die geringe Reichweite und eine fehlende flächendeckende Ladeinfrastruktur als Hauptgründe für die ausbleibende Nachfrage nach E-Autos in Deutschland. Tesla ist übrigens keine Hilfe. Die teilweise sektenartig verehrten Kalifornier, die der IAA fernbleiben, sind bislang den Beweis schuldig geblieben, einen Beitrag zur Massenmobilität liefern zu können. Und trotz exorbitanter Preise fährt Tesla noch immer außerhalb der Gewinnzone.

Das kann sich die klassische Autoindustrie natürlich nicht leisten. Eine fundiertere Strategie braucht Zeit. VW-Chef Müller kündigte an, bis 2030 solle es für jedes der weltweit rund 300 Modelle des VW-Konzerns mindestens eine elektrifizierte Variante geben – sogar erschwinglich. „Wenn Volkswagen den ID anbietet, wird er nicht teurer sein als ein Diesel“, behauptet Müller.

Zetsche sagte, bis 2020 solle es bei der Kleinwagenmarke Smart in Europa und Nordamerika nur noch Elektrofahrzeuge geben. Der Rest der Welt werde kurz darauf folgen. Außerdem sollen bis 2022 alle Mercedes-Modelle auch mit Elektroantrieben zur Verfügung stehen. BMW will bis zum Jahr 2025 zwölf rein elektrische Modelle anbieten. Die Münchner zeigen auf der IAA das Elektro-Coupé i-Vision mit 600 Kilometern Reichweite.

Am Diesel wollen die deutschen Autohersteller vorerst festhalten. Für die Klimaziele 2020 sei dieser Antrieb unverzichtbar, sagte BMW-Chef Harald Krüger. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte: „Der Diesel ist nicht Teil des Problems, sondern der Lösung.“ Die ganz neuen Motoren seien sauber und effizient. Pötsch forderte ausländische Hersteller zu mehr Engagement auf, um Fahrverbote zu verhindern.

Bei der Hingabe, mit der die Deutschen auf sich selbst eindreschen, wird leicht vergessen, dass gerade Franzosen, Italiener und Asiaten noch erheblichen Nachholbedarf bei der Abgasreinigung haben, wie jüngst eine Studie des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen ergab.

Gesprächsrunde zum automatisierten Fahren

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) will  bei einem zweitätigen Spitzentreffen mit Verkehrsministern aus Deutschlands Nachbarländern, EU-Kommissaren und Konzernchefs über die Zukunft des automatisierten Fahrens in Europa beraten. Die Gespräche sollen auf der IAA  in Frankfurt stattfinden, wurde unserer Berliner Redaktion bestätigt.  „Europa muss beim automatisierten Fahren an der Spitze stehen. Deutschland geht dabei schon heute voran“, sagte Dobrindt. „Jetzt geht es darum, in Europa schnellstmöglich einen einheitlichen Markt für das automatisierte Fahren zu schaffen und internationale Standards zu setzen.“  Dobrindt will  auch das neue gefasste Straßenverkehrsgesetz vorstellen, mit dem Deutschland als erstes Land regulatorisch den Weg für automatisiertes Fahren freimache.

Rasmus Buchsteiner

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