Wochenplan statt Totalverbot

<strong>Wichtiger als Fernsehen</strong> sind gemeinsame Aktivitäten der Familie ohne Medien.<foto>Goliath toys</foto>
Wichtiger als Fernsehen sind gemeinsame Aktivitäten der Familie ohne Medien.Goliath toys

svz.de von
07. Juli 2010, 09:17 Uhr

Ein Klick und schon vertreiben bunte Bilder die Zeit: Für neun von zehn Kindern ist der tägliche Griff zur Fernbedienung ganz normaler Alltag. Fast jedes dritte Kind kann sogar direkt im Kinderzimmer die Lieblingssendung anschauen, ergab das LBS-Kinderbarometer 2009. Doch für den Fernsehkonsum sollte es klare Regeln geben. Denn zu viel Glotze schadet.

Alle Eltern kennen die Diskussion mit ihren Kindern ums Fernsehen. Was und wie lange dürfen Kinder schauen, welche Sendungen sind altersgerecht und welche nicht? "In vielen Familien läuft der Fernseher den ganzen Tag", sagt Susanne Rieschel von der Initiative "Schau Hin! Was deine Kinder machen" in Berlin.

Doch dem Medienkonsum ihrer Kinder setzen Eltern besser Grenzen: "Kinder unter drei Jahren sollten überhaupt noch kein Fernsehen schauen", rät Christiane Orywal, Medienpädagogin beim Verein für Medien- und Kulturpädagogik Blickwechsel in Göttingen: Kinder in diesem Alter hätten in der Regel noch gar kein Interesse an den schnellen Bildern. Wer Kleinkinder trotzdem vor die Flimmerkiste setzt, riskiert eine Überforderung, warnt Rieschel: "Kinder in diesem Alter können die Bilder noch gar nicht verarbeiten."

Ab dem vierten Lebensjahr dürften Kinder ab und zu eine Kindersendung schauen: "Nach dreißig Minuten sollte aber Schluss sein", rät Orywal. Sechs- bis Neunjährige dürften länger fernsehen: "Hier empfehlen wir maximal fünf Stunden die Woche, verteilt auf fünf bis sechs Tage." Beide Expertinnen raten zu mindestens einem fernsehfreien Tag pro Woche.

"Medienfreie Zeiten und vor allem medienfreie Beschäftigungen sind nicht nur für die Kinder, sondern für die ganze Familie wichtig", erklärt die Medienpädagogin Renate Röllecke von der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GfK) in Bielefeld. Deswegen stehen am besten täglich auch Spiele und Sport auf dem Programm.

"Lassen Sie das Fernsehprogramm nicht ihren Alltag diktieren", rät Orywal. Viele Lieblingssendungen der Kinder liefen täglich. Um nicht ständig über sie zu diskutieren, helfe ein möglichst klar strukturierter Fernsehplan. "Setzen Sie sich mit dem aktuellen Fernsehprogramm hin und machen Sie einen Plan für die Woche", rät die Medienpädagogin. "Wer guckt was und wann?" Natürlich dürfe es Ausnahmen geben, sagt Rieschel: "Wenn ein spannendes Fußballspiel oder ein toller Film läuft, darf die 30-Minuten-Regel auch mal aufgehoben werden."

Regeln für die Kinder sind aber nur die halbe Miete: "Eltern sind Vorbild", sagt Röllecke. "Wenn Mama und Papa oder große Geschwister selbst stundenlang vor der Mattscheibe sitzen, wollen die Kleinen das natürlich auch", ergänzt Rieschel.

Ob ihr Kind einen eigenen Fernseher bekommt, überlegen sich die Erwachsenen vor dem Kauf besser gut: "Eltern haben dann häufig überhaupt keine Kontrolle mehr", warnt Christiane Orywal. Die Kinder könnten gucken, wann und was sie wollen, auch nachts. Doch besonders abends liefen viele Sendungen, die Kinder noch nicht begreifen können und die ihnen womöglich Angst machen, warnt Rieschel.

Optimal für die Medienerziehung sei, wenn Eltern gemeinsam mit ihren Kindern fernsehen: "Gerade bei jüngeren Kindern sollten Eltern die Sendungen kennen", rät Orywal. Wenn gemeinsam Nachrichten geguckt werden, sprechen die Erwachsenen am besten hinterher mit ihren Kindern darüber: "Viele Bilder, zum Beispiel über Krieg oder Naturkatastrophen, können Kinder ängstigen."

Ein generelles Fernsehverbot ist keine Lösung, findet Röllecke: "Fernsehen ist Teil unseres Alltags. Kinder wachsen heute in einer vielfältigen Medienwelt auf." Deshalb müssten sie einen kritischen und bewussten Umgang damit lernen. "Es gibt viele sehr wertvolle und gute Sendungen für Kinder", ergänzt Susanne Rieschel. "Sorgsam ausgewählt und begleitet, kann das Fernsehen Kinder sogar in ihrer Entwicklung unterstützen."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen