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Egon Krenz im Interview Frieden in Europa ist nur mit Russland möglich

Von Joachim Mangler | 14.03.2017, 05:00 Uhr

Egon Krenz hat eine enge Beziehung zu Russland. Als führendes Mitglied der SED  war er stets nahe am Kreml und verfolgte die Geschichte zunächst der Sowjetunion und später von Russland. Krenz kritisiert im Interview mit Joachim Mangler die deutsche Politik gegenüber Russland.

Die Nato hat mit ihren Truppen, darunter auch der Bundeswehr, ihre Präsenz im Baltikum ausgeweitet. Wie beurteilen Sie das?
Krenz: Das ist eine provokative Machtdemonstration. Sie verschärft die ohnehin zugespitzte Situation auf unserem Kontinent und darüber hinaus. Bekanntlich wurde die Sowjetunion am  22. Juni 1941 von Hitler-Deutschland überfallen. Dieses Datum ist für die meisten Russen mit dem damals geleisteten Schwur verbunden, der bis heute gilt: „Nie wieder sollen fremde Truppen so nahe an unserer Grenze stehen wie an jenem 22. Juni 1941.“ Der Krieg kostete 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben. Dieses Trauma ist bis heute in fast jeder russischen Familie präsent. Aber just zum 75. Jahrestag des Überfalls deutscher  Truppen auf die Sowjetunion wurden 2016 an Russlands Grenzen Manöver der Nato abgehalten. Das nenne ich geschichtslos. Im Verhältnis zu Russland kann das verhängnisvoll werden.

Kritik an DDR-Geschichtsbild

Egon Krenz: „So war die DDR nicht“

Meinung – Joachim Mangler
Wenn Egon Krenz Geschichten über die DDR liest oder hört, meint er oft, dass über ein anderes Land berichtet wird. Nicht über das Land, das er mitgeprägt hat und an dessen Spitze er in der Wendezeit als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und als Vorsitzender des Staatsrates stand. „Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.“ Diese Wahrheit sei viel differenzierter, als sie in den Medien oder der Politik heute widergespiegelt werde. „Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die das Land aus Ruinen aufgebaut und gerne in ihm gelebt haben“, betont Krenz, der als ein treuer Gefolgsmann von Erich Honecker (1912-1994) galt.

Bei seinem Spaziergang durch Ribnitz-Damgarten, wo er aufgewachsen ist, wirkt Krenz, der 1997 wegen seiner Verantwortung für Todesschüsse an der Berliner Mauer zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wurde, rüstig und agil. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt. Er treibe regelmäßig Sport. „Ich jogge nicht mehr zehn Kilometer wie früher. Mit schnellem Gehen und Fahrradfahren halte ich mich fit.“ Zudem schreibt er Bücher, Ende 2016 erschien ein Buch mit Gesprächen mit dem Musiker Heinz Rudolf Kunze. Vor allem die Politik lasse ihn nicht los. Er gehe auf Versammlungen, halte Vorträge und freue sich über, wie er berichtet, oft ausverkaufte Veranstaltungen. Seine Meinung zähle noch im Osten – vor allem bei den Älteren. Oft treffe er Leute, die sagten, dass es schade sei, dass es die DDR nicht mehr gebe. „Das Gerechtigkeitsgefühl ist noch sehr ausgeprägt.“ Das gelte vor allem, wenn es um den Vergleich mit der Bundesrepublik geht. „Es wird immer so getan, als sei der Weg der Bundesrepublik eine einzigartige Erfolgs- und der der DDR eine einzige Negativgeschichte – so undifferenziert ist es nicht gewesen.“

Zur historischen und nicht gewürdigten Wahrheit gehört für Krenz auch seine Rolle am 9. November. „Ich wäre laut Verfassung verpflichtet gewesen, die Grenzen der DDR zu schützen.“ Er sei im Besitz der militärischen Gewalt gewesen und hätte den Befehl geben können. „Ich habe einen Befehl zur Gewaltlosigkeit gegeben. Jedoch nicht, damit deutsche Soldaten wieder wie in Afghanistan im Ausland sterben.“

In der Einschätzung wird er von Martin Sabrow von der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam zumindest in einem Punkt gestützt. Krenz habe im entscheidenden Moment dafür gesorgt, dass die Waffen geschwiegen haben. „Er hat den Untergang der DDR der militärischen Option vorgezogen – das ist sein Verdienst und es trug zu dem historischen Wunder bei, dass der Kommunismus in Europa lautlos Abschied von der Macht nahm.“ Aber, sagt Sabrow, Krenz hätte auch nicht anders gekonnt: Er hätte seine Rolle als Reformer zerstört, wenn er die militärische Karte gespielt hätte.

Krenz ist überzeugt, dass der Grund des nicht nachlassenden Interesses an ihm die einseitige Behandlung der DDR-Geschichte sei. Kommunistische Biografien würden getilgt, Straßennamen verschwänden. Viele Historiker würden die DDR verdammen, statt sie zu analysieren. „Bei den meisten Veröffentlichungen würde ich drüber schreiben: ,So war die DDR nicht’“, ereifert sich Krenz. Wie ein roter Faden ziehen sich Sätze wie „Es wird mit zweierlei Maß gemessen“ und „Es ist viel Heuchelei dabei“ durch seine Argumentation. Das gelte auch für den Zustand der DDR in den letzten Jahren – eine Zeit, in der viele Menschen nicht mehr in einer Diktatur leben wollten und die Nase voll hatten von der verfehlten Wirtschaftspolitik. „Es gab Probleme, die hätten gelöst werden müssen und können“, so Krenz. Mit dieser Haltung unterscheidet sich Krenz nicht von anderen, sagt Sabrow. Jeder trage ein auf sich selbst zugeschnittenes Weltbild mit sich herum und findet auch ihm plausible Begründungen, mit der er seine Argumentation belegt. Krenz’ Rolle sei die eines über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Kronprinzen gewesen, der aber in der Bevölkerung nie unumstritten war. Er sei eine selbstverständliche Säule des Regimes gewesen. Dass es Missstände in der DDR und viele Unzufriedene gegeben hat, streitet Krenz nicht ab. Aber die anderen Staaten seien auch nicht besser. Das gelte selbst für das Geheimdienstsystem der Stasi, unter dem in der 40-jährigen Geschichte nach Einschätzung von Historikern eine siebenstellige Zahl von politisch Verfolgten zu leiden hatte. Er streite nicht ab, dass es bei der Staatssicherheit Dinge gegeben hat, die nicht gutzuheißen sind. „Aber wir haben doch auch heute Geheimdienst-Probleme in Deutschland“, sagt Krenz.

„Damit verkennt Krenz den gravierenden Unterschied zwischen der Geheimpolizei von Diktaturen und den Geheimdiensten in Demokratien“, sagt der Chef der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde, Volker Höffer. Das entscheidende Augenmerk einer Geheimpolizei wie der Stasi liege auf der politisch motivierten Überwachung und Verfolgung der eigenen Bevölkerung. Höffer kritisiert weiter, dass Krenz eine differenzierte Sichtweise auf die DDR fordert, selbst aber dazu nicht fähig sei. Krenz verweist auf die unzufriedenen Menschen, die in Deutschland und Europa leben. Zu DDR-Zeiten habe es mit der Bundesrepublik eine System-Alternative gegeben. Das gebe es heute nicht mehr. Aber wer sich heute gegen die Regierungspolitik stelle, werde schnell als „Populist“ abqualifziert. In diesem Zusammenhang sieht er auch den Begriff „postfaktisch“, wenn die öffentliche Meinung weniger von Tatsachen als von Gefühlen und Ressentiments beeinflusst wird. „Die DDR wird seit 1990 postfaktisch aufgearbeitet – es wird gelogen und nicht differenziert“, klagt Krenz.
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Manche osteuropäischen Länder haben seit dem Konflikt um die Ost-Ukraine und der Annexion der Krim Angst vor Russland und fürchten um ihre Souveränität? Ist da das Verhalten der Nato nicht verständlich, die eigenen Nato-Partner zu unterstützen?
Die Ereignisse in der Ost-Ukraine und auf der Krim sind unter anderem Folgeerscheinungen der Politik des Westens, der sich nicht an die internationalen Abmachungen hält, die im Zusammenhang mit der Herstellung der deutschen Einheit getroffen wurden.

Die sowjetischen Soldaten sind in den 90er-Jahren aus Deutschland  abgezogen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Sie hätten dies bestimmt nicht getan, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen Nato-Streitkräfte, darunter deutsche, bis an ihre Staatsgrenze nachrücken.

Die Auflösung des Warschauer Vertrages hätte ein Signal zur Schaffung einer gesamteuropäischen Friedensordnung sein müssen.

Stattdessen wurde es der Auftakt zur Demütigung Russlands, wogegen die Russen sich zu Recht wehren.

Wie beurteilen Sie die momentane Verbindung zwischen Deutschland und Russland?
Leider hat Bundespräsident Gauck in seiner Amtszeit etwas für Deutschland Wesentliches unterlassen: Er ist seit Jahrzehnten der einzige Bundespräsident, der während seiner Amtszeit Moskau keinen Besuch abstattete. Als 1988 die Beziehungen der Bundesrepublik zur Sowjetunion auf einem Tiefpunkt waren, weil Kanzler Kohl Gorbatschow mit Goebbels verglichen hatte, fuhr Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Moskau und brachte alles wieder ins Lot. Schade, dass Herr Gauck zu einer solchen Geste nicht  fähig war. Für Deutschland war das nicht gut. Seit Otto von Bismarck wissen Realpolitiker, dass Frieden in Europa nur mit und nicht gegen Russland möglich ist.