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Fusion-Festival in Waren : Zehntausende feiern ganz ohne Werbung

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Zehntausende Techno-Fans feiern beim größten Musikfestival Mecklenburg-Vorpommerns, trotz Regens. Doch in Lärz geht es um mehr, es gibt Theater und Kabarett.

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erstellt am 04.Jul.2011 | 12:29 Uhr

Zehntausende Techno-Fans feiern beim größten Musikfestival Mecklenburg-Vorpommerns, trotz Regens. Doch in Lärz geht es um mehr, es gibt Theater und Kabarett. Oft setzen sich diese Veranstaltungen mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander.

Im Licht der Scheinwerfer bewegt sich die Menge zu drückenden Beats. Darüber liegt eine Dunstglocke von Marihuana und Grillanzünder. Es ist sechs Uhr morgens, die Techno-Fans tanzen bereits seit vielen Stunden, aber Zeit spielt keine Rolle auf der "Fusion". Es ist das größte Musikfestival Mecklenburg-Vorpommerns.

Von Donnerstag bis Sonntag war es wieder so weit: Auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz bei Neustrelitz entsteht eine Parallelgesellschaft, frei von Zwängen und Kontrollen.

"Ferienkommunismus" nennen die Veranstalter das. Neben bekannten Künstlern wie dem Electro-DJ Oliver Koletzki oder der Berliner Hip-Hop Band "Ohrbooten" werden auch viele Newcomer einem größeren Publikum näher gebracht.

Die 25-jährige Studentin Marie steht auf einem der alten grasbewachsenen Flugzeughangars und blickt in die von Musik erfüllte Nacht. "Die "Fusion" ist eine eigene Lebenseinstellung. Die Leute hier sind super entspannt und es gibt keine Zäune und Grenzen wie auf anderen Festivals", erklärt die Berlinerin das ganz besondere Flair der Veranstaltung. Bei Nacht entfaltet das Festival seinen wahren Zauber. Dann erstrahlt jeder Dancefloor in seinen ganz eigenen Farben. Jede Bühne und jede Bar ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Wie Alice im Wunderland bestaunen die Festivalgänger mit großen Augen die Lichtinstallationen und Farbenspiele in den Bäumen.

"Hier muss niemand Drogen nehmen, um das Leben in bunten Farben zu sehen", lacht Marie. Ganz ohne scheint es aber doch nicht zu gehen, die Polizei meldete diverse Betäubungsmittelfunde.

Nicht nur trockene Beats und harte Gitarren-Riffs beschallen die Hangars und Open-Air Bühnen. Geboten werden auch Theater, Kabarett, Feuershows und vieles mehr. Oft setzen sich diese kulturellen Veranstaltungen mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander. Vor der Aufführung der "Gaza Monologe" hat sich eine große Schlange vor dem Theaterhangar gebildet. Das Stück setzt sich einfühlsam mit dem täglichen Leben von Kindern und Jugendlichen im Gazastreifen auseinander und wie die Gräuel dort ihr Leben verändern.

Julian aus Oldenburg will sich aber gar nicht anstellen. Er ist gerade auf dem Weg zu einem der vielen angebotenen Workshops. Er möchte versuchen, seine eigenen T-Shirts zu bedrucken. "Mal schauen was ich noch alles ausprobieren werde und was noch alles passiert", sagt der 22-Jährige. "Die Stimmung hier ist trotz des Regens unglaublich. Du kommst her, tauchst ab und die Zeit steht still", erklärt Julian seine Interpretation des "Fusion"-Gefühls.

Um dieses Lebensgefühl nicht zu stören, verzichten die Organisatoren vom Verein "Kulturkosmos Müritz" komplett auf Werbung oder Großsponsoren im Vorfeld des Festivals als auch auf dem Gelände selbst. Aber eine Form der Werbung gibt es doch: die Mund-zu-Mund- Propaganda. Das bunte Musikwunderland hat sich herumgesprochen. 60 000 Menschen aus ganz Europa haben dieses Jahr im 500-Seelen-Dorf Lärz ihre Zelte aufgeschlagen. Vor fünf Jahren waren es noch halb so viele.

An der Zufahrt zum gigantischen Festival-Parkplatz hat sich Felix ein grünes Ordnerleibchen über seine Festivalklamotten gezogen. Seine Aufgabe ist es, die ankommenden Autos zu ihren richtigen Plätzen zu leiten. Den Job hat er vom festivaleigenen "Arbeitsamt" bekommen, so kann er sich einen Teil des Eintrittsgeldes wieder zurück verdienen.

"Hier steht der soziale Gedanke im Vordergrund. Jeder hilft jedem", erklärt der Hamburger sein Engagement. Ohne die mehr als 2000 freiwilligen Helfer wie Julian, wäre das "Fusion"-Festival gar nicht denkbar.

Die Frage ist, ob eine solche Parallelgesellschaft für immer unter sich bleiben kann. An der Ecke Friedrich-Engels-Allee/ Tina-Modotti- Straße - jeder Weg des Geländes ist nach sozialistischen Berühmtheiten benannt - sitzt der Berliner Tom in seinem Campingstuhl, das viele Feiern hat sichtbare Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. "Das Publikum ist mittlerweile bunt gemischt und besteht längst nicht mehr nur aus Hippies und Aussteigern. Irgendwann wird sich auch hier der Kommerz einschleichen", befürchtet der 24-Jährige. Doch wenn es nach ihm geht, stehen dem "Fusion"-Festival noch einige gute Jahre bevor. Nächstes Jahr will er in jedem Fall wieder kommen.

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