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Motor-Technik : Der Diesel steckt in der Kostenfalle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Abgasreinigung wird immer teurer. Experten prophezeien mittelfristig einen starken Rückgang der Selbstzünder in kleinen und kompakten Fahrzeugen.

svz.de von
erstellt am 12.Dez.2015 | 14:48 Uhr

Nie zuvor hat der Dieselmotor so prominent in der Öffentlichkeit gestanden. Dies aber nicht, weil es irgendein Jubiläum zu feiern gibt oder jemand etwas erfunden hat, was den Selbstzünder nochmals sparsamer macht. Nein, Grund ist der Abgas-Skandal von Volkswagen. Deren vermeintlich so saubere „Clean-TDI“ stoßen in Wirklichkeit deutlich mehr Stickoxide aus als vom Gesetz erlaubt. Stickoxide reizen die Atemwege, sollen verantwortlich für den „Sauren Regen“ sein und stehen in Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Die sogenannten „Schummel-Diesel“ bringen Volkswagen nicht nur in die größte Schieflage ihrer Firmengeschichte, sondern das Wolfsburger Unternehmen verliert auch massiv an Image. Gerade VW, dessen im Zuge der Dieselaffäre zurückgetretener Chef Martin Winterkorn noch vor wenigen Jahren tönte, Volkswagen werde 2020 nicht nur der größte sondern auch der umweltfreundlichste Autohersteller der Welt sein.

Motoren-Ingenieure haben mit den Stickoxid-Problemen ihre liebe Not. Bei der Verbrennung des Diesels entsteht prinzipbedingt ein ganzer Cocktail aus NOx-Verbindungen (Stickstoffoxiden). Je heißer der Prozess abläuft, umso mehr. Daran ist wenig zu rütteln, weil eben Dieselmotoren mit höherer Verdichtung als Ottomotoren laufen, zudem mit sehr hohem Luftüberschuss arbeiten. Wirklich eliminiert werden können die Stickoxide daher nur durch aufwändige Nachbehandlung im Abgasstrang.

Die Autohersteller stehen vor einem Dilemma. Um die niedrigen europäischen CO2-Flottenwerte für 2020 zu erreichen (95 g/km) gilt der Dieselmotor wegen seines geringeren Verbrauchs – etwa 20 Prozent weniger als ein Benziner – als unabdingbar. „Ohne den Diesel erreicht niemand die Grenzwerte“, sagt BWM-Vorstandschef Harald Krüger. Seine Marke verkauft in Deutschland gut 70 Prozent aller Modelle mit Dieselmotor. Spitzenreiter ist hierzulande der SUV-Hersteller Land Rover. Bei den Briten liegt der Selbstzünder-Anteil bei über 90 Prozent. Ähnlich sieht es bei Volvo aus. Sogar Porsche ist mittlerweile mit 40 Prozent dabei. Am wenigsten Dieselmodelle verkauft Toyota. Der größte Autohersteller der Welt kommt in Deutschland gerade einmal auf 20 Prozent, setzt stattdessen vermehrt auf Hybridantrieb.

Kein unkluger Schachzug. Denn Toyotas Hybridtechnik, eine Kombination aus Benziner und Elektromaschine, liegt kostenmäßig schon heute fast auf dem Niveau eines Diesels. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sogar inklusive der Batterie günstiger sein wird als ein Dieselaggregat mit seiner nachgeschalteten Abgasreinigung. „Die steigenden Kosten werden dem Diesel bis in die Kompaktklasse zu schaffen machen“, prognostiziert Autoexperte Stefan Bratzel. Der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach sieht als Ausweg nur die Elektrifizierung, speziell den Einsatz von an der Steckdose aufladbaren Plug-in-Hybriden. Auch für Herbert Diess, heute Markenchef von Volkswagen, erreichen die Kosten der Abgasreinigung eine kritische Größe, die sich nicht in allen Fahrzeugklassen durchsetzen lässt. Bereits voriges Jahr, noch als damaliger BMW-Entwicklungsvorstand, prophezeite Diess: „Spätestens 2020 kippt der Diesel im Kompaktsegment.“

Schon jetzt gleicht das, was zwischen Motor und Auspuff-Endrohr liegt, einer kleinen Chemiefabrik, die viel Geld kostet, das sich der Hersteller vom Kunden natürlich zurückholen will. Im modernen Diesel-Auspuffstrang sitzen die Abgasrückführung und der Oxidationskatalysator, gefolgt von Partikelfilter und dem Stickoxid-Speicher-Katalysator. Daran schließen sich Harnstoffeinspritzung und SCR-Katalysator an. Nicht zu vergessen sind der bis zu 20 Liter große beheizbare Harnstofftank (wohin damit?), die beheizten Leitungen und die Elektronik, die alles steuert. Die Kosten beziffern Experten auf über 1500 Euro. Zusätzlich zum ohnehin teureren Dieselmotor. Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die Grenzwerte werden zunehmend strenger, die Branche wird weitere Milliarden in die Abgasreinigung stecken.

Vor allem bei Kleinwagen wurde schon die Reißleine gezogen. Smart fährt ohne Diesel, ebenso Nissan Micra, Mitsubishi Space Star, VW up!, Honda Jazz, Toyota Aygo, Peugeot 108 und Citroën C1. Doch noch ist Deutschland Dieselland. Der Neuzulassungsanteil liegt mit 47,9 Prozent auf Rekordniveau. Ob dies so bleibt, hängt maßgeblich auch davon ab, wie lange Dieselkraftstoff noch geringer besteuert wird als Benzin. Hierzulande beträgt die Differenz 0,18 Euro pro Liter. Jüngste Umfragen haben ergeben, dass dieser Preisvorteil beim Kunden das kaufentscheidende Kriterium für einen Dieselmotor darstellt. Das, was an Schadstoffen hinten raus kommt, spielt für den Käufer eine untergeordnete Rolle.

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