Malerei von Gerhard Moll im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus : Zuflucht zu Farben und Formen

Brücke II, 1946   Öl auf Leinwand
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Brücke II, 1946 Öl auf Leinwand

Eine richtig schöne Kunstausstellung, mit Malerei, Aquarellen und Zeichnungen, reich in Farben und Formen, keine auf den Kopf gestellten Gegenstände, sondern "auf steigernde Art nach der Natur" gearbeitet.

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19. November 2010, 07:47 Uhr

Schwerin | Eine richtig schöne Kunstausstellung, mit Malerei, Aquarellen und Zeichnungen, reich in Farben und Formen, keine auf den Kopf gestellten Gegenstände, sondern "auf steigernde Art nach der Natur" gearbeitet. Zudem eine erstaunliche, hochverdiente Entdeckung in der Berliner Bildkunst der Jahrzehnte nach dem Kriege.

Wer ist Gerhard Moll? Seine traurige Biographie mit Kriegsverweigerung, Neubeginn, Vereinsamung, Armut und Krankheit hat ihn hinter Weggefährten wie Waldemar Grzimek oder Werner Heldt verborgen. Als Wanderer zwischen Berlin West und Berlin Ost geriet er in die Strudel, in die auch die Künste hineingerissen wurden. 1986 ist er mit 66 zu früh und zu sehr im Verborgenen gestorben, um im heutigen Bilderbetrieb präsent zu sein.

Wieder einmal muss das Wort von der "verlorenen Generation" bemüht werden, von Künstlern, die sich unter dem Hitlerregime nicht entfalten konnten und danach in der politisch betriebenen Polarisation von Abstraktion und Realismus nur schwer einen Platz finden konnten. Nach den ideologischen Zwängen der NS-Bildnerei waren die Künstler misstrauisch gegenüber festgefügten Weltbildern geworden. Sie gaben sich Farben und Formen hin.

Gerhard Moll hatte schon 1944 die Häuser von Ahrenshoop als zeitlose Zeichen gemalt und so suchte er im Nachkriegs-Berlin gemeinsam mit anderen Halt in den optischen Strukturen der ihn umgebenden Wirklichkeit.

Es gibt bemerkenswerte Porträts und die gesichtslosen Körper der Liegenden, aber vor allem beeindrucken Molls ineinander verschränkte Kompositionen aus Figur, Landschaft, Haus. In Gruppen von Bildern probiert der Maler seine Themen aus und verwandelt jeweils die Seelenklänge. Die Brücke über einen kleinen Fluß erscheint einmal mit dunklen Figuren vor hellen Häusern, ein anderes Mal mit einem liegenden Paar wie mit einer Predella, einem Fundament des Bildes und ein drittes Mal die Brücke in gleißender Helle, zu der sechs Figuren in unterschiedliche Beziehung treten. Die Farbe aber ist das tiefe Blau des Traums.

Mit solchen aus der Zeit fallenden figuralen Kompositionen steht Moll am Ende der 40er-Jahre nicht allein. Es gibt sie tänzerisch bei dem älteren Alexander Camaro und seine seltsamen Vögel ziehen auch durch die Bilder von Heinz Trökes und Mac Zimmermann. Bei Moll führen sie zur Abstraktion. In großformatigen Aquarellen der 70er-Jahre entfaltet er ein immer wieder neues Spiel mannigfacher Annäherungen und Konfrontationen, einen schier unerschöpflichen Fundus innerer Gesichter, mit denen der Künstler eine Gegenwelt - mal mit verschwimmenden, mal mit festeren Konturen - vor der bedrohlichen Realität aufbaute. Oft gelingen ihm in sich vollkommene Bildzeichen, manchmal wird der Ansturm der Formen allzu groß und somit zum Ornament. Das schillernde Pfauenauge hats ihm angetan.

Ruhelos probiert Moll sich aus. In großformatigen Zeichnungen werden ihm Berlin-Ansichten wie vom Rathaus Schöneberg unter der Hand zu Variationen des universalen Themas Menschen in der Großstadt. Und am Ende seines Schaffens steht in Bildern von Motorradfahrern ein böser Humor, Raserei quasi angehalten zu grellen Verkehrszeichen. Klingt da nicht ein Bildtopos an, der in den Warnbildern der DDR-Malerei der 80er-Jahre gesellschaftliche Relevanz erlangte?

Die im Schleswig-Holstein-Haus mit Sachverstand gehängten rund 80 Bilder sind ein Teil des Nachlasses, den die Lebensgefährtin des Künstlers in Berlin hütet. Verkaufen mag sie, um ihn zusammenzuhalten, nichts. Damit bleibt die Frage, wo ein solches Werk seinem Wert entsprechend einmal bleibt, offen. Schön, dass es in Schwerin gezeigt wird.

Am Ende meines Rundgangs sehe ich aus dem Fenster des Obergeschosses; da fügt sich der Straßenausschnitt aus der Schelfstadt unversehens zu einem Bilde.

Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, Puschkinstraße 12, bis 9. Januar, täglich 10-18 Uhr

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