Wo die Wärme entwischt

Alles bestens, könnte man beim Blick auf dieses Thermografie-Bild denken. Auch an der Außenecke (Nummer 1) ist kein Wärmeaustritt nachzuweisen. Foto: Esatherm
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Alles bestens, könnte man beim Blick auf dieses Thermografie-Bild denken. Auch an der Außenecke (Nummer 1) ist kein Wärmeaustritt nachzuweisen. Foto: Esatherm

n den vergangenen Monaten sind die Energiekosten gesunken. Nicht mehr als ein zwischenzeitliches Tal in einer stetigen Aufwärtsbewegung, sind sich Experten einig. Und so schauen immer mehr Hauseigentümer, wie sie Energie einsparen können. Wo Wärme ins Nichts entschwindet, kann eine Thermografie aufdecken.

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16. März 2009, 07:57 Uhr

Grün die Außenwand und das Dach, gelb die Fensterscheiben, hellrot nur ein paar Stellen an den Fensterrahmen. Bei einem solchen Thermografie-Bild müsste sich der Hauseigentümer eigentlich beruhigt zurücklehnen können. Das Schweriner Ehepaar, dem das überprüfte Eigenheim gehört, kann es nicht. Während die Außenaufnahmen überwiegend unauffällig sind, fördert die Thermografie im Inneren erhebliche Mängel zu Tage.

Udo Nestler vom Ingenieurbüro Esatherm, der die Messung gemacht hat, ist nicht überrascht. „Für eine korrekte und umfassende Einschätzung muss innen gemessen werden“, erklärt der Ingenieur aus Ludwigslust. „Von außen sind nicht alle Schwachstellen zu erkennen. Und wenn es sich nicht um einschalige Außenwände, sondern eine hinterlüftete Fassade handelt, kann ein Wärmeaustritt überhaupt nicht erkannt werden.“ Durch die Luftschicht seien Wände und Fassade thermisch entkoppelt. Deshalb macht Nestler die Außenaufnahmen nur, um sich ein allgemeines Bild von der Gebäudehülle zu machen. Ist zum Beispiel das Mauerwerk homogen oder ist unter dem Putz Fachwerk versteckt? Natürlich zeigen sich manchmal schon dann erste Hinweise auf Mängel – ein nicht gedämmter Fenstersturz oder ein mangelhafter Anschluss zwischen Gaube und Dach. Diesen Hinweisen geht der Experte dann im Haus nach.

Was ist Thermografie?

Bei der Thermografie wird mit Hilfe einer speziellen Kamera die Wärmestrahlung eines Objektes sichtbar gemacht. Das Gerät arbeitet im Bereich des infraroten Lichtes. Die Thermovision-Messeinrichtung, wie sie der Fachmann nennt, erfasst die Temperaturverteilung auf einer Fläche. Die Kamera liefert dabei unterschiedliche Grauwerte. Um das Bild anschaulicher zu machen, werden die Bilder mit Hilfe einer Software in eine Falschfarbendarstellung umgewandelt – jeder Temperatur wird eine Farbe zugeordnet.

Um alle Wärmebrücken und Leckagen aufzuspüren, hat Udo Nestler fast jeden Winkel des Hauses ins Visier genommen – mit einem normalen Fotoapparat und der Spezialkamera. Er kennt die Schwachstellen: Spültasten, Steckdosen, Fensteranschlüsse, Außenwandecken, Erker, Gauben und Deckenanschlüsse. Das kostet Zeit – mehr als fünf Stunden war der Ingenieur an und in dem Schweriner Haus unterwegs.

WärmebrückenEine Wärmebrücke ist eine Stelle in einer Gebäudehülle, an der mehr Wärme nach außen dringt als in anderen Bereichen.

Geometrisch bedingt

Geometrisch bedingte Wärmebrücken gibt es zum Beispiel an den Außenwandecken. Die Außenwandfläche, über die die Abkühlung der Luft erfolgt, ist an diesen Stellen deutlich größer als die Innenwandfläche. „Das kann man nicht ändern, es sei denn, man baut ein rundes Haus“, erklärt Udo Nestler. „Deshalb muss man die Dämmung in den Ecken optimieren.“

Stofflich bedingt

Stofflich bedingte Wärmebrücken entstehen, weil unterschiedliche Materialien unterschiedliche Wärmedurchgangswerte (u-Werte) haben – wie der Betonsturz im Vergleich zum Ziegelmauerwerk. Der Sturz müsse deshalb entsprechend gedämmt werden.

Strömungs bedingt

Sie entstehen beispielsweise, wenn die Wärmedämmung nicht funktionsgerecht eingebaut wurde, die Dampfbremsfolie Leckagen hat und Außenluft unter die Dämmung strömt.

Taupunkt und Schimmel

Ist es draußen kalt, sinkt an den Wärmebrücken im Inneren des Hauses die Oberflächentemperatur stärker als an anderen Stellen. Fällt sie unter die Taupunkttemperatur, entsteht Kondenswasser. Denn am Taupunkt ist die Luft wasserdampfgesättigt und kann keinen weiteren Wasserdampf aufnehmen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 100 Prozent.

„Die Gefahr von Schimmel beginnt allerdings viel früher“, erklärt Udo Nestler, „weil den Sporen bereits eine relative Luftfeuchte von 80 Prozent reicht, um zu reifen.“ Bei Normklimabedingungen – 20 Grad Raumtemperatur, 50 Prozent relative Luftfeuchtigkeit und minus fünf Grad Außentemperatur – würden sich Schimmelpilze bilden, sobald die Temperatur einer Wand unter 12,6 Grad fällt. Die 80 Prozent sind dort dann bereits erreicht, weil kalte Luft nicht so viel Wasserdampf binden kann wie warme. „In rund 70 Prozent der Fälle von Schimmelbildung spielen Baumängel mindestens eine Rolle, wenn sie nicht ganz und gar die Ursache sind“, schätzt der Ingenieur ein.

Die Kosten

Ein ausführliches Thermografie-Gutachten ist sehr aufwendig. Den Messungen im Haus folgt die Auswertung am Computer. Ab 750 Euro müssen Hauseigentümer einplanen. Soll die Thermografie mit einem Luftdichtheitstest kombiniert werden, können es bis zu 2500 Euro werden.
Die Ziele, die die Auftraggeber mit einer Thermografie verfolgen, sind sehr unterschiedlich. „Viele Hausbesitzer wollen sich vor einer energetischen Sanierung beraten lassen, welche Schritte sinnvoll und notwendig sind“, so Nestler. „In anderen Fällen soll die Ursache von Schimmelpilzbildung geklärt werden.“ Und manchmal gehe es auch darum, gegenüber dem Bauunternehmen Gewährleistungsansprüche durchzusetzen, wenn Mängel vorliegen. Andererseits gebe es auch Baufirmen, die sich die Qualität ihrer Arbeit mit Hilfe einer Thermografie bescheinigen lassen. Ist die Thermografie Teil einer Vor-Ort-Energieberatung, kann es dafür sogar eine Förderung geben.

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