zur Navigation springen

Ein Frechdachs, der zum Liebling der Nation wurde : Wetten, dass er wiederkommt?

vom

Mit der „Wetten, dass..?“-Show steht Thomas Gottschalk als einer der letzten Vertreter der Samstagabendunterhaltung vor der Kamera. Diese Ära ist Ende des Jahres vorbei – Sonnabend gibt es das letzte Sommerspecial.

svz.de von
erstellt am 17.Jun.2011 | 05:32 Uhr

Thomas Gottschalk hat im Fernseher gewohnt, in der guten Stube, schon immer. Jedenfalls gefühlt. Vor gut dreißig Jahren ist er dort eingezogen, damals, als man die Sender noch an einer Hand abzählen konnte, selbst wenn man nah genug an der deutsch-deutschen Grenze wohnte. Damals, als der Fernseh-Samstagabend noch ein Heiligtum war, als am laufenden Band ein Kessel Buntes gewaschen wurde, als große Shows noch die Straßen leer fegten.

Er hat das Frechsein im Fernsehen erfunden

Die Zeit gräbt Furchen ins Gesicht. Nur Thomas Gottschalk sieht mit 61 Jahren irgendwie noch aus wie damals, als er, der junge Freche in der ARD "Telespiele" moderierte und dann im ZDF "Na sowas". Bei der Jugend von damals hat er sich mit "Thommys Popshow" für immer und ewig einen Platz in den Herzen bewahrt. Natürlich waren es die Videos zur Musik, die man sehen wollte - es gab zu der Zeit schließlich weder Internet noch MTV, aber es war auch dieser Gottschalk, der so locker gekleidet war, der so erfrischend anders moderierte. Harald Schmidt hat mal über ihn gesagt: "Thomas Gottschalk hat das Frechsein im Fernsehen erfunden."

Es war eine gute Entscheidung vom ZDF, Gottschalk 1987 "Wetten dass...?" anzuvertrauen. Eine Show, die Frank Elstner angeblich in zwei Stunden einer schlaflosen Nacht konzipiert hatte und damals nicht mehr selbst weiter moderieren wollte.

Es war eine gute Entscheidung von Thomas Gottschalk, sich an diese Show zu klammern. Mit "Wetten, dass...?" wurde auch der Moderator zur Konstante. So viele gibt es davon nicht im Leben.

Wolfgang Lippert erschreckte die Nation

Seltsame Sender überschwemmten das Land, auf dem Bildschirm warf man sich Torten ins Gesicht, Kandidaten zogen blank. Aus dem Portmonee verschwanden Währungen, ja selbst ein ganzer Staat nebst seinen Fernseh-Programmen ging den Bach hinunter.

Aber Gottschalk blieb, blieb beim ZDF, blieb bei "Wetten, dass...?"

Nur kurz verlor er einmal die Lust, hörte 1992 auf, nach fünf Jahren. Mit seinem Nachfolger erschreckte der Sender die Nation. Wolfgang Lippert hüpfte über die große Bühne und tatschte sich durch Prominente und Kandidaten. Neunmal durfte er das, dann war Gottschalk wieder bereit.

Nebenbei versuchte sich Gottschalk auch als Schauspieler. Für seine Filme wie "Piratensender Powerplay", "Die Supernasen", "Zwei Nasen tanken Super" blieb der Oscar zu Recht im Schrank. Oder um mal das Lexikon des internationalen Films zum Streifen "Zärtliche Chaoten" zu zitieren: "Schlampig inszenierte, mit talentlosen Darstellern besetzte Sommerkomödie, langweilig und voller abgedroschener Späße." Es fanden sich trotzdem genug Zuschauer in den Kinos ein, dass sogar "Zärtliche Chaoten II" gedreht wurde.

Es gab Zeiten, da war Thomas Gottschalk allgegenwärtig. Er moderierte bei RTL seine eigene Late-Night-Show, war Programmdirektor von Radio Xanadu und zwischendurch vernaschte er im Werbeblock unschuldige Goldbären.

Goldbärchen für immer

Inzwischen weiß man gar nicht mehr so genau, ob Gottschalk im Fernsehen für die Gummitiere oder die Gummitiere im Supermarkt für ihn werben. Seit zwanzig Jahren gehören Haribo und Thomas Gottschalk zusammen. 2005 hat er einen Guiness-Buch-Eintrag dafür bekommen, für die längste Beziehung zu einem werbetreibenden Unternehmen. Gottschalk, die Konstante im Leben.

Seine Familie versuchte er aus dem Trubel herauszuhalten. Die Gottschalks verließen Deutschland Anfang der 1990er Jahre, siedelten um nach Amerika. Die Söhne Roman und Tristan sollten eine ungestörte Kindheit haben, fern vom Medientrubel. 2006 kehrten sie zurück. Ehefrau Thea hatte Heimweh. Jetzt wohnen sie auf Schloss Marienfels in Remagen am Rhein.

Gottschalk ist in den letzten Jahren vergleichsweise wenig im Fernsehen zu sehen, aber immer noch oft genug, um gegenwärtig zu sein.

Der freche Moderator, hat seine Frechheit verloren, ist zum netten Onkel geworden.

Auch "Wetten, dass...?" hat die Spannung und Überraschung der ersten Jahre längst verloren. Bei den Wetten hat man inzwischen das Gefühl, man hat sie so oder ähnlich alle schon mal gesehen. Aber immer noch kommen Prominente aus aller Welt gern zu Gottschalk. Michael Jackson war da und Take That sang dort das letzte Mal vor der ersten Trennung. Häufigster Gast allerdings war, man glaubt es kaum, Peter Maffay, dicht gefolgt von Udo Jürgens.

Gottschalk stellt keine unangenehmen Fragen und jeder darf kräftig auf die Reklamepauke hauen, für eine neue Platte oder den neuen Film. Quasi eine Dauerwerbesendung mit kleinen Unterbrechungen. Längst freut man sich nicht mehr auf "Wetten, dass...?" am Samstagabend, man zappt nur mal rein, um zu sehen, wie Dr. House singt und ob der Thommy wirklich noch da ist. Er ist, wie schön. Und er trägt immer noch ulkige Klamotten. Zum Glück, sonst würde uns ja etwas fehlen.

"Wetten, dass...?" und Thomas Gottschalk sind zwei Dinosaurier, die nur überleben, weil sie sind, wie sie sind und weil sie sich aneinander geklammert haben. Nun nehmen sie Abschied voneinander. Ein Abschied in Raten. Gottschalk blieb keine andere Wahl. Er hat die moralische Verantwortung übernommen, für den schlimmen Unfall von Samuel Koch, der sich beim Springen über Autos im Dezember letzten Jahres so schwer verletzte, dass er wohl nie wieder richtig gesund wird. Gottschalk selbst traf keine Schuld. Aber einfach ein Weiterso, war unmöglich.

Heute nun gibt es das letzte Mal "Wetten, dass...?" im gewohnten Format - als Sommerausgabe von der Insel Mallorca. Jennifer Lopez wird dabei sein, Cameron Diaz und Heidi Klum. Ein paar jüngere Zuschauer werden den großen alten Showmaster Gottschalk kennenlernen, weil mit Pietro Lombardi und Sarah Engels zwei "Superstars" im Duett singen, während sich auf der Couch Dieter Bohlen die Hände reibt.

Im Herbst dann wird Gottschalk noch mal drei Shows moderieren, die das Beste aus dreißig Jahren "Wetten, dass...?" zeigen. Und dann?

Gottschalk: "Ich hoffe, dass die Sendung ohne mich weniger vorhersehbar wird. Jetzt haben wir eine Situation, wo man mit mir was Neues anfangen kann, und mit der Sendung auch."

Neun Monate Halbwertzeit

Aber Gottschalk ohne "Wetten, dass...?"

Moderatoren haben eine Halbwertzeit von neun Monaten, hat Günther Jauch einmal gesagt. Nach neun Monaten hat einen die Hälfte vergessen, weitere neun Monate später halbiert sich die Zahl wieder. Nach zwei Jahren kennen einen nur noch ein paar Ältere.

ARD und ZDF würden Gottschalk gern als Moderator einer neuen Sendung sehen. Aber wer war noch mal Thomas Gottschalk?

Und was wird aus "Wetten, dass...?" Wird die Sendungvon der Moderationsmaschine Jörg Pilawa langsam eingeschläfert oder reaktiviert das ZDF Wolfgang Lippert, damit den Zuschauern der Abschied nicht mehr schwer fällt?

Bliebe die Option auf eine glückliche Wiedervereinigung, hat ja schon mal geklappt. Denn "Wetten, dass...?" ohne Gottschalk und Gottschalk ohne "Wetten, dass...?", das wird nichts.

Wetten, dass...?

Top, die Wette gilt!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen