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Euro-Apokalyptiker haben ihren letzten großen Auftritt : Welche Trends kommen 2013?

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Welche Trends beschäftigen die Deutschen im kommenden Jahr? Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx (57) erklärt im Interview mit Redakteur Jörn Perske den gesellschaftlichen Wandel von morgen.

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erstellt am 27.Dez.2012 | 07:32 Uhr

Welche Trends beschäftigen die Deutschen im kommenden Jahr? Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx (57) erklärt im Interview mit dpa-Redakteur Jörn Perske den gesellschaftlichen Wandel von morgen.

Welche gesellschaftlichen Phänomene werden die Menschen in Deutschland 2013 verstärkt beschäftigen?

Horx: 2013 werden die Euro-Apokalyptiker ihre letzten großen Auftritte haben, bevor diese Angst langsam abflaut. Es spricht viel dafür, dass sich die Länder in Europa zusammenraufen und ein robusteres Finanzmarktsystem entwickeln. Dann kann es sogar zu einer Art Europhorie kommen. Das zweite große Thema wird die Ungleichheitsdebatte. In Deutschland ist die Angst vor der Verarmung ein Paranoia-Thema, und zur Bundestagswahl werden sich alle Ideologen in Stellung bringen. Das heißt aber nicht, dass die Armut wirklich zunehmen muss – nur die medial gestützte Erregung.

Was wird darüber hinaus noch für Gesprächsstoff sorgen?

Ein Erregungsthema wird weiterhin die „Frauenquote“ sein, wie sie von der EU-Kommission gefordert wird. Der „Female Shift“, wie wir den wachsenden Einfluss von Frauen in Wirtschaft, Politik und Kultur nennen, steht vor seinem Durchbruch. Das bedeutet unter anderem einen Abschied von den männlichen Präsenzkulturen in der Arbeitswelt.

Wissenschaftler diskutieren, ob mehr Frauen in den Chef-Etagen eine andere und bessere Performance bringen. Was meinen Sie?

Studien belegen, dass ein höherer Frauenanteil in den Chef-Etagen vor allem langfristig eine bessere Performance bringt. Von Männern dominierte Führungsriegen gehen häufiger höhere Risiken ein, so dass Unternehmen schneller in Notlage geraten und öfter Insolvenz anmelden müssen. Es lohnt sich also, den Frauenanteil zu erhöhen – ob mit oder ohne Frauenquote.

Welche weiteren Top-Trends können Sie nennen?

Im Trendreport 2013 beschreiben wir Veränderungsbewegungen mit großer Hebelwirkung. Da ist etwa der Trend „Hack Generation“. Das Prinzip des Hackings etabliert sich in immer mehr Umfeldern der Gesellschaft als eine Methode, in größere Projekte und Systeme einzugreifen. Zum Beispiel in das System Stadt, wo Bürger Gemeinschaftsgärten auf Brachflächen anlegen – „Urban Hacking“.

Stichwort Globalisierung: Wie entwickelt sich dieser Megatrend?

Aufgrund steigender Löhne in den Schwellenländern und steigenden Rohstoff- und damit Logistikpreisen wird es zu einer Renaissance lokaler Produktionsprozesse kommen. In der nächsten Dekade geht es nicht mehr um Outsourcing, sondern um Insourcing.

Welche Begleitumstände der Globalisierung haben sich im Laufe der Zeit stärker gezeigt als erwartet und welche weniger?

Nicht jede Leistung lässt sich outsourcen. Das berührt vor allem Dienstleistungen, deren Anteil an der Ökonomie stetig wächst. Wir gehen auch künftig noch zum Arzt unseres Vertrauens und lassen uns nicht online aus Indien beraten. Das heißt auch: Kosten senken durch Globalisierung funktioniert künftig nicht mehr. Das wird auch die Auto-Industrie erleben, die ihre Probleme nicht mehr nur dadurch lösen können wird, dass sie in China mehr Autos verkauft. Humanoide Roboter werden auch 2013 nicht zum Straßenbild gehören. Dafür kann man bereits mit Handy-Assistenten sprechen.

Wohin führen uns die wundersamen Technik-Innovationen als nächstes?

Technologie setzt sich durch, wenn sie dem Menschen mehr Autonomie und Kontrolle bringt. Den Roboter, der versucht, wie ein Mensch zu sein, empfinden wir als Täuschung und damit als Kontrollverlust. Die Zukunft wird smarte Interfaces (Schnittstellen) mit sich bringen, mit denen wir Computer bedienen – beispielsweise durch Gestenbewegung. Sprache ist eher dem Menschen vorbehalten, denn Menschen sind soziale Wesen. Sprachsteuerung ist deshalb im Auto sinnvoll, aber in jeder sozialen Situation eher störend.

Kundendaten und Konsum-Wünsche von Verbrauchern sind wichtige Rohstoffe. Für wen sind diese Informationen Fluch und für wen Segen?

Kundendaten sind ein Segen für die Marketingabteilung. Werbung lässt sich zunehmend personalisieren. Ein Fluch kann es für den Kunden sein, wenn er nur noch das angeboten bekommt, wofür er sich interessiert. Dann regiert der Terror der digitalen Berechenbarkeit.

Manchmal wollen wir auch überrascht werden. Und diese Überraschungen zu bereiten – das ist die Kunst des neuen Verkaufens.

Tourismus-Forscher sehen veränderte Trends zum Urlaubmachen…

Der Tourist von morgen möchte nicht mit Souvenirs nach Hause kommen, sondern mit einer einzigartigen Erfahrung. Es geht ihm um eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Ziel seiner Reise. Beim „Urban Exploration“ geht es um neue, ungewohnte Perspektiven. Beispielsweise bei einer Erkundungstour der Kanalisation einer Stadt, wie es der Verein „Berliner Unterwelten“ anbietet.

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