Leben mit HIV : „Es frisst mich nicht auf – ich bin glücklich“

Glückliche Mutter: Durch zwei Tabletten am Tag wird Franziska Borkels Viruslast so weit nach unten gedrückt, dass sie niemanden anstecken kann. Wirksame Aids-Therapien ermöglichen Infizierten heute ein fast normales Leben – inklusive gesunder Kinder.
Glückliche Mutter: Durch zwei Tabletten am Tag wird Franziska Borkels Viruslast so weit nach unten gedrückt, dass sie niemanden anstecken kann. Wirksame Aids-Therapien ermöglichen Infizierten heute ein fast normales Leben – inklusive gesunder Kinder.

Franziska Borkel ist seit fast 20 Jahren HIV-positiv .Sie hat trotzdem auf natürliche Weise drei gesunde Kinder bekommen.

svz.de von
25. November 2018, 20:00 Uhr

Wenn die Jungs Blödsinn machen und die Kleine sich das abguckt – dann könnte Franziska Borkel manchmal die Wände hochgehen. Dreijährige Zwillinge hat sie und eine einjährige Tochter. „Die drei sind eine größere Herausforderung als mein Leben mit HIV“, sagt die 35-jährige Mutter schmunzelnd. Ihre Kinder, der ganz normale Alltagswahnsinn, das bringe sie manchmal an den Rand der Erschöpfung. „Aber es frisst mich nicht auf. Ich bin glücklich. Ich bin eine von vielen Frauen in Deutschland, die mit HIV leben und sich ihre Träume erfüllen.“

Gegen ihre Krankheit nimmt Franziska Borkel zwei Tabletten am Tag. Damit wird das Virus so stark unterdrückt, dass sie weder ihren Mann noch die Kinder anstecken kann. Eine normale Lebenserwartung, keine Einschränkungen im Alltag, Sex ohne Kondom und natürliche Geburten – all das ist unter einer wirksamen Therapie heute möglich. Nur wer weiß das? Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember will eine Kampagne der Deutschen Aids-Hilfe beleuchten, was solche Therapien für die rund 86 000 Menschen bedeuten, die in Deutschland mit HIV/Aids leben – davon rund 17 000 Frauen.

Heilbar ist die Infektion bis heute nicht

Heilbar ist die Infektion bis heute nicht. Doch seit rund 20 Jahren lässt sich HIV bei rechtzeitiger Diagnose mit Therapien als chronische Krankheit behandeln. Ende 2017 machte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine repräsentative Umfrage zu HIV. Nur jeder zehnte Interviewte wusste, dass das Virus unter erfolgreicher Behandlung nicht ansteckend ist.

Dabei machte schon vor zehn Jahren eine Einschätzung der Schweizer Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen Schlagzeilen. Sie trug Belege dafür zusammen, dass das HI-Virus unter wirksamer Therapie nicht übertragbar ist. „Das war eine Aussage wie ein Tabubruch“, sagt Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für HIV-Forschung am Uni-Klinikum Essen. Und ein Wendepunkt. „Denn das heißt ja, es ist sicherer, mit einem HIV-positiven Menschen unter Therapie Sex zu haben als mit jemandem, der sich nicht hat testen lassen.“

Heute ist durch große Untersuchungen bewiesen, dass die Schweizer recht hatten. „Das deckt sich mit unserer Einschätzung“, sagt Uwe Koppe, Experte am Robert- Koch-Institut (RKI). Er zitiert Studien mit hetero- und homosexuellen Paaren, in denen ein Partner HIV-positiv und der andere nicht infiziert war. „Unter wirksamer Therapie kam es bisher zu keiner Übertragung“, bilanziert er. „Das ist eine tolle Botschaft. Weil Sex mit so viel Angst verbunden war und mit der Stigmatisierung von HIV-Positiven. Heute können sie sogar Kinder zeugen.“

Völlig irrationale Infektionsängste

Doch selbst in Krankenhäusern herrschen manchmal bis heute völlig irrationale Infektionsängste. „Ich habe bei einem Sportunfall einen Hockeyschläger ins Gesicht bekommen“, berichtet Franziska Borkel. „Als Jahre später mein Kiefer deshalb in einer Klinik geröntgt werden sollte, haben sie auf meine Krankenakte panisch mit rotem Filzstift ‘HIV’ geschrieben.“ Damit saß sie dann im Wartezimmer. „So etwas macht traurig und einsam.“ Und wütend. Borkel begann, sich in der Aids-Hilfe für Aufklärung zu engagieren – und dafür auch ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Sie bekam ihre HIV-Diagnose mit 16. Danach waren regelmäßige Blutchecks für sie selbstverständlich. Leicht war das später in Studium und Beruf nicht immer zu organisieren, denn die Umweltwissenschaftlerin lebte auch in Marokko und Nepal. Mit einer HIV-Therapie begann sie mit Mitte 20 in Spanien. „Heute würde man früher anfangen. Das war eine andere Zeit“, sagt sie im Rückblick.

Kondome waren für sie seit der Diagnose erst einmal selbstverständlich. Ablehnung in Liebesdingen habe sie nie erfahren, wenn sie über ihre Infektion sprach, sagt sie. „Nachdenklichkeit schon. Und die Bitte, über HIV erst einmal in Ruhe nachlesen zu dürfen.“ Mit dem Wunsch nach Kindern stellten sich für sie und ihren Mann neue Fragen: nach dem Übertragungsrisiko bei Schwangerschaft und Geburt und den Auswirkungen der Medikamente auf das ungeborene Kind. „Als wir uns sicher waren, dass kein Risiko besteht, haben wir die Familiengründung gewagt.“

Nur mit Kaiserschnitt entbinden

Doch erneut sah sie sich in Krankenhäusern mit Unwissen konfrontiert. Kliniken in Baden-Württemberg, wo sie damals lebte, wollten eine HIV-positive Frau unter Therapie nur mit Kaiserschnitt entbinden. „Obwohl in den ärztlichen Leitlinien stand, dass die vaginale Geburt empfohlen wird“, sagt Franziska Borkel. Therapien haben auch für Geburten viel verändert: Ohne HIV-Übertragungsrisiko wiegt der Nutzen eines tiefen Schnitts in den Bauch mögliche Komplikationen nicht mehr auf.

In Frankfurt gab es bei Fragen nach natürlicher Geburt kein Problem. Doch es war Winter. Franziska Borkel hatte Sorge, dass sie es bei Eis und Schnee nicht rechtzeitig in die Klinik schafft. Drei Wochen lebte sie in einer Frankfurter Jugendherberge nahe der Klinik, weil sie nur so sicher sein konnte, spontan und ohne Kaiserschnitt entbinden zu können. Da war die Wut wieder da. Heute laufe das auch im Süden anders, sagt sie.

Die jüngste Geburt in Berlin erschien ihr leicht. „Es gibt in großen Städten ein Paralleluniversum der HIV-Versorgung. Ohne Diskriminierung“, sagt sie. Ihre Tochter hat Franziska Borkel gestillt, obwohl das Baby dann ein paar Monate länger über die Muttermilch Rückstände von Medikamenten gegen HIV bekam. Leitlinien empfehlen das Stillen noch nicht. „Sie dulden aber in Einzelfällen ein medizinisches Begleiten der Mutter“, berichtet Borkel.

Jeder siebte zögert, HIV-positive Menschen zu umarmen

„Es ist gut, dass HIV heute nicht mehr so skandalisiert wird“, sagt RKI-Experte Koppe. „Aber dadurch kommen neue Erkenntnisse natürlich auch weniger in die Köpfe.“ Laut der Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zögert immer noch fast jeder siebte, HIV-positive Menschen zu umarmen. Dabei bestand bei Umarmungen noch nie ein Infektionsrisiko. Selbst bei ungeschützten sexuellen Kontakten liegt es niedrig – aber es besteht.

Die Deutsche Aids-Hilfe wertet die Erfolge durch Therapien als Entlastung für Betroffene. „Die meisten Menschen empfinden es als belastend zu wissen, dass sie andere mit HIV anstecken können“, sagt Sprecher Holger Wicht. „Genau deswegen sollen möglichst viele Menschen erfahren, dass HIV unter Therapie nicht übertragbar ist.“ Das nehme Ängste und trage zu einem entspannten Sexleben bei, besonders in festen Beziehungen mit einem HIV-positiven und einem nicht-infizierten Partner. Verbunden ist mit der Botschaft auch die Hoffnung, dass sich mehr Menschen auf HIV testen lassen und bei positivem Ergebnis eine Therapie beginnen.

Ihren Kindern erklärt Franziska Borkel das HI-Virus altersgerecht, soweit sie es verstehen können. „Ich glaube nicht, dass sie Diskriminierung trifft“, sagt sie. Wenn es für mich angstfrei ist, dann ist es das für meine Kinder genauso.“

Dank spezieller Medikamenten haben die 86 000 Menschen, die in Deutschland mit einer HIV-Infektion leben, eine fast normale Lebenserwartung. Sie können ihren Alltag gestalten wie andere Menschen mit einer chronischen Erkrankung auch. Doch aktuelle Daten zeigen, dass es für Teile der Bevölkerung im Umgang mit HIV-positiven Menschen immer noch Unsicherheiten gibt. Sie befürchten vor allem, sich selbst mit dem HI-Virus zu infizieren.
Während unserer Telefonaktion werden alle Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen beantwortet, zum Beispiel: Kann man sich beim Küssen mit HIV infizieren? Ist man in der Sauna, auf öffentlichen Toiletten oder im Schwimmbad vor Ansteckung sicher? Wie kann man sich beim Sex vor HIV, Chlamydien, Tripper oder Syphillis schützen? Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass man sich eventuell infiziert hat? Welche Therapien gibt es?
Ihre Gesprächspartner sind die Beraterinnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Dr. Dorothee Köpsell und Brigitte Hennings. Die Telefone sind am Mittwoch, 28. November, von 10 bis 12 Uhr unter der Festnetz-Nummer 02 21/89 20 31 geschaltet. Rufen Sie an, Anonymität ist garantiert.

Rund 900 Menschen in MV leben mit HIV

In Mecklenburg-Vorpommern leben rund 900 Menschen mit dem HI-Virus. Laut Robert-Koch-Institut waren Ende 2017 im Nordosten 820 bis 940 Menschen infiziert, teilte die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit und Aufklärung (Aids-Hilfe Westmecklenburg) am Freitag mit. Davon hätten nur etwa 700 eine HIV-Diagnose, mehr als 200 Menschen „wissen noch nichts von ihrer Infektion“. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich die Zahl HIV-Infizierter um etwa 120 Betroffene. Deutschlandweit leben 86 100 Menschen mit HIV.

Mit einer Sonderbahn soll am Welt-Aids-Tag (1. Dezember) in Schwerin auf das Thema HIV, Aids und sexuelle Gesundheit aufmerksam gemacht werden. Die Straßenbahn ist zwischen 14.45 und 16.35 Uhr in der Innenstadt und den Stadtteilen Großer Dreesch und Lankow unterwegs. Die Organisatoren möchten mit den Fahrgästen ins Gespräch kommen und sie für das Thema sensibilisieren.

Zeitgleich sammeln Mitarbeiter der Beratungsstelle auf dem Weg dieser Aktion Spenden für ihre Aufklärungs-, Beratungs- und Betreuungsarbeit. Ein DJ wird für Musik in der Straßenbahn sorgen. Geplant sind auch kleine Aktionen in der Bahn und an größeren Haltestellen. „In der Gesellschaft werden HIV-positive Menschen diskriminiert“, hieß es. „Freunde und Kollegen wenden sich von ihnen ab, sobald sie von deren Infektion erfahren, bei Ärzten und Zahnärzten werden sie häufig abgewiesen.“ Diskriminierung tue weh und mache krank. Immer wieder berichteten HIV-infizierte Menschen, dass sie aus Angst vor Diskriminierung keine ärztliche Hilfe gesucht haben, obwohl es nötig war.

„Menschen mit HIV leiden außerdem häufiger unter Depressionen, die ebenfalls oft unbehandelt bleiben.“ Ausgrenzung behindere aber auch die Prävention. So könne die Angst vor Diskriminierung dazu führen, dass HIV-Testangebote nicht genutzt werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen