Wittenburger Gymnasiasten diskutierten mit Bundespräsident Köhler und Zeitzeugen über Widerstand in der DDR

Dorothea Kirmeß wartet auf ein Zeichen der Moderatorin Jaqueline Boysen. Die Podiumsdiskussion ist live auf DeutschlandradioKultur übertragen worden.  Foto: Hennes
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Dorothea Kirmeß wartet auf ein Zeichen der Moderatorin Jaqueline Boysen. Die Podiumsdiskussion ist live auf DeutschlandradioKultur übertragen worden. Foto: Hennes

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12. März 2008, 07:08 Uhr

Berlin - „Das hier ist total genial“, sagt Merle Bruhns. Die 16-Jährige aus Testorf bei Zarrentin hat im großen Festsaal im Schloss Bellevue Platz genommen. Sie blickt hinüber zur hohen, weißen Flügeltür, durch die gleich der Bundespräsident kommen wird. „Wir haben jetzt die Chance von Zeitzeugen zu erfahren, wie es wirklich war in der DDR“, sagt Merle. „Wenn Menschen erzählen, prägt sich das viel mehr ein. Unterricht kann diese Nähe gar nicht schaffen.“

Vor dem Gespräch durch Sicherheitsschleuse
Fünf Stunden zuvor, 5.30 Uhr, ist Merle in Wittenburg in den Bus gestiegen. Mit ihr 30 andere Schüler des Wittenburger Liscow-Gymnasiums. Die einen kuscheln sich verschlafen in ihre Jacken, andere blättern schon in Geschichtsheftern, lesen sich ein in Zeitzeugenberichte. Dorothea Kirmeß (17) freut sich auf die Gesprächsrunde im Schloss Bellevue. „Ich werde auf jeden Fall Fragen stellen. Wann bekommt man schon die Möglichkeit, Informationen aus erster Hand zu erfahren.“ Kurz vor Berlin spricht ihr Lehrer Volker Strietzel ins Mikro. „Seid wie ihr seid. Locker, ungezwungen, aufgeschlossen. Stellt ruhig naive Fragen, die Antworten sind manchmal umso spannender.“
Auf ihrem Weg zum Schloss müssen die Jugendlichen Sicherheitsschleusen passieren. Beamte in Uniform kontrollieren die Personalausweise, Taschen und Jacken werden durchleuchtet, Namenslisten abgehakt.

Lehrer Volker Strietzel bindet sich schnell noch den Schlips um, die Schüler fahren sich auf halber Treppe durch die Haare, dann öffnen sich die Türen zum festlichen Saal. Auf dem Podium nehmen frühere Bürgerrechtler und DDR-Oppositionelle Platz. Wehrdienstverweigerer Ralf Hirsch ist darunter, die Autorin Claudia Rusch, der ehemalige Häftling Achim Beyer und der Ex-Punk Michael „Pankow“ Boehlke.

Bundespräsident Horst Köhler und Rainer Eppelmann von der Stiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ haben 80 Gymnasiasten aus Wittenburg und Berlin-Neukölln zum Gespräch mit Zeitzeugen geladen, die als aufmüpfige Jugendliche von der DDR gegängelt und verfolgt wurden. „Sie alle haben sich gegen die Anpassung entschieden, auch wenn sie dadurch riskierten von dem brutalen Unterdrückungsapparat der SED erfasst zu werden“, so Bundespräsident Horst Köhler.

Daran zu erinnern solle nicht das persönliche Lebensglück der Menschen in der DDR schmälern, sagt Köhler. „Aber dieses Lebensglück gab es nicht wegen, sondern trotz des SED-Regimes. Das sollte uns wachsam machen gegen alle Versuche, die DDR schönzufärben.“ Rainer Eppelmann erinnert an die Schikanen schon in frühester Jugend. „Wer sich weigerte, in die FDJ einzutreten, dem wurde das Abitur verboten. Nur ein kritisches Wort konnte schreckliche Folgen haben. Wer als Junge lange Haare trug, bekam Probleme.“

Volker Strietzel, Geschichtslehrer aus Wittenburg, hat es selbst erlebt. „Mein Lehrer schickte mich in der achten Klasse nach Hause, weil ich in Jeans und mit dem falschen Beutel in die Schule kam“, erzählt der heute 39-Jährige. Später, in der Lehre, musste er zum Verhör. „Das war wie im Film“, so Strietzel. „Die Stasi-Männer saßen da in ihren Lederjacken und drohten mir.“ Der Staat hatte registriert, dass Strietzel seine Ferien oft in Ungarn und Bulgarien verbringt. „Die dachten wohl, ich will mich absetzen.“ Strietzel gehört zu den Lehrern, die sich intensiv mit der DDR-Aufarbeitung auseinandersetzen.

„Die DDR-Geschichte nimmt etwa zwölf Stunden im Lernplan ein“, sagt er. „Das ist zu wenig. Da muss man aufpassen, dass am Ende die Zeit reicht für Montagsdemos und Mauerfall.“
Mehrmals im Schuljahr unternimmt der Wittenburger Lehrer mit seinen Schülern Exkursionen, besucht das Stasi-Museum in der Berliner Normannenstraße oder das Dokumentationszentrum in Schwerin. Auch Lehrer Strietzel sieht das Problem der Verklärung. „Die Jugendlichen heute kennen die DDR nur noch aus Filmen und Büchern. Eltern, die in der DDR politisch belastet waren, schweigen lieber oder idealisieren.“

„Gab es etwas, was Ihnen in der DDR gefallen hat?“, will die Schülerin Hanna Hartmann trotzdem von den Podiumsgästen in Berlin wissen. Die Antwort von Claudia Rusch kommt prompt: „Der Alltag mit den Freunden, aber das macht das System nicht besser.“

Immer wieder treten die Wittenburger im Schloss Bellevue vor das Mikrofon. Dominik Lenz (18) will wissen, wie sich die einstigen DDR-Oppositionellen heute politisch engagieren. Dorothea Kirmeß interessiert die Geschichte von Achim Beyer. „Wie ist es Ihnen nur gelungen, nach Ihrer Haftentlassung so schnell aus der DDR zu fliehen?“ Und Christoph Rheinschmitt fragt Claudia Rusch: „Gab es auch Lehrer, die auf der Seite von kritischen Schüler standen?“

„Jugendliche sollten sich Aufmüpfigkeit bewahren“
Beim Empfang im benachbarten Saal, werden die Podiumsgäste von den Schülern regelrecht umlagert. Das Schicksal von Achim Beyer, der als Oberschüler mit 19 Jahren nach einer Flugblattaktion in Werdau fünf Jahre ins Zuchthaus musste, hat die Wittenburger Schüler besonders bewegt. Dominik: „Er hat die Diktatur in ihrer ganzen Härte erlebt und wurde nach seiner Flucht sogar noch im Westen von der Stasi bespitzelt.“

Merle vertieft sich in das Gespräch mit dem Ex-Punk Michael Boehlke, der auch heute noch lange nicht zufrieden ist, Politiker in ihrem Machtstreben kritisiert und auf Forschungsschiffen gegen Wal-Fang zu Felde zieht. Das imponiert ihr. Später, im Bus, auf der Rückfahrt, wird sie sagen, dass Jugendliche sich ihre Aufmüpfigkeit bewahren müssen. „Ich sage, was ich denke, auch wenn es anderen nicht passt.“
Den Rest der Fahrt verbringen die Gymnasiasten mit Fernsehen. Der Busfahrer hat sich auf seine jungen Fahrgäste eingestellt und den Stasi-Film „Das Leben der anderen“ eingelegt. Doch den haben sie längst gesehen. In der Schule. Im Geschichtsunterricht.

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