Wenn es zum Bremsen zu spät ist... - In dieser Woche gehen 50 Busfahrer der LVG gezielt über ihr Fahrkönnen hinaus

Wie sitzt man richtig und doch bequem, um im Notfall bremsen zu können, ohne sich Arme und Schulter zu brechen? Foto: Pohle
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Wie sitzt man richtig und doch bequem, um im Notfall bremsen zu können, ohne sich Arme und Schulter zu brechen? Foto: Pohle

Für die Busfahrer der Ludwigsluster Verkehrsgesellschaft (LVG) begann am Montag bei Lüneburg eine ungewöhnliche Dienstwoche. Auf dem Fahrsicherheitsgelände des ADAC werden sie gezielt an die Grenzen ihrer Fahrkünste geführt. Bisher ein Novum für ganz Westmecklenburg.

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27. Oktober 2008, 07:20 Uhr

Lüneburg/Hagenow - Mit exakt 40 Sachen nähert sich der LVG-Bus auf der weiß unterlegten nassen Spur, der Fahrer ist angespannt, weil gleich die Wasserfontänen urplötzlich vor ihm auftauchen werden. Dann muss er sofort voll bremsen und zugleich ausweichen.

Obwohl er genau weiß, wo die Fontänen als Hindernis auftauchen, gelingt es nicht. Ungerührt von den heftigen Lenkbewegungen schiebt sich der tonnenschwere „Setra“ geradeaus durch die Wasserwand.

Der Fahrer ist tief beeindruckt. Zuvor war ihm das Manöver mit nur fünf Sachen weniger halbwegs gelungen. Fahrtrainer Hajo Goi ist dennoch zufrieden. „Es geht um den Abstand Männer, gar nicht so sehr ums Tempo. Wer mit Tempo 40 nur eine Sekunde pennt, der ist zwölf Meter näher am Hindernis und dann kann es zu spät sein“.

Denen er das erzählt, das sind keine heurigen Hasen, keine Fahranfänger sondern gestandene Busfahrer, die zum Teil mehr als 30 Jahre im Betrieb sind. „Eine richtige Vollbremsung oder gar ein Wegdriften des Busses haben die meisten dennoch in ihrem Berufsleben nie erlebt“, weiß LVG-Geschäftsführer Christian Rader, der sich den Start der Trainingswoche persönlich ansah.

Kein Wunder, geht doch sein Unternehmen auch ein erhebliches Risiko ein, die Kurse sind nicht billig. Zudem ist die LVG in dieser Woche mit vier eigenen Bussen und einem Vorführwagen am Start, die Fahrer wechseln täglich. Möglich ist dieses Art des Trainings auch nur, weil gerade Ferien sind und einige Busse nicht benötigt werden.

Etwas skeptisch hatten die zehn Busfahrer den Tag in einem Seminarraum begonnen, beeindruckt und nachdenklich waren sie bereits am Mittag, begeistert vom Kurs dann am frühen Abend. Denn schon eine normale Vollbremsung aus 30 Km/h auf simulierter Schneebahn machte manchen fassungslos. Auch mit ABS und stotternden Rädern rauschten die Busse nur so über die Bahn, bevor sie endlich zum Stehen kamen.

Nächste Termine sind bereits fest vereinbart
Bis zu 120 Fahrer will die LVG insgesamt in Lüneburg schulen lassen, der nächste Schwung an Kandidaten ist bereits für Mai kommenden Jahres avisiert.

Der Schulungseifer kommt aber nicht von ungefähr, sondern von einer neuen EU-Regelung. Die gilt seit Anfang September und verlangt von allen Besitzern eines KOM-Scheines das Absolvieren von zusätzlichen Schulungen. Zwar haben die Betroffenen dafür noch ein paar Jahre Zeit, doch bei der LVG will damit nicht warten.

Rader: „Wir könnten es uns natürlich leicht machen und diese Schulungen den Fahrern überlassen. Aber ich denke, dass wir als öffentliche Unternehmen da besonders in der Pflicht sind, so auch für mehr Sicherheit zu sorgen. Im Gegenzug bekommen die Fahrer nur einige Stunden am Schulungstag bezahlt.

Grenzen erfahrbar machenIn dem neuen Gesetz sind die Inhalte nur vage beschrieben, die Erziehung zum sparsamen Fahren gehört genauso dazu wie der Kundendienst oder eben die Fahrsicherheit. Sieben zusätzliche Stunden pro Jahr werden vom Fahrer verlangt. Und die müssen von externen und anerkannten Dienstleistern erbracht werden.

Und so tut sich auch für das Fahrsicherheitszentrum unter der Flagge der Gelben Engel ein riesiger zusätzlicher Markt auf. Am Montag waren mit Norbert Klatt (Nahverkehr Schwerin) und Andreas Helms (SGS Bus & Reisen) zwei weitere Chefs in Lüneburg, um sich über die dortigen Möglichkeiten und die Preise zu informieren.

„Die Kombination aus Erklärungen und dann der Fahrpraxis auf dem Spezialgelände hier ist natürlich unschlagbar“, zeigte sich Norbert Klatt beeindruckt. Rein rechtlich könnte man das Thema auf mit einer Fahrschule im Theorieunterricht abhandeln, doch die Erfahrungen der LVG-Busfahrer von am Montag sind nicht zu leugnen. Die sitzen nach ihren gestrigen Bremsübungen ab sofort mit noch mehr Respekt hinterm Steuer, in korrekter Haltung und natürlich stets bremsbereit.

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