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Sebastian Sylvester, Sebastian Zbik und Jürgen Brähmer : WM-Gürtel futsch - und was jetzt?

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Vor zwei Monaten durfte MV drei Weltmeister im Profiboxen sein eigen nennen. Heute stehen wir blank da. Alle drei wollen zurück auf den Thron - die Aussichten dafür sind höchst unterschiedlich.

Vor zwei Monaten durfte Mecklenburg-Vorpommern drei Weltmeister im Profiboxen sein eigen nennen. Heute stehen wir blank da. Die Mittelgewichtler Sebastian Sylvester und Sebastian Zbik gaben ihre WM-Gürtel im Ring ab, Halbschwergewichtler Jürgen Brähmer verlor seinen am grünen Tisch. Alle drei wollen zurück auf den Thron - die Aussichten dafür sind höchst unterschiedlich.

Sebastian Sylvester: Viererturnier oder "Plan B"

Für den früheren IBF-Champion Sylvester ist der Rückweg am ehesten vorgezeichnet. Dem Sauerland-Profi, der am 7. Mai in Neubrandenburg dem Australier Daniel Geale nach Punkten unterlag (Sylvester: "Ich muss ihm Respekt zollen. Er hat einfach mehr gemacht.") winkt ein Viererturnier, in dem sich in Halbfinals und Finale der Geale-Herausforderer he rausschälen soll. Dabei ist für den Greifswalder "Hurrikan", der am 9. Juli 31 wird, der Australier Sam Soliman (37) als Gegner vorgesehen. Parallel dazu trifft der Ghanaer Osumanu Adama auf den Russen Roman Karmazin, dem Sylvester im Juni 2010 in einem seiner schwächeren Kämpfe gerade so ein Remis abtrotzte.

"Das Turnier ist noch nicht in Sack und Tüten, aber die Promoter arbeiten daran", berichtet Trainer Karsten Röwer (Schwerin). "So oder so: Ende September soll Basti wieder boxen. Dafür könnte sich eventuell noch eine zweite Option ergeben, die jedoch noch nicht spruchreif ist."

Für das Viererturnier spräche, dass im Erfolgsfalle der WM-Gürtel in drei Kämpfen zurückerobert wäre. Andererseits müssten die Kämpfe ersteigert werden. Im Klartext: Wer der IBF das bessere Angebot unterbreitet, wird Gastgeber. "Sonst müssten wir nach Australien - und das wollen wir ganz bestimmt nicht", stellt Röwer klar. "Was dabei passieren kann, haben wir zuletzt bei Sebastian Zbiks Kampf in Amerika ja erlebt."

Sebastian Zbik: Nummer zwei bei WBC und WBA

Das kann man wohl sagen. Ginge es allein nach sportlichen Kriterien, würde Zbik im Trio der WM-Verlierer fehlen. Sein Kampf gegen den Mexikaner Julio Cesar Chavez jr. am 4. Juni in Los Angeles, der ihn den WBC-Gürtel kostete, wurde nach Meinung vieler Experten schlichtweg verschoben. "Ich war 2004 dabei, als Felix Sturm in den USA um den Sieg gegen de la Hoya gebracht wurde", erinnert sich Universum-Trainer Michael Timm, der bei Zbik als Co-Trainer von Artur Grigorian am Ring saß. "Damals hatte ich etwas Bange vor dem Urteil. Diesmal war ich mir ganz sicher: Das war so klar, das kann ,Zbiker keiner klauen. Aber denkste."

Doch sogleich schiebt der 48-Jährige nach: "Wir Deutschen dürfen uns nicht beschweren, wir machen es ja genauso. Wenn ich nur daran denke, wie Marco Huck kürzlich vom Russen Lebedew aber so den Arsch voll gekriegt hat und trotzdem seinen WM-Titel behielt."

Zbik muss sich den seinen erst wiederholen - irgendwie. Den Mecklenburger nach dem Skandal von L.A. im Ranking tiefer als auf Platz zwei fallen zu lassen, brachten selbst die Bosse des in Mexiko ansässigen WBC nicht fertig. "Auch bei der WBA bin ich auf zwei gelistet, es tun sich also durchaus WM-Chancen auf", erzählte Zbik gestern, einen Tag nach der Rückkehr von seinem US-Urlaub. "Ich fühle mich absolut erholt. Ich war ja auch nur vom Urteil enttäuscht, nicht vom Kampf. Jetzt will ich wieder angreifen."

Das muss der Schweriner auch, denn durch Abwarten ist noch keiner in den Ranglisten geklettert. Zbik: "Wie mir Universum-Geschäftsführer Dietmar Poszwa sagte, ist das Management am Rotieren."

Kasus knaxus ist auch hier die Austragung. Denn was nützt es, gegen die Nr. 1 der WBC-Rangliste, Marco Antonio Rubio (Mex), einen Eliminator boxen zu dürfen, sprich den Pflichtherausforderer für Chavez zu ermitteln, wenn das dann wieder in Amerika stattfindet. Zbik könnte nur bei einem K.o. seines Sieges sicher sein. "Aber dafür bin ich halt nicht der Typ", weiß der Mecklenburger. Und in der WBA, wo der Georgier Avtandil Khurtsidze das Ranking anführt, wäre es kaum anders.

Um aber selbst den Kampf ausrichten zu können, bräuchte Universum einen zahlungskräftigen TV-Partner. Den jedoch sucht der einst erfolgreichste Profistall der Welt seit dem Ausstieg von ZDF im Juli 2010 vergeblich.

Bliebe der Wechsel zu einem anderen Stall - Sauerland beispielsweise. Trainer Röwer: "Das wäre Sache des Managements, aber ich kann mir sowas vorstellen. Man könnte die beiden Sebastians gegeneinander boxen lassen oder versuchen - wie die Klitschkos - mehrere Gürtel der großen Verbände WBA, WBC, WBO und IBF zu erobern." Einen TV-Partner hat Sauerland mit der ARD ja ohnehin.

Für Sebastian Zbik ist das, obwohl er einst in Schwerin bei Karsten Röwer trainierte, derzeit keine Option. "Ich fühle mich Universum verpflichtet. Im Staples Center vor 10 000 Leuten boxen zu dürfen, war trotz allem unvergesslich. Dafür bin ich meinem Management unendlich dankbar." Klar ist aber, dass ihn hehre Nibelungentreue allein nicht weiterbringt. "Es muss natürlich etwas passieren."

Jürgen Brähmer: Aus allen Ranglisten geflogen

Und es passiert etwas bei Universum. "Wir ziehen gerade in unser neues Gym in Bergedorf um", erzählt Michael Timm. Nachdem in der Vorwoche Exweltmeister Ruslan Chagaev reumütig zum verlassenen Coach zurückkehrte, "umfasst meine Truppe sieben Sportler". Trainiert auch Jürgen Brähmer wieder? Timm: "Mit Jürgen wären es dann acht."

Am 19. Mai erkannte die WBO Brähmer seinen WM-Titel ab. Wegen eines Cuts am Auge hatte der Halbschwergewichtler gerade seine für den 21. Mai geplante WM-Titelverteidigung gegen Nathan Cleverly (Wales) abgesagt. Es war binnen zehn Monaten Brähmers dritte gesundheitsbedingte Absage. Sein letzter Kampf datiert vom April 2010. Die WBO-Regularien fordern aber mindestens eine WM-Titelverteidigung pro Jahr. So wurde Cleverly Champion, der Schweriner hingegen taucht in keiner Top-ten-Liste mehr auf, nicht bei der WBO, nicht in den anderen Verbänden. "Das ist das Problem. Jürgen hat nichts mehr vorzuweisen und so wird der Weg an die Spitze sehr, sehr schwer", sagt sein Trainer. Ergo: Brähmer müsste noch einmal die Ochsentour gehen und sich in den Rankings hocharbeiten.

2005, nach seiner Haftstrafe und zu Universums Hochzeiten, ging das recht fix. Sein Stall zog Kämpfe um vakante Internationale und Interkontinental-Titel an Land und Brähmer konnte dank seiner Siege zwei, manchmal gar drei Stufen auf einmal nehmen. Aber ohne TV-Partner.

Und ein Boxer, der sich einen Jürgen Brähmer als Gegner einlädt, läuft ganz große Gefahr, den Ring als Verlierer zu verlassen. Wer das freiwillig tut, hat mindestens einen Kampf zuviel hinter sich.

Brähmer gibt sich trotzdem entschlossen: "Ich war schon immer ein Kämpfer und bin noch lange nicht da angekommen, wo ich sein möchte", lässt er über seine Homepage wissen. Der Satz steht dort seit einem Monat. Er gehört zum neuesten Eintrag auf der Seite.

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erstellt am 23.Jun.2011 | 10:26 Uhr

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