Zu wenig Zeit für die Kinder

Erzieherin Petra Tokarz bindet  Emma-Hermine die Schuhe zu.
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Erzieherin Petra Tokarz bindet Emma-Hermine die Schuhe zu.

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22. April 2009, 08:07 Uhr

Banzkow/Crivitz | Der einjährige Maxim weint und schreit unentwegt. Erzieherin Susann Boeck hält den Steppke auf ihrem Arm und streichelt ihm über den Kopf. "Er ist ein Eingewöhnungskind, erst seit zwei Monaten in der Kita", erzählt die 31-Jährige, die in der Einrichtung "Neddelrad-Spatzen" in Banzkow bei Schwerin arbeitet. Sie will mit den anderen Anderthalbjährigen zum Spielen auf den Hof gehen. Ein Riesenunterfangen: Dem einen Jungen müssen die Schuhe zugebunden werden, dem anderen Jungen zieht die Erzieherin seine Toberhose an und ein Mädchen zupft von hinten am T-Shirt der jungen Frau. Sie betreut gemeinsam mit Anke Breitkreuz eine Gruppe von elf Kindern, die zwischen 15 und 23 Monate alt sind. "Eigentlich bräuchten wir noch eine zusätzliche Kraft, damit wir die Arbeiten abdecken können", sagt Susann Boeck.

Elke Schröder von der integrativen evangelischen Kindertagesstätte in Crivitz bei Schwerin bändigt täglich 21 Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren. Das funktioniert in ihrer Gruppe ganz gut: Zur Mittagszeit sitzen die Kinder brav an den Tischen und warten aufs Essen. Doch ohne die Hilfe einer FSJlerin würde in ihrer Gruppe nicht alles so reibungslos ablaufen.

BetreuerschlüsselIn der Crivitzer Einrichtung wird der vorgegebene Betreuerschlüssel genau eingehalten: Eine Erzieherin ist für eine Kita-Gruppe von 18 Kindern zuständig. Zwei Erzieherinnen betreuen eine Gruppe von zwölf Krippenkindern. Auf die Steppkes der Integrativgruppe, in der vier Kinder mit Behinderung sind, passen eine Erzieherin und eine Heilerzieherin auf.

In der Banzkower Einrichtung "Neddelrad-Spatzen" hingegen kann der Betreuerschlüssel immer schwieriger eingehalten werden. Von den insgesamt 16 Mitarbeiterinnen sind derzeit zwei krank, eine Mitarbeiterin verlässt die Einrichtung Ende Mai. Seit Januar beträgt der Krankenstand 25,5 Fehltage pro Monat. Die verbleibenden Kräfte müssen über 140 Kinder betreuen. Beispielsweise kann hier bei den älteren Kindern, die drei bis vier Jahre bzw. vier bis fünf Jahre alt sind, der vorgeschriebene Betreuungsschlüssel - eine Erzieherin auf 18 Kinder - nicht eingehalten werden. Eine Betreuerin passt auf 21 Kinder auf. Insgesamt betrifft das drei Gruppen. FSJler und Praktikantinnen greifen oft unterstützend unter die Arme.

Zeit für KinderRichtig intensiv können sich die Erzieherinnen in Banzkow nicht mit ihren Schützlingen beschäftigen. Obwohl hier einige Betreuerinnen fehlen, versuchen sie trotzdem, ihre breite Angebotspalette aufrechtzuerhalten: So geht Erzieherin Petra Tokarz nach wie vor mit ihrer Gruppe in die Sauna und gestaltet zudem noch einen Yoga-Kurs. Darüber hinaus ist die Banzkower Einrichtung eine zertifizierte Kneipp-Einrichtung - jeden Dienstag führt eine Erzieherin mit einer Kita-Gruppe dieses Angebot durch. Durch den krankheitsbedingten Ausfall an Arbeitskräften ist auch hier eine Vorbereitung kaum noch möglich.

Damit diese Vielfalt auch weiterhin besteht, hat Gertlinde Krahl einen Aufnahmestopp ausgesprochen. "Es wären insgesamt zehn weitere Kinder dazugekommen", erklärt die Leiterin der Banzkower Kita.

In der evangelischen integrativen Kita sind die Verhältnisse etwas entspannter: Beispielsweise werden in der integrativen Gruppe 15 Kinder - worunter vier Steppkes mit Handicap sind - von einer Erzieherin und einer Heilerzieherin betreut.

Vor- und

NachbereitungZeit zur Vor- und Nachbereitung des Tagesablaufes bleibt den Banzkower Erzieherinnen kaum. Sie schaffen es während der Arbeitszeit nur selten, die Entwicklung der Kinder im jeweiligen "Ich-Buch" aufzuschreiben. Neben dieser Aufgabe müssen sie sowie die anderen Erzieherinnen noch andere Dinge erledigen wie Aufräumen. Beispielsweise brauche Petra Tokarz Extra-Zeit, um sich auf ihren Yoga-Kurs vorzubereiten. Eine andere Erzieherin muss die Kneipp-Stunden planen. Auch die Ausgestaltung der Kita-Einrichtung bleibt auf der Strecke: Der Kuchenbasar, Kleiderbörse und Feiern werden meistens am Wochenende geplant. In Banzkow wie in Crivitz bereiten sich die Erzieherinnen nach der Arbeit auf Entwicklungsgespräche mit den Eltern vor. Pro Elternpaar kalkulieren sie an die zwei Stunden.

Zeit für

ElterngesprächeWährend der normalen Kita-Zeit bleibt bei den "Neddelrad- Spatzen" für längere Gespräche kaum Zeit. Sogar wichtige Informationen werden nur am Rande registriert. "Morgens, wenn die Eltern ihre Kinder abgeben, wollte mir eine Mutter erzählen, was bei der U-8-Untersuchung ihres Kindes herausgekommen ist, doch weil auch andere Eltern und auch die Kinder mit ihren Anliegen zu mir kamen, hatte ich kaum Zeit, darauf richtig einzugehen", schildert Petra Tokarz. In der Crivitzer Einrichtung sieht es ähnlich aus. Mit den Eltern ist morgens kaum ein Gespräch möglich. "Die Erzieherin, die die Eltern begrüßt, notiert sich deren Anliegen und leitet sie an die Kraft weiter, die das jeweilige Kind betreut", erklärt die Kitaleiterin Silke Dingler. Nachmittags läuft es ähnlich: Die Eltern bekommen einen Zettel, auf dem die Erzieherin ihre Tages-Eindrücke aufgeschrieben hat.

AuszubildendeFür die Banzkower Kita ist es schwierig, junge Erzieherinnen zu bekommen. "Die Mädchen, die an der beruflichen Schule in Schwerin zur Erzieherin ausgebildet werden, können außerhalb von Schwerin kein Praktikum machen", erklärt Gertlinde Krahl, Leiterin der "Neddelrad-Spatzen." In Crivitz sehe es ebenfalls schlecht aus, macht Leiterin Silke Dingler deutlich. Bis jetzt habe sie noch keine Bewerbung erhalten. "Wir kriegen von der berufliche Schule in Schwerin, die auch Erzieherinnen ausbildet, immer gesagt, dass wir zu weit weg sind", schildert Silke Dingler einen Grund für den Azubimangel. Der Bedarf sei aber da. Es falle so viel nebenbei an, dass kaum Zeit übrig bleibe, wichtige Sachen wie das Dokumentationsbuch weiterzuführen, erläutert sie.

WeiterbildungenFort- und Weiterbildungen können bei der Crivitzer Einrichtung nur über das Jahr geplant und wahrgenommen werden. "Da fehlt die Erzieherin schon mal über mehrere Tage", erläutert Silke Dingler.

Bei den "Neddelrad-Spatzen" in Banzkow sind Weiterbildungen nur begrenzt möglich. "Eine Kollegin macht ein berufsbegleitendes Studium, und Weiterbildungen nehmen wir nur am Wochenende wahr", sagt die Kitaleiterin Gertlinde Krahl.

ÖffnungszeitenDie Banzkower Einrichtung öffnet seit etwa einem Jahr bis 18 Uhr. "Der Wunsch nach längeren Öffnungszeiten war bei den Eltern vorhanden", sagt Gertlinde Krahl. Die integrative evangelische Kindertagesstätte in Crivitz hat nicht ganz so lange geöffnet. Hier werden die Kinder spätestens um 17 Uhr abgeholt.

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