Wiederwahl mit Überraschungen

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24. Mai 2009, 06:58 Uhr

Berlin | Später dann will Horst Köhler alles ganz genau wissen. Wie war das nun mit den jungen Musikern? "Das ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesversammlung, dass das Wahlergebnis durch den Einzug eines Blasorchesters bekannt gegeben wurde", liefert Guido Westerwelle oben unterm Reichstagsdach beim Sektempfang dem alten und neuen Bundespräsidenten noch einmal die Details.

Und Angela Merkel erzählt die Geschichte mit den Blumen. Die Kanzlerin und der FDP-Chef haben Köhler in ihre Mitte genommen. Die Wiederwahl des Staatsoberhauptes als schwarz-gelbes Signal für die Bundestagswahl? Erster Schritt zum Machwechsel im Herbst? Der Präsident winkt ab, will sich nicht vereinnahmen lassen. Als am Samstag um 14.18 Uhr das Bläserquintett mit den gol denen Instrumenten den Saal unter der Reichstagskuppel betritt, ist klar, die Entscheidung ist gefallen, es wird keinen zweiten Wahlgang mehr geben, Köhler bleibt im Amt. Die Musiker sollen laut Programm nach Ende der Wahl die Nationalhymne spielen.

Tränen bei Gesine Schwan - Johlen und Feixen im SaalGesine Schwan hat es nicht geschafft. Die Herausforderin kann die Enttäuschung nicht verbergen, verdrückt eine kleine Träne. SPD-Chef Müntefering tröstet, legt den Arm um sie. Für die Herausforderin votieren 503 Wahlmänner und -frauen, zehn Gegenstimmen aus dem rot-grünen Lager. Schwan hat nicht einmal den zweiten Wahlgang erreicht. Das tut weh. Die beiden anderen Kandidaten bleiben chancenlos. Die Musiker kommen zu früh, der Bundespräsident zu spät. Bravorufe und dann Gelächter, Johlen und Feixen, als Saaldiener bereits die Blumensträuße der Gratulanten hereinbringen. Spätestens jetzt hat die Wahl ihren feierlichen Charakter verloren. Ohnehin wirkt der Wahlakt eher wie ein fröhliches Abi-Treffen: "Lange nicht gesehen", "Ach, Du auch hier", heißt es da im Saal und in der Lobby. Wahlmänner schießen Erinnerungsfotos, Minister, Kanzlerin und prominente Wahlmänner aus Sport und Show geben Autogramme.

Köhler lässt alle warten - und erhält nur 613 Stimmen613 Stimmen, Köhler ist gewählt, die Überraschung bleibt aus. Längst hat das Ergebnis die Runde gemacht und das Staatsoberhaupt lässt auf sich warten. Triumph für den Amtsinhaber, der sich während des quälend langen Wahlgangs und der Auszählung in seinen Amtsitz Schloss Bellevue zurückgezogen hat und nun angeblich auf dem Weg zurück in den Reichstag im Stau steckt. Keine Stimme zu viel, da hat der Bundestagspräsident lieber noch einmal genau nachzählen lassen, schließlich gebe es "besonderen Anlass zur Sorgfalt".

Hatte es doch 2004 bei Köhlers erster Wahl fasst eine Panne gegeben, als zunächst zwei Köhler-Stimmkarten auf dem Stapel Schwans gelandet waren. Erst beim erneuten Auszählen war der Fehler aufgefallen.

"Es entfallen auf Professor Horst Köhler 613 Stimmen", gibt der Bundestagspräsident schließlich offiziell bekannt, was hier ohnehin schon jeder weiß. Wieder Beifall, stehende Ovationen und Erleichterung beim Gewählten. "Herr Präsident, ja ich nehme die Wahl an." Dank für das Vertrauen, Respekt für die Mitbewerber und eine Liebeserklärung an seine Frau Eva: "Jede Stunde ist ein Geschenk mit Dir."

Köhler versteht sich nicht als Lagerpräsident Und schon beginnt der Kampf um die Deutungshoheit: "Ein klares Signal für Schwarz-Gelb", sehen Merkel & Co. in der Entscheidung. Mit der Bundestagswahl habe das aber nun überhaupt nichts zu tun, winkt SPD-Chef Franz Müntefering schnell ab. Er habe ein anderes Amtsverständnis und verstehe sich nicht als Teil einer Regierungskoalition, stellt Köhler klar und will sich nicht vereinnahmen lassen. Nein, als Lagerpräsident will er nicht in die zweite Amtszeit gehen.

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