Wenn der PC zur Droge wird

Diplom-Psychologin Annette Teske hilft Betroffenen dabei, aus der Medienabhängigkeit herauszukommen. Foto: Herbert Kewitz
Diplom-Psychologin Annette Teske hilft Betroffenen dabei, aus der Medienabhängigkeit herauszukommen. Foto: Herbert Kewitz

Auch in Schwerin gibt es immer mehr Menschen, die nicht mehr vom Computer loskommen. Vor allem viele junge Leute vergessen beim Spielen am PC Raum und Zeit - mit gefährlichen Folgen, wie die Beratungsstelle für exzessive Mediennutzung und Medienabhängigkeit in der Landeshauptstadt warnt.

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16. Dezember 2008, 01:01 Uhr

Schwerin | Der klassische Fall: Eine Mutter ruft an, sie weiß nicht mehr weiter, ihr 17-jähriger Sohn spricht nicht mehr mit ihr, morgens kommt er nicht aus dem Bett, mit seinen schulischen Leis tungen geht es rapide bergab. Für Annette Teske, Mitarbei terin in der Bera tungsstelle für exzessive Me dien nutzung und Medien ab hän gigkeit der Evangelischen Suchtkrankenhilfe in der Fer dinand-Schultz-Straße, kommt die nächste Information dann nicht mehr überraschend: Acht Stunden täglich verbringt der junge Mann mit Computer-Spielen, an den Wochenende können es schon mal 16 Stunden sein.

"Der Jugendliche hat offenkundig ein Problem", sagt Annette Teske, die in solchen Fällen ihre Hilfe anbietet. "Ich verabrede einen Termin mit dem Betroffenen und seiner Fami lie. Im gemeinsamen Gespräch versuche ich dann,

Wege aus der Sucht aufzu zeigen." Entscheidend sei das Problembewusstsein des Abhängigen. "Er muss selbst er ken nen, dass das exzessive Computer-Spielen negative Folgen für ihn hat - im Freun deskreis und in der Schule", so Teske.

Online-Rollenspiele üben besonderen Reiz ausSeit November 2006 gibt es

die Beratungsstelle für Mediensucht. Über einen Mangel an Arbeit können sich Annette Teske und ihr Kollege, die auch noch in der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen der Helios-Kliniken tätig sind, nicht beklagen. Im Gegenteil: "Im ersten Jahr hatten wir etwa 80 Klienten, im zweiten schon mehr als 100", berichtet Teske. Und dabei reichten die Kapazitäten gar nicht aus, um allen Ratsuchenden zu helfen.

Zwischen 14 und 26 Jahre alt sind die Personen aus Schwerin und Umgebung, um die sich die Mediensuchtberatung vor allem kümmert. "In der Regel handelt es sich um exzessive Computer-Spieler oder In ter net-Chatter", sagt Annette Teske. Grund sätzlich könnten auch noch andere elektronische Medien süchtig machen, wie etwa das Handy oder das Fernsehen. Vielfach werde auch die Sucht von einem auf das andere Me dium verlagert. Der Reiz ins besondere der Onlin e-Rollen spiele, bei denen die Teilnehmer mit anderen Freaks vernetzt seien , bestehe im Kontakt

mit Gleichgesinnten und der damit verbundenen Anerkennung, erklärt die Be raterin. "Der Bezug zum wirk lichen Leben droht aber, nach und nach verloren zu gehen." Dabei sei der Umgang mit dem Computer und dem Internet ja nicht prinzipiell schlecht. "Es kommt nur darauf an, seine Kompetenzen anders zu nutzen", so Teske.

Vernetzt haben sich inzwischen auch die Experten - im Fachverband Medienabhängigkeit. Ziel des bundesweiten Fachverbandes, der im vergan genen Monat in Schwerin gegründet wurde, sei es unter ande rem die Medienabhängigkeit als eigenständiges Störungsbild anerkennen zu lassen, sagt Annette Teske, die im Vorstand des Fachverbandes mitarbeitet. "Wir verstehen uns als Sprachrohr gegenüber Politik und Kostenträgern."

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