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Integration in der Grundschule : Zum Beispiel Emely, Klasse 1b

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Abschieben. Niemand möchte dieses Wort verwenden, wenn es um Kinder geht. Auch der Geschäftsführer der Deutschen Kinderhilfe in MV, verkneift es sich, als er ein bildungspolitisches Ärgernis anprangert.

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erstellt am 06.Jan.2012 | 08:46 Uhr

Güstrow | Abschieben. Natürlich möchte niemand dieses Wort verwenden, wenn es um Kinder geht. Auch Rainer Becker, Geschäftsführer der Deutschen Kinderhilfe in Mecklenburg-Vorpommern, verkneift es sich, als er ein bildungspolitisches Ärgernis anprangert - den Fall "eines im August eingeschulten Mädchens, das bereits jetzt in eine Förderklasse soll, weil es langsamer lernt als erwartet - mit 25 Mitschülerinnen und Mitschülern. Und aus dem Bildungspaket läuft natürlich nichts." Emely aus Klasse 1b der Kersting-Schule Güstrow ist ein Beispiel dafür, wie weit Wunsch und Wirklichkeit bei der Lernförderung auseinander klaffen in einem Land, das mehr Integration in der Schule anstrebt.

Anfang Juni 2011 ist Emely 6 geworden, zweieinhalb Monate später wird sie eingeschult. Die Kindergärtnerinnen haben geraten, nicht länger zu warten. Vorschulprojekte und Kita-Englisch hatte das Mädchen anstandslos gemeistert. Bei der Wahl der Grundschule vertrauen Sandra Herm und ihr Ehemann auf positive Mundpropaganda. "Wir haben extra einen kleinen Ranzen gekauft", sagt die Mutter. Ihre Tochter ist ein Leichtgewicht und "sehr schüchtern". Ihren Namen - "E. M. E. L. Y." - kann Emely buchstabieren, den ihrer kleinen Schwester - "L. U. A. N. A." - Luana ebenfalls. Sie hat Lobstempel in den Heften, doch auch etliche rote Einträge. "Weiter fleißig lesen üben! 1 x reicht nicht aus!" So steht es unter einem Übungstext. Ein Motivationsversuch? Sandra Herm deutet es als Vorwurf. "Wir lesen mehrmals", schreibt sie zurück. Pro Tag übt sie rund eine Stunde mit ihrer Tochter - nach den Hausaufgaben. Als Hausfrau hat sie Zeit dazu, während ihr Mann auswärts arbeitet. Extra Arbeitshefte hat sie angeschafft. "Lesen klappt jetzt ganz gut", schätzt sie ein. Auch der Mengenvergleich "größer und und kleiner als" ist verstanden. Derzeit kämpfen sie mit Plus und Minus.

Enttäuschung beim Elterngespräch

Das erste Elterngespräch Anfang Dezember hat Sandra Herm als böse Überraschung erlebt. "Emely könnte doch die Schule wechseln, an der Inselseeschule ist noch ein DFK-Platz frei", so habe es ihr die Klassenlehrerin nahe gelegt. Die DFK - Dia gnoseförderklassen - erarbeiten den Stoff von Klasse 1 und 2 im Verlauf von drei Schuljahren. Sie gelten als eine Möglichkeit der Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten. "Man kann doch ein Kind nicht einfach abschieben, wenn es etwas langsamer ist", sagt Sandra Herm. Und: "Das ist unser erstes Kind in der Schule, da wollen wir doch alles richtig machen." Das Beste für das Kind - diesen Anspruch reklamierte auch das Bildungsministerium für sich, als es im vergangenen Schuljahr begann, Kinder mit Lernschwierigkeiten statt an allgemeinen Förderschulen in reguläre Grundschulen aufzunehmen. Dort werde gezielt gefördert, dem "System" gehe keine Förderstunde verloren - so lautete das Versprechen der Behörde. Lehrer blieben skeptisch, Eltern setzten sich zur Wehr. Schon die alte Landesregierung hatte die Reform abgebremst, die neue hat sie nun ausgesetzt. Eine Expertenkommission soll einen Fahrplan erarbeiten, um bis 2020 eine "Schule für (fast) alle" zu schaffen (unsere Zeitung berichtete).

Wer sich an der Kersting-Schule auf Suche nach den ministeriell verbrieften Förderstunden begibt, wundert sich: Nach Auskunft des Schulleiters kommt für zwei Stunden pro Woche eine Sonderschulpädagogin vom Förderzen trum Güstrow ins Haus, um zwei, drei Schülern Förderunterricht zu erteilen. Drei Förderschüler aus sieben Klassen, die es außer den beiden ersten noch gibt? Möglich, dass die Güstrower Schule ein Einzelfall ist. Schulleiter Ralph Grothe kommentiert die auffallend geringe Zahl nicht. "Wir würden uns natürlich wünschen, dass es mehr wären", sagt er stattdessen über die Förderstunden. Deren Vergabe ist festgelegt: Vermutet der Klassenlehrer bei einem Schüler Bedarf, kann er mit Zustimmung der Eltern den Zentralen Diagnostischen Dienst des Schulamtes zu Rate ziehen. Er entscheidet.

Schule setzt auf Dialog mit den Eltern

Gemeinsam mit den Eltern den besten Weg für jedes Kind zu finden - das halten Ralph Grothe und sein Kollegium für eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Der Eindruck, ein Kind abschieben zu wollen, "ist nicht im Geringsten gewollt". Im Fall von Emely hofft der Schulleiter auf einen Dialog mit den Eltern. "Falls Hilfe nötig ist, suchen wir gemeinsam einen Weg."

Unterdessen steht der Verein Kinderhilfe, der durch das Engagement von Sponsoren und Sympathisanten Bildungsgutscheine vergeben kann, dem Mädchen bei: Nachhilfe für 150 Euro hat Rainer Becker der Familie gewährt. Er rügt die Hürden, die das Land Mecklenburg-Vorpommern vor der Vergabe von Gutscheinen aus dem Bildungspaket auftürmt. Nachhilfe könne beispielsweise erst beantragt werden, wenn auf dem Halbjahreszeugnis mangelhafte Noten stehen oder Versetzungsgefahr droht. Rainer Becker fordert eine Vereinfachung nach dem Vorbild von Berlin, wo unter anderem Sonderfälle wie lange Krankheiten oder familiäre Probleme berücksichtigt werden können.


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