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Seit drei Jahren kämpft ein Mann gegen die lokale Behörde - ohne Erfolg : Wenn das Jobcenter Erspartes einzieht

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Harald Wegner (Name geändert) kann nicht mehr. Über sein Gesicht laufen die Tränen, der 64-Jährige schluchzt in sich hinein. Sein Kampf gegen das Ludwigsluster Jobcenter dauert nun schon seit drei Jahren an.

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erstellt am 01.Apr.2011 | 05:59 Uhr

Ludwigslust | Harald Wegner (Name von der Redaktion geändert) kann nicht mehr. Über sein Gesicht laufen die Tränen, der 64-Jährige schluchzt in sich hinein. Sein Kampf gegen das Ludwigsluster Jobcenter dauert nun schon seit drei Jahren an. Damals hieß das Jobcenter noch Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung für Arbeitssuchende (Arge). Drei Jahre, in denen der Rentner vergeblich versuchte, gespartes Geld zurückzubekommen, das die Arge eingezogen hatte. "Altersvorsorge", sagt Wegner. "Normales Sparbuch", sagt das Jobcenter.

Die Geschichte, die dem herzkranken Wegner so sehr zusetzt, begann im Jahr 2002: Damals bekam sein jüngerer Bruder LPG-Anteile ausgezahlt. Fast 10 000 Euro landeten auf dessen Konto. Wegen der schweren Alkoholsucht des Bruders bekam Wegner eine Vollmacht über die Konten. Bei einer Bank in Grabow legte er das Geld als Sparbrief an. "Es sollte die Altersvorsorge für meinen Bruder sein", beteuert Wegner. Er beharrt außerdem darauf, dass er damals das Arbeitsamt von dem Geld unterrichtet habe. "Wenn kein Bescheid kommt, ist es ok", lautete angeblich die Reaktion des Sachbearbeiters. "Das hat mich beruhigt und darauf habe ich mich verlassen", erinnert sich Wegner heute. Und weil letztlich kein Bescheid kam, glaubte er, das Geld sei sicher.

Im Dezember 2006 erreichte Wegner, mittlerweile Rentner, ein Brief der Arge Ludwigslust. Denn inzwischen war nicht mehr das Arbeitsamt, sondern die neu geschaffene Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung für Arbeitssuchende für seinen Bruder zuständig. Forderung: Eine Rückzahlung von mehr als 9000 Euro. "Ich konnte es gar nicht fassen, denn ich hatte geglaubt, dass automatisch alle Unterlagen vom Arbeitsamt an die Arge weitergeleitet werden und dass deshalb mit dem Geld alles ok ist", sagt Wegner. Seine Stimme überschlägt sich beinahe.

Die Arge, die heute auf den Namen Jobcenter hört, hingegen bewertet den Fall ganz anders. "Bei einem automatischen Datenabgleich kam heraus, dass der Bruder erhebliche Zinseinkünfte aus Sparguthaben hatte", sagt Arge-Geschäftsführer Bernd Hentrich auf SVZ-Anfrage. Das Sparguthaben sei während des Leistungsbezuges nie angegeben worden. Deshalb sei eine Rückzahlung der gezahlten Arge-Leistungen unausweichlich gewesen. "Durch die Höhe der Zinseinkünfte war ersichtlich, dass das Sparguthaben so hoch war, dass quasi zu keinem Zeitpunkt Hilfebedürftigkeit gegeben war", so Hentrich. Leistungen vom Jobcenter könnten jedoch nur Bedürftige beziehen und nicht solche, die ein nicht unerhebliches Vermögen auf dem Konto hätten. Auch als Altersvorsorge sei das Geld nicht geschützt gewesen. Schließlich habe es sich um ein normales Sparbuch mit gesetzlichen Kündigungsfristen gehandelt. Hentrich spricht von einem normalen Vorgang.

Die Arge forderte erbrachte Leistungen zurück, Wegner musste im Januar 2008 letztlich 9300 Euro zurückzahlen. Ab Mitte Januar bekam der nun mittellose Bruder zwar wieder Leistungen von der Arge. Aber das ersparte Geld war nun weg. Und Wegner am Boden zerstört. In seiner Familie wurde er zum Buhmann. "Und dabei wollte ich doch eigentlich nur das Geld für meinen Bruder beisammen halten", beteuert er. Auch der juristische Weg scheiterte, das Gericht entschied zu Gunsten der Arge.

Doch damit nicht genug: Ende 2008 landeten 2400 Euro auf dem Konto von Wegners Bruder. Was dieser nicht ahnen konnte: Es handelte sich um eine Fehlüberweisung. Der Bruder gab das Geld zügig aus, ohne dass Wegner etwas davon mitbekam. Doch das böse Erwachen ließ nicht auf sich warten. Im April 2009 erhielt der Bruder einen Brief. Inhalt: Bei der Überweisung der 2400 Euro handle es sich um einen Fehler der Arge, das Geld habe an ein anderes Konto gehen sollen. "Es gab diese Fehlbuchung, die auf einen Programmfehler zurückzuführen ist", gibt Jobcenter-Geschäftsführer Bernd Hentrich zu. Fehlüberweisungen dieser Art kämen nicht oft vor. Ausgerechnet Harald Wegner kam für die Rücküberweisung auf. Sein Bruder konnte nicht zahlen. "Ich habe mich verantwortlich gefühlt", sagt er.

Und obwohl Wegner im Jahr 2010 einen Herzinfarkt erlitt und seitdem einen Herzschrittmacher trägt, will er weiterkämpfen. "Ich will mein Geld und das Geld meines Bruders wiederhaben", sagt er. Im Januar hielt er Einblick in die Akte seines Bruders. Darin will er auch einen Kontoauszug gefunden haben, der belege, dass das Amt sowohl über das Sparkonto als auch über das Vermögen unterrichtet gewesen sei. "Es befinden sich zwar Kontoauszüge in den Akten, die sind aber nachweislich immer erst dann eingereicht worden, nachdem wir den Kunden dazu aufgefordert hatten", sagt Bernd Hentrich dazu. In allen Anträgen auf Arbeitslosengeld II seien die Sparkonten hingegen verschwiegen worden.

Unendliche Geschichte: Fortsetzung folgt

Von den Mitarbeitern des Jobcenters fühlt sich Wegner bespitzelt und beobachtet. "Wenn ich das Gebäude verlasse, schauen mir die Mitarbeiter vom Fenster aus hinterher, einmal sogar mit einem Fernglas", sagt der Rentner. "Mir ist nicht bekannt, dass einer meiner Mitarbeiter ein Fernglas neben seinem Schreibtisch stehen hat", kontert Bernd Hentrich. Vielmehr sei es Wegner, der seine Mitarbeiter durch Aufdringlichkeit, aggressives Verhalten und Telefonanrufe belästige. "Er ist unbelehrbar", sagt Hentrich. Und so scheint eines sicher: Fortsetzung folgt.

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