Werftarbeiter in Wolgast und Stralsund demonstrieren : "Wie heiße Kartoffeln"

In Wolgast fordern Arbeiter  ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zu den Werften.dpa
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In Wolgast fordern Arbeiter ein klares Bekenntnis der Bundesregierung zu den Werften.dpa

Erst die Proteste am Morgen, dann die guten Nachrichten: Die P+S-Werften-Gruppe in Stralsund und Wolgast hat zwei neue Aufträge für den Bau von Spezialschiffen an Land gezogen.

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17. November 2010, 11:43 Uhr

Das Unternehmen baut für die dänische Reederei DFDS zwei Spezialtransporter, die im internationalen Frachtroutendienst eingesetzt werden sollen. Wie Werften-Chef Dieter Brammertz gestern weiter mitteilte, sollen die Schiffe Mitte 2012 an die Reederei übergeben werden.

Am Morgen hatten die anhaltenden Probleme im Schiffbau gestern rund 450 Arbeiter der Peene-Werft in Wolgast zu einer Demonstration auf die Straße getrieben. Heute wollen die Schiffbauer auf der Volkswerft in Stralsund für den Erhalt der Werften demonstrieren. Eckhardt Rehberg, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Mecklenburg-Vorpommern, fordert von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), sich angesichts der starken asiatischen Konkurrenz für einheitliche Regelungen im europäischen Schiffbau einzusetzen. Thomas Schwandt sprach mit dem Beauftragten der CDU/CSU-Fraktion für die maritime Wirtschaft.

Brüderle möchte mit dem Aus des Deutschlandfonds zum Jahresende 2010 auch die Möglichkeit kappen, dass Schiffbau-Aufträge mit 90 Prozent durch Bundes- und Landesbürgschaften abgesichert werden können. Kritiker sagen, die Werftenkrise ist noch nicht vorbei...

Rehberg: Schiffbaubetriebe auch in Mecklenburg-Vorpommern haben Bürgschaften und Kredite im Rahmen der Konjunkturprogramme in Anspruch genommen, unter anderem Nordic Yards und die P+S-Werften in Wolgast und Stralsund. Fakt ist dabei auch, dass die Kosten für diese Form der Kapitalbeschaffung durch das Zwischenschalten von Kreditinstitutionen doppelt so hoch sind für die Werften als bei einer beihilfefreien Finanzierung mit 80 Prozent Landesbürgschaft und 20 Prozent über die Banken. Wir müssen zu normalen Finanzierungen zurückkehren.

Ist es in der weiterhin angespannten Situation für die Werftindustrie trotzdem nicht sinnvoll, wenn Brüderle sich in Brüssel für den deutschen Schiffbau stark machen würde?

Von Bundesminister Brüderle hätte ich erwartet, dass er sich in Brüssel dafür einsetzt, dass die Schiffbauindustrie eine 90-Prozent-Bürgschaftsgarantie erhalten kann, auch wenn diese teuer ist. Der Schiffbau kann weiter auf bewährte Instrumentarien wie das Zinsaus gleichssystem CIRR und die Hermes-Bürgschaften für Exportgeschäfte zurückgreifen.

Die Banken verhalten sich in der Schiffbaufinanzierung jedoch weiter sehr restriktiv. Welche Lösung kann es hier geben?

Mir ist aufgefallen, dass die Klagen sehr stark aus Mecklenburg-Vorpommern kommen. Was wenig verwundert in einem Land ohne Landesbank. Einige Werften in Schleswig-Holstein und Hamburg werden auch in schwieriger Zeit von der landeseigenen HSH Nordbank trotz einiger risikobehafteter Bereiche im Schiffbau unterstützt. Außerdem macht es erst Sinn über Finanzierungen zu reden, wenn Aufträge da sind. Hier zeigen die P+S-Werften in Stralsund und Wolgast, wie es geht. Mit Ausnahme von wertintensiven Kreuzfahrtschiffen ging jeder zweite Auftrag im deutschen Schiffbau in diesem Jahr nach Vorpommern.

Brüderles Zurückhaltung zeigt auch, wie wenig Gewicht dem Schiffbau auf der politischen Bühne in Berlin zugemessen wird. Verkennt der Minister die wirtschaftliche Bedeutung der Branche für den Norden?

Die maritime Industrie, von der Hafenwirtschaft über die Schifffahrt bis hin zu Schiffbau und Meeresforschung, ist existenziell für den maritimen Standort Deutschland, sie ist der entscheidende Schlüssel zum Weltmarkt.

Für den Schiffbau ist auch entscheidend, dass die Seeschifffahrt unter vollen Segeln fährt. Diese beklagt ebenfalls eine restriktive Kreditvergabe der Banken. Wie sehr gefährdet das den maritimen Standort?

Mit nationalen Vergünstigungen wie Tonnagesteuer und Lohnsteuereinbehalt haben es die deutschen Reeder geschafft, die weltweit größte Containerschiff-Flotte aufzubauen. Aktuelle finanzielle Engpässe haben auch damit zu tun, dass deutsche Reeder in Asien noch Containerschiffe bestellt haben, als schon vor der schweren Krise erhebliche Überkapazitäten absehbar waren. Die Politik kann keinen Einfluss auf die Banken ausüben. Diese sind jetzt gefordert, kleine Reedereien nicht wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen.

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