FERNSEHEN : Die Akte „Tatort-Autos“

Tatort-Kommissare und ihre „Dienstwagen“.
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Tatort-Kommissare und ihre „Dienstwagen“.

Das Wochenend-Magazin fahndete nach den schönsten Old- und Youngtimern aus dem Krimi-Klassiker.

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04. Juli 2015, 08:00 Uhr

In welchen Autos jagten Schimanski & Co. in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren die Bösen? Was fuhren Gustl Bayrhammer, Zollfahnder Kressin oder Ulrich Tukur, wenn sie zum Tatort unterwegs waren? Und: Welche automobilen Schätze vergangener Epochen werden noch heute gefahren? Die Fahndung war überaus erfolgreich, auch ohne Tatort-Kommissare. Lesen Sie die Akte „Tatort-Autos“.

Dass es ein Auto manchmal nicht leicht bei den Kommissaren hat, wissen wir spätestens seit der Episode „Borowski und der stille Gast“ (September 2012). Zur Erinnerung: Ein Kommissar namens Borowski (Axel Milberg) erlöste in dieser Folge seinen schwächelnden Passat CL Kombi mit einem Gnadenschuss von den technischen Leiden. Volltreffer zwischen die müde blinzelnden Scheinwerfer. Dabei hatte der „Braune“, wie ihn Borowski liebevoll trotz der eigentlich undefinierbaren Lackierung nannte, nichts wirklich Böses getan. Gut, er war manchmal nicht angesprungen, der Innenspiegel fiel ab und die besten Jahre hatte der Kombi, Baujahr 1984, bereits hinter sich. Das war nicht mehr zu übersehen. „Wir fanden diese Lösung einfach gut, die alte Mähre wurde erlöst“, sagt Axel Milberg im Gespräch mit der Redaktion – denn: Ein neues altes Dienstfahrzeug war schon ausgeguckt. Der rote Volvo seines schwedischen Kollegen und Freundes Stefan Endberg. Der wurde in Kiel während der Ermittlungen ermordet („Borowski und der coole Hund“) – zurück blieb dessen Dienstwagen aus Schwedenstahl. Nur: Der private schwedische Eigner des Volvo machte damals nicht mit – der Wagen war unverkäuflich, der NDR musste sich etwas einfallen lassen. Auf dem freien Markt fanden die Hamburger Fernsehmacher ein Modell gleichen Typs (Volvo 760 GLE, Baujahr 1990 – in weiß). „Ja, der Wagen wurde dann rot lackiert“, heißt es im Aufnahmestab. Lediglich ein Blick unter die Motorhaube des Schwedenpanzers belegt die werksseitige Originalfarbe – ansonsten ist die Automatik-Limousine mit Anhängerkupplung perfekt „gedoubelt“. Selbst der kleine Schweden-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel ist – wie im Original – leicht ausgefranst. Der Borowski-Volvo („dieses Auto passt zu mir“) bewegt sich übrigens auf eigenen Pneus zu den Dreharbeiten, der Wagen hat eine reguläre Hamburger Zulassung (HH – SH 1039) und trägt nur im Tatort das Kennzeichen KI – TR 254.

An dieser Stelle die gute Nachricht für alle Passat-Fans: Der Wagen „lebt“ bis zum heutigen Tage. Das Auto gehörte einer Filmauto-Verleihfirma und fährt jetzt – privat genutzt – durch das Land Brandenburg. Ach ja, kleine Randnotiz: Beim Gnadenschuss verletzte sich Milberg damals leicht – und das stand nicht im Drehbuch. „Ich bekam einen winzigen Splitter beim Abfeuern ins Gesicht, aber es ist zum Glück gut gegangen“, verriet Axel Milberg.

Eigentlich hätten die Autogenerationen der vergangenen vier Jahrzehnte ahnen müssen, was auf sie zukommen könnte – sollten sie im „Tatort“ mitspielen. Bereits in der allerersten Folge (Taxi nach Leipzig, 29. November 1970) machte sich der brummelige Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) an seinem Ford zu schaffen. Weil er nach Leipzig wollte aber nicht durfte, machte er auf der früheren Interzonenautobahn mal eben Halt und durchtrennte den Keilriemen der Badewanne. Während der Wagen an einer winzigen Ecktankstelle irgendwo im DDR-Niemandsland auf das Ersatzteil wartete, fuhr Trimmel im Taxi in die sächsische Messestadt.

Die „Beschaffung“ der Dienstfahrzeuge kennt verschiedene Wege. Entweder von normalen Autovermietungen, von speziellen Filmauto-Verleihfirmen, aus dem eigenen Bestand der jeweiligen Sender – oder von Privatpersonen. Nehmen wir zum Beispiel den Citroen CX von Schimanski (der auch in einer schwarzen DS-Limousine und, aber das ist lange her, zusammen mit Christian Thanner im Ford Taunus und im Ford Granada 2,0 Sedan unterwegs war). Die silberne Franzosen-Sänfte aus dem Jahr 1987 gehört heute dem Kölner Zoodirektor Theo Pagel. Und das kam so: Weil eigentlich kein Schimanski-Dreh mehr geplant war, sollte der Wagen verkauft werden. „Ich wollte immer einen CX haben – und als gebürtiger Duisburger bin ich natürlich Schimanski-Fan“, sagt Pagel, der den CX 2 Turbo (Laufleistung inzwischen 245  000 Kilometer) im Jahr 2008 kaufte. Nun gab es aber doch wieder ein Schimanski-Abenteuer und Theo Pagel zögerte nicht lange. „Natürlich habe ich das Auto dann zur Verfügung gestellt – allerdings mit etwas Herzklopfen“. Nicht ganz zu Unrecht. Vom letzten Dreh bekam er seinen CX mit einer Beule zurück. „Vorne rechts, aber das ist nicht so schlimm.“

Für die Kölner Ermittler Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) ist die Frage nach einem möglichst coolen Dienstwagen überhaupt kein Problem. Dank Schenks guter Kontakte zur Asservatenkammer der Polizei gibt es reichlich großvolumige US-Cars, auf die die gerade einsitzenden bösen Jungs aus dem Milieu eine Weile verzichten müssen. Gerne lässt Schenk den Motor eines dunkelblauen Ford Mustang, Baujahr 1967, blubbern und schockte seinen Kollegen Ballauf auch schon mal mit einem türkisfarbenen 57er Ford Fairline (der vorne übrigens eine 59er Thunderbird Stoßstange hat), oder – als der Fairline (laut Drehbuch) einfach nicht mehr wollte – in einem offenen burgunderroten Chevrolet Impala aus dem Jahr 1972. Eine schwarze 64er Corvette war auch einmal im Spiel, ein Mercedes SLC – und, man glaubt es nicht, Schenk zwängte sich notgedrungen auch schon mal in einen Ford Fiesta. Einmal.

Die SWR-Tatorte greifen auf einen eigenen Fuhrpark zurück. Der 74er metallicbraune Porsche Targa, in dem Thorsten Lannert (Richy Müller) durchs Schwabenländle hetzt und Mario Kopper (Andreas Hoppe), der mit seinem wunderschönen Fiat 130 aus den siebziger Jahren für die italienischen Momente sorgt, gehören dem Sender – ebenso die bordeauxrote Alfa Romeo Guilia Super 1300. Der italienische Klassiker wurde in der Folge „Schrott und Totschlag“ (Januar 2002) ganz aus Versehen in die Schrottpresse gehievt – und das drei Tage vor der Zulassung als Oldtimer. Ja, so ein Tatort-Drehbuch ist manchmal wirklich ungerecht.

Der 74er Targa von Lannert hat, das räumt SWR-Pressesprecherin Annette Gilcher ein, eine „große Pflegebedürftigkeit“, „da sind Werkstatt und Requisite schon gefordert.“ Die Fahrzeuge werden wie Schätze gehütet. Nicht nur viele der Ermittler sind längst Kult, auch deren Fahrzeuge rufen bei Tatort-Wiederholungen bis heute begeisterte „aahs“ und Rufe wie „sieh’ doch mal, das Auto . . .“ hervor. Tatort- und Oldtimerfans müssen sich ja nicht gleich bis zur legendären „Isar 12“ zurückbeamen. Obwohl, es gab zumindest einen Tatort, in dem ein baugleicher Streifenwagen der Münchner Polizei (BMW 501) eine Rolle spielte. In der Folge „Der oide Depp“ (2008) fuhr der Barockengel in der Schwarz-Weiß-Rückblende zur Vorgeschichte der Tat durchs Bild.

Ach ja, Kult. Der verschroben-exotische Kommissar Murot (Ulrich Tukur) kam im Dezember 2011 in der Folge „Das Dorf“ im mindestens ebenso exotischen NSU RO 80 daher, der Wankel wird seit 1977 nicht mehr gebaut und gehört heute einem Sammler in der Nähe des Bodensees. Inzwischen Kult, damals das Glück des kleinen Mannes, hatte Kommissar Haferkamp (Hans-Jörg Felmy) zur Verfügung – einen reinweißen VW Käfer. Haferkamp (der nicht nur Frikadellen liebte und seine Ex-(Film)-Frau Ingrid, musste danach im marineblauen Audi 80 LS auf Verbrecherjagd – den Drehbuchautoren sei verziehen. Noch mehr Kult gefällig? Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp) fuhr in den 70er Jahren Porsche 356 Cabrio und einen Alfa Spyder. Und nicht zu vergessen der bis heute aktuelle knallrote Fiat 500 von Silke Haller (ChrisTine Ursprung), der Assistentin des Münsteraner Gerichtsmediziners und selbsternannten Co-Ermittlers Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers). Da darf das Taxi von „Vaddern“ Herbert Thiel (Claus Dieter Claussnitzer) nicht fehlen. Der kiffende Alt-68er, der überhaupt nicht verstehen kann, dass sein Sohn bei der Kripo gelandet ist, fährt ein „nachgemachtes“ Taxi. Einen W 124er Mercedes aus dem Jahr 1986. Die Kölner Filmauto-Verleihfirma Zimmermann rüstete eine normale Mercedes-Limousine samt Taxameter um – einzige Bedingung der Aufnahmeleitung: Es durfte kein taxitypischer Diesel sein – wegen der Geräuschkulisse.

Weg vom Kult und hin zum Bodenständigen. Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) war in und um Kiel in einem Opel Rekord D unterwegs – unter anderem im Tatort Klassiker „Reifezeugnis“ mit Nastasja Kinski (März 1977). Kaum zu glauben: Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) fuhr zu Anfang ihrer Tatort-Karriere im Citroen GS durch Ludwigshafen und Wotan Wilke Möhring kurvt aktuell im weinroten Citroen XM durch Hamburg. Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) und Ludwig Lenz (Helmut Fischer) fuhren in den achtziger Jahren – wen wundert’s – in München Audi 100 oder fünfzwanziger BMW.

Beinahe markenneutral bewegen sich dagegen die Kommissare Frank Thiel (Axel Prahl) durch das Münsterland und Max Palu (Jochen Senf) durchs Saarland. Palu war fast nur mit dem Rennrad unterwegs, erst später wurde das Rad huckepack auf dem Dach seiner Mercedes A-Klasse transportiert. Thiel ist – lässt er sich nicht gerade in „Vadderns“ Taxi chauffieren, bis heute mit dem Drahtesel auf Ganovenhatz. Oder er lässt sich von Boerne chauffieren, Verzeihung, von Professor Boerne. Wahlweise im Audi Cabrio oder einem offenen Wiesmann – je exklusiver, desto besser.

Die Sender versuchen tunlichst, den Vorwurf einer „Markenvorliebe“ zu vermeiden – das gilt vor allem für die jüngeren Tatorte. Es soll sogar schon den kompletten Austausch der Modelle gegeben haben. Bei den älteren Folgen galt „das passende Auto zum Typ“ – zugegeben: Bei Freddy Schenk gilt das bis heute. Groß muss das Auto sein und möglichst aus den USA. Und: Mario Kopper gehört nun einmal in so einen Fiat aus den Siebzigern – das findet auch der Professor für Germanistik (Literatur und Medienwissenschaften) an der Uni Duisburg/Essen, Rolf Parr. Einst referierte er bei einer Tagung rund um das Thema Tatort über die Vehikel der Kommissare. „Mit dem üppigen Körper Schenks korrespondieren die mit nicht minder üppiger Körperlichkeit daherkommenden amerikanischen Wagen“, heißt es an einer Stelle seines Vortrages. „Charakterkombination“ lautet die Zauberformel, Parr nennt noch ein anderes Beispiel: „Dann gibt es da noch die früher alkoholabhängige Wiener Kommissarin Bibi Fellner, die schon mal mit dem 94er Pontiac ihres Freundes aus dem Zuhältermilieu aufkreuzt (…), als auch für die Zuschauer ganz neue Figur kommt sie gleich zu Beginn der Folge ‚Vergeltung‘ mit dem getunten und auffällig lackierten Sportwagen im Zuhälterstil ins Bild.

Manchmal haben es nicht nur die Autos im Tatort nicht leicht, auch deren Fahrer. Im SWR-Tatort „Freunde bis in den Tod“ (Oktober 2013) musste Lena Odenthal Koppers geliebten Fiat über holperige Feldwege lenken . . . beide haben es überstanden.

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