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Ratgeber

22. November 2017 | 14:13 Uhr

"Am besten Frischfleisch kaufen"

vom

svz.de von
erstellt am 15.Feb.2013 | 08:06 Uhr

Der Pferdefleisch-Skandal betrifft viel mehr Firmen und Fertiggerichte als bisher angenommen. Nach den Supermarktketten Real, Edeka und Kaisers Tengelmann haben nun auch die Lebensmittel-Discounter Aldi Süd und Lidl Fertiggerichte aus den Regalen genommen. Bei Aldi-Süd hießen die betroffenen Produkte "Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)" und "Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)". Eigene Analysen hätten Pferdefleisch nachgewiesen, teilte eine Aldi-Sprecherin mit. Lidl stoppte den Verkauf seiner Nudeln namens "Tortelloni Rindfleisch". Auch das Handelsunternehmen Konsum hat den Verkauf verdächtiger Tiefkühl-Lasagne gestoppt. Branchenkenner äußerten den Verdacht, dass illegal geschlachtete Pferde im Hackfleisch landeten.

Wie viele Packungen mit angeblichem Rinderhack unter Pferdefleisch-Verdacht bislang in Deutschland aus dem Handel gezogen wurden, blieb zunächst unklar. Einige Bundesländer erwarten erst kommende Woche genaue Zahlen. Die Tests laufen weiter. Hintergründe zu den aktuellen Entwicklungen:

Warum kommen überhaupt Zutaten aus diversen Ländern?

Im Binnenmarkt der EU können Waren frei gehandelt werden - das gilt auch für Lebensmittel und Rohstoffe wie Fleisch. Dabei stammen die verarbeiteten Grundwaren in der deutschen Ernährungsindustrie zu drei Vierteln aus dem Inland, wie es bei der Branchenvereinigung heißt. Manche exotische Zutat wie Kakao muss natürlich importiert werden. Generell können Rohstoffgeschäfte über mehrere Zwischenstufen in verschiedenen Ländern laufen. Tatsächlich vom Kühlhaus zum Abnehmer transportiert wird sie dann nur einmal ganz am Ende.

Welche Kontrollen sind vorgeschrieben?

Die allererste Verantwortung liegt bei den Herstellern. In eigenen Qualitätskontrollen müssen sie etwa Proben nehmen und darauf achten, dass Kühlketten eingehalten werden. Aufgabe des Staates ist dann die "Kontrolle der Eigenkontrolle". In Deutschland sind dafür die Bundesländer zuständig. Ansatzpunkte sind Listen, um Lieferwege beim Ein- und Weiterverkauf zurückzuverfolgen.

Welche Vorschriften für die Kennzeichnung gibt es?

Es klingt einfach: Die Angaben auf der Packung dürfen Kunden nicht täuschen oder in die Irre führen. Grundsätzlich muss bei allen frisch verkauften Fleischprodukten die Tierart ausgewiesen sein. Eine Ausnahme gilt für lose verkaufte Wurst, wenn sie nicht explizit aus einer Tierart wie Pute hergestellt ist.

Bei verpackter Ware muss die Tierart des darin enthaltenen Fleisches in der Zutatenliste vermerkt sein. Wenn es sogar besonders hervorgehoben ist wie in "Rindfleisch-Lasagne" oder durch eine Abbildung auf dem Karton, muss die Menge in Prozent in der Liste stehen.

Lässt sich erkennen, woher Rindfleisch stammt?

Nur bei frischem Rindfleisch haben Verbraucher derzeit die Möglichkeit, die Herkunft der Ware nachzuvollziehen. Geburt, Aufzucht und Schlachtung des Tieres lassen sich an der Kennzeichnung in der Theke oder auf der Verpackung ablesen, erklärte Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Diese Regeln für Rindfleisch seien in Folge der BSE-Krise erlassen worden. "Bei allen anderen Tierarten fehlt eine klare Herkunftskennzeichnung noch." Einzige Ausnahme: Eier können anhand des aufgedruckten Codes zurückverfolgt werden. Sobald ein Stück Rindfleisch aber zum Beispiel küchenfertig gesalzen oder als mariniertes Steak verkauft wird, greifen laut Schauff die Kennzeichnungsregeln nicht mehr. "Das Fleisch gilt dann als verarbeitet, und dann ist keine Angabe mehr nötig." Aus diesem Grund können Verbraucher bei Fertiggerichten mit Fleisch nicht erkennen, wo das darin verarbeitete Fleisch herkommt.

Was ist der beste Schutz vor falsch deklariertem Fleisch?

"Das Einzige, was Verbraucher tun können, um falsche Kennzeichnungen zu vermeiden, ist Frischfleisch zu kaufen und selbst zu verarbeiten", sagt Andrea Schauff. Außerdem sollten sie dort kaufen, wo ihnen der Metzger klar Auskunft zur Herkunft geben kann oder wo das Fleisch direkt vom Erzeuger vermarktet wird. Und jedem sollte klar sein, dass qualitativ hochwertiges Fleisch nicht zu Dumpingpreisen zu haben ist, betonte die Verbraucherschützerin.

Kann man verdächtige Lasagne Trotzdem essen?

Verbraucher, die noch entsprechende Produkte in ihrer Gefriertruhe haben, sollten vorsorglich auf den Verzehr verzichten und sie ins Geschäft zurückbringen, rät Verbraucherschützerin Schauff. Kunden können dann damit rechnen, den Kaufpreis erstattet zu bekommen. Hintergrund der Empfehlungen, auf den Verzehr zu verzichten, sind mögliche Rückstände von Doping- und Arzneimitteln im Fleisch. Tests der britischen Lebensmittelaufsicht hatten ergeben, dass Fleisch von acht mit dem Medikament Phenylbutazon gespritzten Pferden wohl in die Nahrungskette geraten ist.

Was ist Phenylbutazon für ein Medikament?

"Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch", sagte Petra Zagermann-Muncke von der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen wie Hautausschläge oder Asthma oder Blutbildschäden möglich. Der Wirkstoff werde gegen akute Schmerzen eingesetzt, etwa bei Rheuma oder Gichtanfällen, und maximal eine Woche verordnet. Wegen der Nebenwirkungen sei die Verordnung vor rund 20 Jahren eingeschränkt worden, das Mittel werde heute in Deutschland eher selten verschrieben. Die britischen Behörden schätzten das Gesundheitsrisiko für Menschen durch den Verzehr von belastetem Fleisch nach eigenen Angaben jedoch als gering ein.

Haben die Supermärkte Kunden zu spät informiert?

Der deutsche Lebensmittelhandel hat Vorwürfe zurückgewiesen, Supermarktketten hätten ihre Kunden zu spät über mögliches Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne informiert. Die Firmen hätten angesichts erster Verdachtsfälle die "Produkte vorsorglich aus dem Verkauf genommen", teilte Friedhelm Dornseifer, Präsident der Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels gestern mit. "Umgehend wurde mit der Produktanalyse begonnen. Nachdem positive Testergebnisse vorlagen, haben sie die Öffentlichkeit informiert." Der Berliner Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) und andere Politiker hatten die Supermarktketten wegen der späten Information kritisiert.

Der Sprecher des Lebensmittelverbandes, Christian Böttcher, sagte: "Solange wir nicht wissen, was los ist, ziehen wir Produkte zurück. Wir informieren aber erst, wenn wir sicher wissen, um was es sich handelt." Wenn Gesundheitsgefahr bestehe, müssten die Behörden und die Öffentlichkeit informiert werden. "In diesem Fall haben die Unternehmen sogar mehr gemacht als vorgeschrieben, weil keine Gesundheitsgefährdung vorlag und trotzdem informiert wurde."

Werden die Deutschen ihre Speisezettel umstellen?

Konsumpsychologe Stephan Grünewald vom Institut Rheingold erwartet keine drastischen Veränderungen bei den Essgewohnheiten. "Längerfristig gesehen sind die Menschen in der Ernährung Gewohnheitstiere." Sie setzten bei Skandalen erfahrungsgemäß auf ein reinigendes Gewitter und kehrten dann schnell zu Gewohnheiten zurück.

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