Ratgeber : Wie erkläre ich es meinem Kind?

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Erdbeben, der Massenunfall auf der A19, Hungersnöte und Kriege: Die Nachrichten sind voll von Bildern, die Zerstörung, Gewalt und Leid zeigen - und auch vor Kindern nicht Halt machen.

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17. Mai 2011, 11:34 Uhr

Erdbeben, Selbstmordanschläge, der Massenunfall auf der A19, Tornados, Hungersnöte, Schlägereien in U-Bahnen und Kriege in fernen Ländern: Die Nachrichten sind voll von Bildern, die Zerstörung, Gewalt und Leid zeigen - und auch vor Kindern nicht Halt machen. An den einen Mädchen und Jungen gehen Ereignisse wie diese völlig vorbei. Bei anderen werfen sie Fragen oder sogar Ängste auf. Doch wie reagieren Eltern dann am besten darauf? Sylvia Parton sprach darüber mit Dr. Ingolf Friede, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut.

Wie gehen Eltern mit Kinderfragen zu schlimmen Ereignissen am besten um?

Dr. Ingolf Friede: Wenn Kinder entsprechende Fragen haben, ist es ein absolutes Muss, sie aufzugreifen. Den Mantel des Schweigens darüber zu legen oder das Kind mit Antworten wie "das verstehst du noch nicht" abzuspeisen, wäre der falsche Weg. Ängste und Unsicherheiten würden bleiben, weil die Eindrücke nicht verarbeitet werden können. Das wäre auch eine Form von Vernachlässigung, die im schlimmsten Fall zu emotionaler Armut führen kann.

Eine Leserin sah sich nach der Massenkarambolage auf der A19 mit der Frage ihres Kindes konfrontiert, was "bis zur Unkenntlichkeit verbrannt" bedeutet. Wie detailreich sollten Eltern Fragen wie diese beantworten?

Wenn Kinder gezielt nach einem Begriff fragen, müssen Eltern ihn auch genauer erklären. In dem Moment, in dem das Kind ihn gebraucht, steht dahinter die Aussage: Ich habe ihn gehört, er sagt mir aber nicht alles. Auch wenn Kinder Formulierungen wie "bis zur Unkenntlichkeit verbrannt" vielleicht erst zum ersten Mal hören, können sie sehr wohl erkennen, dass den Menschen durch das Feuer im Auto etwas ganz Schreckliches passiert ist und man nicht mehr erkennen kann, wie sie einmal ausgesehen haben. Das kann man erklären, ohne weitere Ängste auszulösen. Ob die Antwort sehr sachlich oder emotional ausfällt, hängt vom Alter des Kindes ab, von seiner Reaktion auf das Ereignis und von der Art, wie es nachfragt. Je emotionaler ein Ereignis ein Kind aufwühlt, umso ausführlicher sollten Eltern es erklären. Kinder möchten immer gern ein Happy End haben. Miteinander zu reden, zeigt ihnen, dass anders als in Filmen oder Märchen im realen Leben nicht immer alles schön ist. Auch diese Erfahrung ist für Kinder wichtig.

Wie offen sollten Eltern mit ihren eigenen Gefühlen gegenüber Kindern sein?

Das kommt auf den Zeitpunkt an. Unmittelbar vor dem Schlafengehen wäre dafür sicher nicht der passende Moment. Grundsätzlich sollten Eltern sie jedoch nicht verbergen. Das hilft den Kindern, die Sichtweise der Eltern besser zu verstehen. Über Gefühle zu reden, ist außerdem eine grundlegende Kompetenz, die Kinder unbedingt erlernen sollten.

Ist es ratsam, dass Eltern ein Thema von sich aus anschneiden?

Das hängt vom Kommunikationsstil der Familie ab. Sind die Kinder damit vertraut, dass über tagesaktuelle Ereignisse oder Familienangelegenheiten gesprochen wird, ist es legitim, wenn die Gesprächsinitiative von den Eltern ausgeht. Es macht jedoch wenig Sinn, solche Themen den Kindern gegenüber sonst zu vernachlässigen, sie in besonders tragischen Situationen aber von sich aus aufzugreifen. Das könnten die Kinder dann als besonders bedrohlich empfinden. Wenn bestimmte Geschehnisse für das Kind kein Thema sind, sollten Eltern auch nicht den Holzhammer herausholen, nach dem Motto: Jetzt erkläre ich es dir ganz genau.

Nach der Tsunami-Katastrophe haben viele Kinder in Kindergärten und Schulen darüber gesprochen, was in Japan passiert ist und mit Kuchenbasaren Geld für Spenden gesammelt. Wie sinnvoll sind solche Herangehensweisen?

Es ist immer gut, wenn sich Kinder in einer Gruppe mit Ereignissen wie diesen beschäftigen. Die Gespräche mit Gleichaltrigen können den Kindern Ängste nehmen. Wandzeitungen, Trauerecken oder Ähnliches drücken Anteilnahme aus und schulen das Solidargefühl - eine Eigenschaft, die auch später im Leben von Bedeutung ist. Indem sie selbst aktiv werden, etwa Kuchen backen und verkaufen, sehen die Kinder nicht zuletzt auch: Ich kann dazu beitragen, etwas zu verändern - in dem Fall, die Situation für die Kinder in Japan etwas zu verbessern.

Wir werden jeden Tag mit schlimmen Nachrichten konfrontiert. Inwieweit ist das eine Chance für Kinder, die Ereignisse als etwas zu begreifen, das zum Leben dazugehört? Oder ist das für ihre Entwicklung eher kontraproduktiv?

Emotionen lassen sich besser an einem konkreten und tieferen Ereignis ausbilden als an Geschehnissen, die regelmäßig vorbeirauschen. Das erzeugt Oberflächlichkeit, mit der man Eigenschaften wie Mitgefühl nicht mehr richtig ausformen kann, weil das entsprechende Ereignis scheinbar zum Alltag dazugehört. Ich stelle jedoch immer wieder fest, dass sich die wenigsten Kinder mit aktuellen Ereignissen wie Selbstmordanschlägen oder Hungersnöten beschäftigen. Das fließt an ihnen vorbei, ist wie ein Film.

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