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Die „Wörter des Jahrzehnts“ : Wortschatz und Zeitgeist

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Im ersten Moment ärgert man sich schon ein bisschen. Weil es teilweise Etikettenschwindel ist, den der Duden-Verlag betreibt.

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erstellt am 25.Jul.2011 | 12:01 Uhr

Im ersten Moment ärgert man sich schon ein bisschen. Weil es teilweise Etikettenschwindel ist, den der Duden-Verlag betreibt. Denn einige der (angeblichen) "Wörter des Jahrzehnts", Untertitel: "2000 bis 2010", dürften auch nur etwas betagteren Lesern durchaus noch aus dem 20. Jahrhundert bekannt sein. "Depri" etwa. Oder "Dispo". "Headbanging"; "investigativ" oder "Kulturhauptstadt". Von "Staatsquote", "uncool", "verkopft" oder "Weichei" ganz zu schweigen. Da beschleicht einen schon das Gefühl, eine "Best of Eighties"-CD gekauft zu haben und Titel wie "Penny Lane" oder "Waterloo" zu hören zu bekommen. Zumal das neue Duden-Lexikon zusätzlich durch einige besonders ungebräuchliche Einträge irritiert. "Baby blues" für Wochenbettdepression? "Digital Native"? "EQ"? "Hippotherapie"? Nun ja. Radikale Veränderung Dennoch lohnt es sich, sich mit "Unsere Wörter des Jahrzehnts" zu beschäftigen. Weil die Duden-Einträge unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, indem sie überhaupt erst bewusstmachen, wie radikal und gleichzeitig unmerklich sich unsere Alltagssprache verändert (hat). Es ist ein bisschen wie mit der Veränderung des eigenen Äußeren im Laufe der Jahr(zehnt)e. Man selbst nimmt sie, eben weil sie sich schleichend vollziehen, nicht wirklich wahr. Trifft man allerdings Menschen, die einen vor 20, 30 Jahren (mit Untergewicht und vollem Haar) zuletzt gesehen haben, wird an den Reaktionen deutlich, dass sich einiges getan hat. Dissen und Funzen Der Duden-Verlag bietet, was völlig legitim ist, in "Unsere Wörter des Jahrzehnts" eine bloße, alphabetisch geordnete Aneinanderreihung der sprachlichen Neuschöpfungen (die in der Germanistik als Neologismen bezeichnet werden). Aufschlussreicher scheint eine analytisch gegliederte Zuordnung der Wörter. Abteilung 1 (und definitiv die unbedeutendste): Slang-Ausdrücke, die den Neuwortschatz bestimmter sozialer Gruppen widerspiegeln. So wie das jugendsprachliche "Dissen" (für "beschimpfen"), das "Flashen" (für "begeistern"), "Funzen" (für "funktionieren") oder "Hirnen" (für "nachdenken"). Derlei Gruppenspezifika hat es immer gegeben. Ihre Lebensdauer beschränkt sich zumeist auf wenige Jahre. Aussagekräftiger ist da schon die Tatsache, dass sich mit "Insiderhandel", "Übernahmeschlacht" und "Win-Win-Situation" gerade einmal drei Neuschöpfungen aus dem ökonomischen Bereich finden. Andererseits wird die Wirtschaftsliste ungleich länger, wenn man den Aspekt Marketing hinzuzählt - welch Wunder angesichts unserer konsum-, werbe- und PR-fixierten Gesellschaft. "All-inclusive", "Flatrate", "Frühbucherrabatt", "Klingelton", "Paybackkarte", "probiotisch" oder "SUV" hätten sich ohne all die wunderbaren Werbetexte, mit denen wir tagein, tagaus bombardiert werden, kaum durchsetzen können. Brutalstmöglich Dazu kommt die Neologismenquelle technischer Fortschritt. Begriffe wie "Flachbildschirm", "Freisprechanlage", "Navi", "Partikelfilter" oder "Podcast" sind aus unserem Vokabular nicht mehr wegzudenken. Unerwartet stark zudem der Einfluss der Politik auf unsere Sprache. Ob "Bimbes", "brutalstmöglich", "Dschihad" oder "durchregieren". Ob "Ein-Euro-Job", "Elterngeld", "EU-Erweiterung" oder "Feinstaubplakette". Ob "Hassprediger", "Ich-AG", "Jobcenter" oder "Kopfpauschale". Ob "Ostalgie", "Parallelgesellschaft", "Ratingagentur"; ob "Schurkenstaat" oder "Terrornetzwerk" - unser Wortschatz ist durch eine Fülle politischer Sprachschöpfungen erweitert worden. Interessant auch die vom Duden-Verlag aufgelisteten Neologismen, die die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen zehn Jahre widerspiegeln. Der "BMI" verweist auf den Schlankheits- und Körperkult des 21. Jahrhunderts, "Boxenluder", "Celebrity" und "It-Girl" auf (trotz all der Silikonimplantate) Verflachungsprozesse und die Beliebigkeit der Wege, auf denen man heutzutage zu Prominenz gelangen kann. Ein Sommermärchen "Fanmeile", "Sommermärchen" und "Poetry Slam" sagen einiges über die Eventkultur des neuen Jahrtausends aus, der "Gutmensch"-Eintrag dagegen über die Ermüdung vieler Bürger angesichts der Political-Correctness-Penetranz des öffentlichen Diskurses, während "verpartnern" die Gleichstellungsbedürfnisse der Lesben und Schwulen dokumentiert. Bleiben die Neuschöpfungen, die den Stellenwert der (digitalisierten) "Mediengesellschaft" verdeutlichen: "Blog", "chatten", "Comedian", "E-Book", "Tabloid" oder "Quotenbringer". Apropos "Mediengesellschaft". Eines soll keineswegs verschwiegen werden: Natürlich sind es auch die Medien, die all diesen Neuschöpfungen erst zum Durchbruch verhelfen. Einschließlich reichlich gespreizter Sprachungetüme wie "alternativlos" oder "ergebnisoffen", die wir Ihnen wohl besser erspart hätten.

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