Scharfe Kritik an Krankenkassen : "Zeit, dass sich die Menschen wehren!"

Wolfgang Zimmermann, Sprecher der Apotheker im Altkreis Parchim, im Gespräch mit einer Kundinilja baatz
Wolfgang Zimmermann, Sprecher der Apotheker im Altkreis Parchim, im Gespräch mit einer Kundinilja baatz

Wolfgang Zimmermann, Sprecher der Apotheker im Altkreis Parchim, kritisiert die Krankenkassen scharf. Sie missachteten die Leistung der Apotheken.

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29. November 2012, 09:57 Uhr

Das Verhältnis zwischen Apothekern und Krankenkassen ist gespannt. Um ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen, legten Erstgenannte im ganzen Land am vergangenen Freitag ihre Arbeit nieder, für zwei Stunden blieben die Türen zu (wir berichteten kurz). Aus Lübz kommen jetzt scharfe Töne.

Als Vergütung für ihre Leistung bekamen Apotheken von den Krankenkassen acht Jahre lang 8,10 Euro pro verkaufter Arzneimittelpackung, 2012 wurde der Wert auf 8,35 Euro erhöht. "Die 25 Cent hat uns der Gesetzgeber zugestanden. Gemessen an den allgemeinen Preissteigerungen ist diese Änderung allerdings eher eine Luftnummer", sagt Wolfgang Zimmermann, Sprecher der Apotheker im Altkreis Parchim.

Unter der Bedingung, dass sie pünktlich bezahlen, und durch ihre Stellung als "Großkunde" erhalten Krankenkassen - an sie verkaufen die Apotheken offiziell die Arzneimittel - einen vom Honorar der Apotheker abgezogenen Rabatt, der Gegenstand der Auseinandersetzungen ist. "Er liegt gegenwärtig bei gut zwei Euro!", so Zimmermann. " Setze ich dagegen die Einnahme pro Packung einschließlich Mehrwertsteuer mit nicht ganz zehn Euro an, macht der davon zu entrichtende Zwangsrabatt demzufolge jetzt rund 20 Prozent aus - für pünktliche Zahlung?" Ein Skontosatz liege in der Geschäftswelt bei maximal vielleicht drei Prozent, was das Missverhältnis verdeutliche.

Kommen die Vertragspartner bei ihren Verhandlungen bezüglich der Rabatthöhe zu keinem Ergebnis, wie 2009 und 2010 der Fall, entscheidet eine Schiedskommission. Sie legte für die beiden genannten Jahre einen Wert von 1,75 Euro fest - ein Verfahren, das gesetzlich genau so geregelt sei. Trotzdem habe der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) dagegen Klage eingereicht. "Der Verdienst für die genannten Jahre steht also noch in den Sternen. Für die einzelne Apotheke macht das fünfstellige Beträge aus", sagt Zimmermann. "Eventuelle Rückzahlungen können sich viele nicht leisten und müssen dann schließen."

Als "Sonderopfer der Apotheken zur Sanierung der Krankenkassen" wurde der Zwangsrabatt für 2011 und 2012 auf 2,05 Euro erhöht. Dies sei jedoch ausdrücklich nur für zwei Jahre vorgesehen gewesen. 2013 müssten demnach wieder 1,75 Euro gelten, wie es auch aus allen Politikerkreisen zu hören sei. "Doch die GKV will mehr - mindestens 2,05 Euro - und wenn irgend möglich auch die 25 Cent aus der Erhöhung der Vergütung", so der Lübzer. "Wir erwarten einfach nur, unsere Arbeit fair zu vergüten. Ich kann ja beispielsweise auch nicht zum Elektriker gehen, ihm einen Auftrag erteilen und ihn dann nur streicheln, wenn er alles gut gemacht hat, gleichzeitig jedoch keinen Cent überweisen. Das würde doch auch niemand akzeptieren - mit Recht!"

Die Krankenkassen verlangten von allen anderen, sämtliche Daten offen zu legen, kehrten selbst jedoch alles unter den Tisch. Ihre Milliardenüberschüsse ergäben sich mutmaßlich in erheblichem Umfang auch durch die von den Apotheken umgesetzten Rabattverträge: "Deshalb verlangen wir, sie offen zu legen, was bisher nicht geschieht! Wir sind es auch, die wegen ständig wechselnder Lieferverträge alle zwei Jahre das Lager umstellen und den zum großen Teil immer wieder verunsicherten Patienten erklären müssen, warum die bisher gelbe Tablette jetzt rot ist. Das machen wir, aber nicht alles kostenlos!" Das Vorgehen der Krankenkassen sei indiskutabel und missachte die weiter oben beschriebene gesetzliche Lage sowie die Leistungen, die die Apothekerinnen und Apotheker erbringen. "Sie setzen die Rabattverträge mit immensem bürokratischen Aufwand um, tragen so zu Einsparungen in Millionenhöhe bei und erfüllen die gesetzlich festgelegte Arzneimittel-Importquote, wodurch weitere Millionen eingespart werden", sagt Zimmermann. "Außerdem übernehmen wir kostenlos das Inkasso der Arzneimittelzuzahlung bei den Versicherten und des Herstellerrabatts bei der Pharmaindustrie. Über den Kassenrabatt flossen allein im vergangenen Jahr Abschläge in Höhe von mehr als 1,2 Milliarden Euro von den Apotheken an die Kassen zurück! Wir rütteln nicht an dem Rabatt an sich. Schließlich setzen wir immer noch auf einen fairen Umgang mit den Kassen als Geschäftspartner, wollen aber auch fair behandelt werden! Mehr durch die Apotheken erbrachte Leistung muss bedeuten, ihnen auch mehr Geld zu überweisen."

Der Alltag sehe leider anders aus. Die Krankenkassen versuchten, jeden noch so kleinen Formfehler auf einem Rezept dazu zu benutzen, es gar nicht zu bezahlen. Ein anderes Beispiel sei, dass die im diesjährigen Chaos rund um den Grippe-Impfstoff über die von den Ärzten georderten Planmengen hinaus bestellten Lieferungen "großzügigerweise" zum Einkaufspreis bezahlt wurden: "Danke, dass wir wieder einmal umsonst arbeiten durften!"

Betroffen seien nicht nur die Apotheken. Im Zusammenhang mit Krankenkassen dränge sich das Bild eines unersättlichen Kolosses auf, der alles um sich herum aussauge und in sich hineinstopfe. "Langsam haben wir doch alle Bereiche durch", meint Zimmermann. "Proteste der Pflegedienste, Ärzte und Krankenhäuser etwa - soll das alles aus der Luft gegriffen sein? Oder kennt jemand Patienten, die aufgrund der restriktiven Vergütungspolitik besser behandelt oder versorgt sind?"

Nie etwas von protestierenden Krankenkassen zu hören, verwundere nicht, da sie sich zum Beispiel über Beitragserhöhungen selbst bedienen könnten. In allen Bereichen prangere man angebliche Verschwendungen und zu teure Arbeit an. Der Sprecher frage sich, ob irgendjemand schon einmal gefragt und auch eine Antwort erhalten habe, wie viel die Arbeit der Krankenkasse kostet: "Sind Vorstandsgehälter wie in anderen Bereichen auch an Gewinne gekoppelt? Oder wie haben sich denn in den letzten Jahren so die Verwaltungskosten entwickelt? Offenlegung bitte! Und nicht alles unter ,Sonstigen Kosten’ verschleiern oder bei Tochterfirmen verstecken. An den vielen Prachtbauten steht doch groß der Name dran, wer darin sitzt. Schon oft wurden millionenschwere Verschwendungen bei den Krankenkassen aufgedeckt, aber richtige Profis schütteln so etwas ab." Weil dies nicht ständig so weitergehen könne, klärten die Apotheken die Öffentlichkeit jetzt über das Leben hinter der Kulisse auf. Sie ließen es nicht weiter zu, dass alle auf sie einprügeln.

Beim Verlangen der deutschen Apotheker nach leistungsgerechter Bezahlung gehe es letztlich um eine Summe von rund 600 Millionen Euro - viel Geld, doch die Tatsache, wie schnell unlängst die Abschaffung der Praxisgebühr einer Nebensache gleich beschlossen worden sei, verdeutliche, dass sich die Relationen bedenklich verschoben haben. "Die nicht mehr verlangte Gebühr bedeutet einen Einnahmeverlust in Höhe von rund einer Milliarde Euro", sagt Zimmermann. "Eigentlich wird nur noch über Milliarden gesprochen."

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