Wildwuchs im Schilderwald

20 Millionen Rohrpfosten mit Verkehrszeichen stehen an deutschen Straßen – zu viele, findet der ADAC

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11. November 2008, 09:56 Uhr

Schwerin - Alle 28 Meter steht eins – insgesamt säumen 20 Millionen Verkehrsschilder deutsche Straßenränder. Zu viel sagen Experten des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC). Die Verkehrsbehörden haben ihren Grundsatz „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ verlassen. Wie viele Verbots-, Hinweis- und Warntafeln es in Mecklenburg-Vorpommern sind, kann Uwe Giese vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr gar nicht beziffern: „Eine entsprechende Statistik wird nicht geführt.“ Dabei könnte durch eine solche Licht ins Kostendickicht dringen, denn das Aufstellen und Abholzen der Schilder kostet Millionen.
6,5 Millionen überflüssige Schilder wuchern an Straßen
So berechnet das Landesverkehrsministerium beispielsweise ein „zulässige Höchstgeschwindigkeit 60“-Schild mit 90 Euro, Rohrpfosten und Schelle, um die Tafel zu befestigen, mit 70 Euro. Das Aufstellen kostet im Schnitt zusätzlich 70 Euro. So zahlt der Steuerzahler für ein „Tempo 60“-Schild etwa 230 Euro. Das ist vergleichsweise wenig. Eine sogenannte Vorwegweisertafel – zwei Meter hoch und drei Meter breit – schlägt mit 1900 Euro zu Buche, dazu kommen 200 Euro Aufstellkosten.
Nach Hochrechnungen des ADAC bedeutet das, dass deutschlandweit rund eineinhalb Milliarden Euro für überflüssige Schilder ausgegeben wurden – Wegweiser nicht mit eingerechnet. Demnach zählt der Automobilclub rund ein Drittel der Schilder zum Wildwuchs. Den abzuholzen, könne den Steuerzahler noch einmal 264 Millionen Euro kosten – rund 50 Euro pro Schild.
Artenvielfalt im Hinweisdschungel
Neben 648 verschiedenen in der Straßenverkehrsordnung gelisteten Schildern und Wegweisern wuchern Orts-, Straßennamens- und Parkhinweistafeln sowie viele weitere im Straßenbild. Vor allem von der Gattung der Hinweisschilder, die Ortsunkundigen die Richtung zu Bahnhöfen, Krankenhäusern oder Sehenswürdigkeiten anzeigen, fühlen sich 72 Prozent der deutschen Autofahrer überfordert. Das ist das Resultat einer ADAC-Umfrage, bei der 16 000 Autofahrer aus 16 europäischen Ländern mitgemacht haben.
Bei Europäern sorgt besonders die deutsche Umweltzone für Verwirrung: Ein Drittel weiß weder, was sie bedeutet, noch wie sie sich dort verhalten sollen.
„Eine gute Straße erklärt sich selbst“
Umso mehr Schilder, desto mehr Verwirrung – das belegen auch Forschungsergebnisse aus der Wahrnehmenspsychologie. Demnach überfordern schnell am Autofahrer vorbeiziehende Gebote, Verbote und Hinweise dessen Augen. Er kann sie gar nicht so schnell verarbeiten, geschweige denn, in aktives Handeln umsetzen.
Muss er nach Ansicht von Thomas Hessling, Verkehrstechniker in der ADAC-Zentrale, auch gar nicht. „Eine gute Straße erklärt sich selbst“ – diese Ansicht teilte er schon mit seinem Professor für Straßenbau. Hesslings Erfahrung nach stellen Verkehrsplaner lieber ein Schild zu viel statt eins zu wenig auf. Dabei sei eine eindeutige Farbgestaltung schon eine große Hilfe: Richtungspfeile, rot markierte Radstreifen, eine aufgemalte „30“. So werden viele Verkehrsschilder überflüssig. Durch ihr Abholzen verringere sich außerdem die Reizüberflutung und das Straßenbild verschönere sich.
Im Dickicht des Rechts: Nicht alles ist erlaubt
Der heute vorrangig als Problem angesehene Wildwuchs im Schilderwald hat seinen Ursprung 1912. Vor 96 Jahren ließ der ADAC das erste Verkehrsschild aufstellen. Damals arbeitete der Verband eng mit dem „Kaiserlichen Automobilclub“ (KAC) zusammen. Damals sahen die Schilder noch ganz anders aus als heute. Heute sind alle Exemplare einheitlich in der Straßenverkehrsordnung erfasst und geregelt.
Nicht jedes Schild darf im deutschen Straßenbild erscheinen. Die Entscheidung obliegt hauptsächlich der Verkehrsbehörde. Sie bestimmt, wo welche Zeichen an- oder abgeschraubt werden. In Städten mit mehr als 20 000 Einwohnern hat der Bürgermeister die Entscheidungsgewalt. In den kreisfreien Städten Mecklenburg-Vorpommerns halten die Landräte und Oberbürgermeister das Recht in ihren Händen.
An besonders gefährlichen Straßen – zum Beispiel bei tiefen Schlaglöchern – kann auch die Straßenbaubehörde Gefahrenzeichen festmachen. Außerdem darf sie Umleitungen ausgeben und -schildern.
Das Zeichen muss weg – wer entscheidet das?
Aber auch Otto Normalverbraucher kann Hinweise zum Auf- und Abbauen von Verkehrszeichen geben – zum Beispiel für eine verkehrsberuhigte Zone vor dem Einfamilienhaus. Den Wunsch muss derjenige am besten schriftlich in der verantwortlichen Behörde vorlegen. Hier wird alles geprüft und gegebenenfalls weitergeleitet oder sofort veranlasst.
Gewerbetreibende können auf diesem Weg sogar versuchen, Autos gezielt zu ihrer Filiale zu leiten. So hat ein schwedisches Einrichtungshaus in Rostock auf einen Wegweiser mit Hinweis zu seinem Shop aufstellen lassen. Auch Schulen oder Kindergärten können durch entsprechende Zeichen versuchen, den Verkehr vor ihrer Einrichtung zu entschleunigen.
Dasselbe gilt für den Abriss von Schildern. Hier greift allerdings die Fristwahrung: Einspruch kann nur innerhalb eines Jahres nach Aufstellung des Schilds eingelegt werden. „Wird der Betroffene aber zum ersten Mal mit dem Schild konfrontiert, ist auch nach Ablauf der Jahresfrist der Widerspruch statthaft“, sagt Giese vom Landesamt.

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