Parchimer Marketingverein beim Amtsgericht abgemeldet : Zum Erfolg verdammt - und verloren

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Der im Oktober 2005 in der Eldestadt gegründete Marketingverein soll nach dem Austritt von 70 Mitgliedern von Amts wegen aufgelöst werden.

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25. Februar 2011, 10:41 Uhr

Parchim | War da nicht noch etwas? Als sich kürzlich Parchimer Geschäftsleute trafen, um über eine Neuauflage der "Langen Einkaufsnacht" zu beraten, stand urplötzlich die Frage im Raum: "Was ist eigentlich aus dem Verein für Stadtmarketing geworden, der bis dato die Schirmherrschaft über das Einkaufsevent übernommen hat?" Eine Antwort hatte niemand parat. Also ab ins Internet und bei Google das Stichwort "Stadtmarketing Parchim" eingegeben. Die Sache scheint zu funktionieren: Diverse Links weisen auf Seiten unter der Adresse www.fuerparchim.de hin. Doppelklick und Schluss: "Error". Noch vor wenigen Tagen hatte es ein funktionierendes Internetportal des Vereins "Für Parchim Stadtmarketing Verein e.V." gegeben.

An der Spitze steht seit vier Jahren Nico Skiba, der das Amt des Vereinsvorsitzenden seinerzeit von Uwe Meinke übernommen hat. Und Skiba sorgt für einen Paukenschlag: "Der Parchimer Marketingverein wurde zum 31. Dezember 2010 von Amts wegen aufgelöst. Fast alle Mitglieder sind ausgetreten."

Zum Schluss nur noch zwei Mitglieder

In einem unserer Redaktion vorliegenden Brief hat sich Skiba am 27. September 2010 unmissverständlich an seine Vereinsmitglieder gewandt. Darin heißt es u.a.: "In Vorbereitung der Mitgliederversammlung und Neuwahlen gibt es keine Kandidaten für einen neuen vollständigen Vorstand ... Aufgrund der mangelnden Beteiligung der übrigen Mitglieder, sehen wir als eine vernünftige Konsequenz die Auflösung des Vereins." Dies kann laut Satzung auf einer ordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen werden. "Die wesentlich stressfreier umsetzbare Variante ist die, dass der Verein vom Amtsgericht aufgelöst wird, nachdem alle Mitglieder schriftlich ihren Austritt erklärt haben", heißt es in dem Schreiben weiter. Und ein entsprechendes Formular wurde auch gleich mitgeliefert.

Die ungewöhnliche Botschaft traf ins Schwarze. 70 der 72 Mitglieder traten aus. Nur Kneipenwirt Norbert Wiencke und Bürgermeister Bernd Rolly halten zur Stange. "Wir wollten gemeinsam für Parchim viel erreichen und müssen dennoch aufgeben. Aber die Mühen war keineswegs umsonst", ist sich Skiba sicher. Dazu gehörten ein Veranstaltungs flyer ebenso wie Familienfeste am Herrentag sowie die Teilnahme an den Stadtfesten, der Langen Einkaufsnacht, den Adventsmärkten und dem Kampf um den Erhalt des Kreisstadtstatus. Die Geschäfte habe er nach bestem Wissen und Gewissen geführt. "Der Vereinshaushalt ist ausgeglichen, und sollte ein Euro übrig bleiben, bekommt ihn die Stadt." Die Ursache für das Scheitern des Vereins ist aus Skibas Sicht klar: "Es funktioniert nur, wenn viele mitmachen. So wie ich haben sicher einige den erforderlichen Zeitaufwand unterschätzt", sagt der 43-Jährige, der nicht nur beruflich, sondern auch als Stadtvertreter in der CDU-Fraktion und Chef des Wirtschaftsausschusses stark gefordert ist.

Rückblick: Nach einem Grundsatzbeschluss der Stadtvertreter wird 2005 die "gezielte und professionale Vermarktung der Stadt in allen Bereichen vorangetrieben". Das Stadtmarketing-Projekt soll richten was zuvor ein Händlerstammtisch, eine Zukunftswerkstatt, ein Altstadtverein, ein Wirtestammtisch, ein Handels- und Gewerbeverein, eine AG Innenstadt, eine Interessengemeinschaft der Einzelhändler... nicht geschafft haben. Und diesmal wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Im Haushalt standen für die Startphase incl. Gründung eines Vereins 75 000 Euro bereit. "Auf Vorschlag des Schweriner Bauministeriums wollten wir auf professionelle Hilfe nicht verzichten", sagt der zuständige Fachbereichsleiter der Stadtverwaltung Holger Geick. Der aus Linz/Österreich stammende Berater Thomas Egger sagte zu, kam mehrfach in die Eldestadt, zog die Zuhörer in seinen Bann und bekam dafür das vereinbarte Honorar von rund 47 000 Euro. "Das war uns damals die Sache wert", meint Bürgermeister Bernd Rolly rückblickend, der das jähe Ende des Marketingvereins als "schweren Rückschlag" bewertet.

"Es war ein Versuch, der sich gelohnt hat", lautet Holger Geicks Fazit. Schließlich seien durch die Aktivitäten des Stadtmarketingvereins vor allem junge Parchimer animiert worden, sich erstmals selbst einzubringen. "Die kritische Masse unter einen Hut zu bringen, ist nicht nur in Parchim schwer", räumt er ein. Vieles habe sich inzwischen geändert, so setze man in Parchim nicht mehr vordergründig auf Handel, sondern auf Gastronomie und Kultur als Zugpferd für die Innenstadt.

Grundlegende Probleme und falsche Projekte

"Ich gehe davon aus, dass in den zurückliegenden sechs Jahren zahlreiche Projekte umgesetzt worden sind. Das ist sicher als Erfolg des Stadtmarketings zu werten", gibt sich Berater Thomas Egger zufrieden. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Stadtmarketingvereine nach drei bis vier Jahren durch Marketinggesellschaften incl. Geschäftsführung ersetzt werden sollten. "Dafür fehlt uns in Parchim das Geld", kontert Holger Geick.

Für das Stadtmarketing wurden seit 1995 etwa 92 000 Euro aus Haushaltsmitteln eingesetzt.

Für Kneipenwirt Norbert Wiencke ist das Thema mit der ungewöhnliche Vereinsauflösung nicht abgehakt. "Es ist sehr, sehr schade! Es wurden grundlegende Fehler gemacht und auf falsche Projekte gesetzt", sagt er und fügt hinzu: "Mit Flyern, T-Shirts und Werbung auf Lkw-Planen bringt man Parchim langfristig nicht wirklich voran". Er will auch kritisch hinterfragen, warum es seit 2007 keine ordentliche Mitgliederversammlung mehr gegeben hat und Finanzberichte womöglich fehlen.

Das Aus des Stadtmarketingvereins führt zu ersten Konsequenzen. "Für eine Einkaufsnacht fehlt uns nun ein juristisch verantwortlicher Ansprechpartner", gibt sich Holger Geick enttäuscht.


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