Wenn Menschen nicht mehr leben wollen

Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist gratis – auch von jedem Handy aus. Viele speichern die Nummer ein. Foto: Georg Scharnweber
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist gratis – auch von jedem Handy aus. Viele speichern die Nummer ein. Foto: Georg Scharnweber

Der Gedanke, ihrem Leben ein Ende bereiten zu wollen, lässt manche Menschen nicht mehr los. Über ihre Gefühle sprechen sie in ihrer seelischen Not mit Mitarbeitern der Telefonseelsorge, die vor über 50 Jahren gegründet worden ist. In Rostock arbeiten 70 Ehrenamtler in dem Bereich und nehmen sich 24 Stunden rund um die Uhr den Sorgen anderer an.

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10. September 2008, 09:16 Uhr

Rostock - Der Mann steht auf der Brücke am Eisenbahngleis. Er will springen. Schluss machen mit dem verkorksten Leben, wo alles aus dem Ruder gelaufen ist. Wo sich ein Misserfolg an den nächsten reiht: Arbeit, Familie und Freunde verloren. Haus, Hoffnung und Selbstachtung futsch. Fast magisch zieht es den Verzweifelten auf das Gleis. Es gleicht einem Sog wie in einer starken Fluss-Strömung. Er wartet auf den Zug, dessen Ziel für ihn keinen x-beliebigen Stadtnamen trägt, sondern nur „Erlösung“ heißt. Angst hat er keine, an die Folgen denkt er nicht. Dafür ist die innerliche Last und Leere zu schwer geworden. Da erscheint ihm der Tod leichter.

Patentrezepte gibt es nicht, jedes Schicksal ist anders

„Ich springe gleich von der Brücke“, sagt der Lebensmüde zu Anna Sommer (Name geändert). „Mir geht es heute wieder so schlecht, ich sehe keinen anderen Ausweg mehr als den Tod. Das sollen Sie wissen, bevor es mich nicht mehr gibt“.Dann schweigt er und wartet auf die Reaktion am anderen Ende der Leitung.
Anna Sommer arbeitet ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge. Vier Mal im Monat nimmt sie sich der Nöte anderer an.

Die 45-Jährige spürt sofort, dass dieser Mann es ernst meint und die Situation hoch akut ist. „Das ist ein krasses Gefühl, wenn ich im Hintergrund Züge fahren höre und mir sage, der kann wirklich gleich springen.“

Für solche SOS-Momente gibt es keine Patentrezepte. Jedes Schicksal unterscheidet sich.
Manche legen auch auf, wenn sie merken, dass die Seelsorger nicht sofort eine Formel mit Zauberkraft aus dem Ärmel ziehen können. „Deshalb ist es wichtig, Zeit zu gewinnen, den Anrufer in der Leitung zu halten, den Faden seiner Sorgen aufzunehmen und Ruhe auszustrahlen“, sagt sie. „Ratsuchende müssen sich angenommen fühlen, das ist wichtig für den Verlauf des Gespräches.“ Manche Anrufer kennt Anna Sommer bereits. Nicht namentlich oder von Angesicht. Denn dieses Ehrenamt ist anonym, die Rufnummer stets verborgen und nicht nachvollziehbar. Aber einige Fakten aus der Geschichte kommen ihr bekannt vor. „Einige haben mir schon fünf Mal gesagt, dass sie sich umbringen wollen. Das heißt nicht, dass sie es nicht ein sechstes Mal versuchen oder es immer misslingt. Auch das nehme ich daher ernst.“. Bei einem guten Gesprächsverlauf tun sich manchmal Schlupflöcher für Hilfesuchende auf. Oder es ergeben sich Handlungsmöglichkeiten, die Verzweifelten ein Stück Zukunft verheißen. Zukunft steht für Leben und nicht für Tod.

Innerliche Entlastung durch Fallbesprechungen

Die Art des Gespräches unterscheidet sich. „Routine gibt es bei dieser Arbeit nicht. Was für den einen gut ist, hilft dem anderen überhaupt nicht“, sagt Anna Sommer. Manchmal ist Mitgefühl hilfreicher, ein anderes Mal eine vorsichtige Provokation. „Im Optimalfall hilft das, den Lebenswillen wieder zu wecken“, sagt Anna Sommer.

„Bei dem Mann auf dem Gleis ist mir das gelungen. Er war nachher mit meinem Vorschlag einverstanden, dass ein Notarzt zu ihm kommt.“ Das funktioniert aber nur, wenn Selbsttötungswillige diesen Wunsch äußern und ihre Telefonnummer und Adresse preisgeben. „Ansonsten sind wir machtlos, so kalt und herzlos das klingen mag“, sagt die Seelsorgerin, die schon zehn Jahre hier arbeitet.

Sie weiß nicht, ob die Helfer in diesem Fall rechtzeitig am Gleis waren, um den Mann vom Sprung abzuhalten und sein Leben zu retten. „Wir erfahren nie, was aus Menschen geworden ist, die sich umbringen wollten“, sagt Anna Sommer. Aber sie bekennt: „Wenn ich nach so einem Gespräch den Hörer auflege, geht es mir danach manchmal ziemlich schlecht. Dann ist es gut, dass wir Seelsorger solche belastenden Telefonate in regelmäßigen Fallbesprechungen aufarbeiten können und dadurch innerlich entlastet werden.“

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