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Wo die Deutsche Einheit gestohlen bleiben kann

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erstellt am 01.Okt.2010 | 08:00 Uhr

Insel Usedom/Schwerin | Der Großteil des Volkes hat die Straße der Deutschen Einheit offenbar links liegen gelassen und ist gleich zum Strand gefahren. Wer aber einbiegt in die Straße in Loddin auf Usedom, sieht eine blühende Landschaft. Großzügige Ferien- und Privathäuser mit teilweise Abständen innerhalb derer ein halber Plattenbau Platz fände, Blick aufs Achterwasser in der ersten Reihe, gepflegte und gehegte Gärten. Nur Menschen fehlen in dieser Nachsaisonzeit, viele Jalousien sind nach unten gezogen. Auch in der angrenzenden Dr.-Helmut-Kohl-Straße hallt der Schritt einsam übers edle Pflaster und aus der Hans-Dietrich-Genscher Straße dringt nicht mehr Geräusch als bei einem Geheimtreff von Spitzendiplomaten.

Der Mann, der dann doch auf seinem Liegefahrrad um die Ecke kurvt, heißt Detlef Dwengler, stammt aus dem niedersächsischen Soltau und macht mit seiner Familie Urlaub in der Straße der Deutschen Einheit. "Die Anreise war ein bisschen schwierig", sagt er - Unbekannte haben das Straßenschild mitgehen lassen. Zum wiederholten Male, wie sich später im Gespräch Ex-Bürgermeister Helmut Laudien (CDU) erinnert. Unklar sei, ob es sich um Verehrer oder Verächter der Einheit beziehungsweise des Ex-Kanzlers handelt, auch das Schild mit dessen Namen war schon Beute von Langfingern. Dass Kohl in seinem Urlaubsort mit einem Straßennamen geehrt wird, "stört mich nicht", meint Detlef Dwengler: "Sicherlich hat er sich um die Einheit verdient gemacht. Meine erste Präferenz für Straßennamen wäre er aber nicht." Fest stehe jedenfalls, dass er "so eine Ecke wie hier noch nicht gesehen hat." Und meint die Sache mit den Straßenschildern.

Angeschoben hat die seinerzeit der damalige Bürgermeister Laudien. "Wir fühlten uns verpflichtet, die Beteiligten an der Deutschen Einheit zu ehren. Schließlich haben sie mit die Voraussetzungen geschaffen, dass wir überhaupt als freie Gemeindevertretung agieren können", sagt der Kommunalpolitiker der seit 1990 ohne Unterbrechung in die Vertretung gewählt wurde und bis 2005 auch der Bürgermeister war. Eigentlich sei daran gedacht gewesen, auch George Bush und Michail Gorbatschow so zu ehren - allein, die Straßen im neu erschlossenen Gebiet hätten einfach nicht ausgereicht. Das Areal - zu DDR-Zeiten Ferienhausgebiet des DDR-Außenhandels und im Volksmund Diplomatenviertel genannt - sei über die Treuhand verkauft worden. "Die Gemeindevertretung hat das unterstützt, und uns war auch klar, dass hier keine jungen Familien einziehen können. Angelehnt haben wir uns bei der Neubebauung an Sylt."

"Wir kannten den Stand der Wirtschaft"

Im reetgedeckten Haus mit viel Grün im Gärtchen davor und noch mehr im Garten dahinter, sind Gerda und Heinz Rauch gerade mit dem Mittagessen fertig. Das Paar aus Jena hat sich mit dem Ruhestand 2002 in Loddin in der Straße der Einheit niedergelassen, um der Tochter und deren Familie näher zu sein, die in Greifswald lebt. "Die Straßennamen standen schon fest. Und wir haben auch kein Problem damit, weil wir der Meinung sind, dass das, was passiert ist, dem Ostteil Deutschlands zum Segen gereicht", meint der freundlich lächelnde Herr, von Beruf Architekt. Auf vielen großen Baustellen in der DDR habe man gearbeitet: "Wir wussten auf welchem Stand die Wirtschaft 1989 war. Die Gebäudestrukturen waren hinüber, die Baukultur am Zusammenbrechen. Und es gab keine Möglichkeit kreativ zu arbeiten", sagt Heinz Rauch. Gelebt habe man trotzdem in der DDR. Den Ruhestand haben die Rauchs auf ihre Weise genutzt - im nahen Greifswald haben sie ein Giebelhaus aus der Zeit um 1560 bis 1580 saniert. 300 Besucher hätten zum jüngsten Tag des offenen Denkmals hereingeschaut. "Wäre die Wende nicht gekommen, wäre auch dieses Haus zusammengefallen." Viel auf die Beine gestellt worden sei auch in ihrem neuen Heimatort Loddin. Vor allem Laudien habe da einen Anteil daran.

Der Ex-Bürgermeister freut sich über die Grüße. Ein Dorf voller Friede, Freude, Kohl? "Die Mehrheit stand dem positiv gegenüber. Sicherlich haben die Straßenbenennung auch manche kritisch gesehen. Und ich denke, das ist in einer Demokratie üblich."

Zwei, drei Stufen höher sind die Demokraten gerade uneins. Im Vorfeld des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit hat CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe Städte und Kommunen ermuntert, mehr Straßen und Plätze nach dem Ereignis zu benennen. In der Hauptstadt Berlin gäbe es einen Ernst-Thälmann-Park und einen Rosa-Luxemburg-Platz, aber keinen Platz der Deutschen Einheit. Bis zum Feiertag am 3. Oktober sollte nach geeigneten Plätzen gesucht werden, um an die Freude über die Wiedervereinigung zu erinnern, so Gröhe Ende August. Die Linke hält wacker-kämpferisch dagegen: "Die Einheit in den Köpfen kann man nicht mit Straßennamen herstellen", meint Landesvorsitzender Steffen Bockhahn. "Dafür brauchen wir endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Renten in Ost und West und eine Sozialpolitik, die auf die Strukturschwäche des Ostens Rücksicht nimmt. Schade dass der CDU das auch nach 20 Jahren noch nicht klar ist", findet der Linke. Die CDU wiede rum keilt zurück: "Unverständlich" sei es ihm, so Marc Reinhardt, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, dass die "Linke beispielsweise in Rostock krampfhaft an stalinistischen Straßennamen festhalten will." Womit der Abgeordnete auf eine Debatte um den Straßennamen Ilja-Ehrenburg (sowjetischer Künstler - Anm. d. Red.) anspielt, die in der Hansestadt derzeit ausgetragen wird. "Die Würdigung des Engagements für eine demokratische Gesellschaft und für ein tolerantes und menschliches Miteinander sollte sich auch in der Bezeichnung von Straßen und Plätzen niederschlagen", betont Reinhardt. Persönlichkeiten wie die CDU-Politiker Werner Jöhren, Karl Heinz Kaltenborn und Siegfried Witte, der LDP-Politiker Kurt Kröning und die Sozialdemokraten Willi Jesse, Albert Schulz oder Albert Kruse seien gute Vorbilder, schlägt der bildungspolitische Sprecher vor.

"Vielleicht klappt es irgendwann ja mal"

Im kleinen Ostseebad Loddin schlagen die Wellen weniger hoch. Zwei Wochen nach dem Diebstahl des Straßenschildes weiß die gegenwärtige Bürgermeisterin Lorina Bremer (parteilos) noch nichts von der schändlichen Tat. Ihr Vorgänger Laudien wollte es eigentlich im Gemeinderat zur Sprache bringen. Immerhin, das Kohl- und das Genscher-Schild sind noch da. Ihretwegen ist das Dorf mittlerweile auch bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung bekannt. Auf deren Internetseite finden sich auch die Ehrungen, denen der Ex-Kanzler teilhaftig wurde. Lange gesucht habe man, aber keine weitere Straße gefunden, die in Deutschland nach ihm benannt sei, so eine Sprecherin der Stiftung. Nur einen Wanderweg in Frankreich noch. Und so finden sich Loddin und das südpfälzische Eppenbrunn sowie dessen französischer Nachbarort Roppeviller in Lothringen in trauter Gemeinschaft auf der Website. Der Unterschied - auf dem Wanderweg ist Kohl schon gewandelt, in Loddin aber waren weder er noch Genscher. "Vielleicht klappt es irgendwann ja mal", sagt Helmut Laudien. Als es um die Benennung ging, habe man mit beiden Gespräche geführt: "Sie waren etwas verwundert. Zum einen, weil sie ja noch leben und zum anderen, weil der Vorschlag ganz aus dem Osten, der Provinz kam." Aus einem Ort, von dem so mancher vermuten könnte, "dass wir das weltpolitische Geschehen vielleicht nicht so mitkriegen."

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