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Absurdistan: Einkaufspreise fallen auf Acht-Jahres-Tief : Was Strom wirklich teurer macht

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Seit Wochen passiert an der Strombörse European Energy Exchange etwas, das die ganze Energiewende in finanzielle Schieflage bringen könnte. Die Preise für Stromlieferungen in den nächsten Jahren fallen und fallen.

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2013 | 10:47 Uhr

Berlin | Es ist ein eher unscheinbarer Ort, an dem die Höhe des Strompreises in Deutschland entschieden wird. Im 23. Stock des Leipziger Uni-Turms sitzt die Strombörse European Energy Exchange (EEX). An Bildschirmen wird hier der produzierte Strom gehandelt und der Preis für den Kauf einer Megawattstunde festgelegt.

Seit Wochen passiert hier etwas, das die ganze Energiewende in finanzielle Schieflage bringen könnte. Die Preise für Stromlieferungen in den nächsten Jahren fallen und fallen. "Wir haben im Moment Börsenstrompreise, die seit 2005 nicht mehr so niedrig waren", sagt der Energieanalyst Tobias Federico von dem Fachdienst Energy Brainpool. Doch durch den günstigen Einkauf für die Versorger wird der Strom für den Endkunden immer teurer. Wie bitte?

Das paradox klingende Phänomen hängt mit dem Fördermechanismus für erneuerbare Energien zusammen. Für jede Kilowattstunde Solar- und Windstrom gibt es eine auf 20 Jahre festgelegte garantierte Vergütung. Bezahlt wird dies über den Strompreis durch die Ökostrom-Umlage. Deren Höhe bemisst sich aus der Differenz zwischen Börsenstrompreis und einem festen Vergütungssatz.

Ein Beispiel: Wenn an der Strombörse dank des Ökostrombooms nur noch 3,5 bis 4 Cent statt erwarteter 5 Cent pro Kilowattstunde zu bekommen sind, wächst die Differenz zum aktuellen Fördersatz für neue Solaranlagen (17 Cent) von 12 auf bis zu 13,5 Cent. Über das Jahr gerechnet kann das Umlage-Zusatzkosten von über 1,5 Milliarden Euro verursachen.

Zum Strom-Einkaufspreis kommen neben Ökostrom-Umlage, Netzentgelten und Vertriebskosten unter anderem noch Stromsteuer und Mehrwertsteuer hinzu. Deshalb müssen Endverbraucher in Haushalten derzeit rund 28 Cent je Kilowattstunde zahlen. In einem Durchschnittshaushalt werden so 980 Euro im Jahr für Strom fällig. Auch der sonst so redselige Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat kein Rezept gegen die hohen Endverbraucherpreise. Er weicht Fragen danach eher aus und verweist auf sein Konstrukt einer Preisbremse durch Einfrieren der Ökostrom-Umlage. Einige Versorger freuen sich derweil über steigende Gewinnmargen durch günstige Einkaufspreise. Zurück nach Leipzig. Dort wird die Megawattstunde Strom zur Lieferung im nächsten Jahr derzeit nur noch für 41 bis 42 Euro gehandelt - vor einigen Jahren waren es noch 60 Euro. Im kurzfristigen Einkauf, dem sogenannten Spotmarkt, ist der Preis ebenfalls niedrig. An manchen Tagen wird sogar noch Geld draufgezahlt, damit überschüssiger Strom abgenommen wird - etwa wenn bei reichlich Windstromproduktion zu viele Kohlekraftwerke laufen.

Der Strombörsenpreis kann dank der rasanten Zunahme der Solar- und Windstromproduktion dauerhaft um 10 bis 15 Prozent fallen. Doch der Stromverbraucher hat davon wenig, denn zugleich steigt die auf den Strompreis aufgeschlagene Öko-Umlage weiter. Und das auch, wenn die Zahl der Windräder oder Biogasanlagen gleichbleibt. Alle Konzepte für eine Preisbremse können nur Symptome kurieren, auch in der Strombranche selbst herrscht Ratlosigkeit. "Wir sind mittlerweile fast wie in einer Todesspirale. Die Menge der Energie und die Menge der finanziellen Wälzungen sind einfach zu groß geworden", sagt ein Energieexperte mit Blick auf die Förderung erneuerbarer Energien. Verbraucherschützer hatten immer wieder eine jährliche Deckelung des Ausbaus gefordert - zugleich hat die unbegrenzte Förderung den starken Preisverfall etwa bei Solarmodulen erst ermöglicht. Da es einen Bestandsschutz für bereits installierte Anlagen gibt, würde aber selbst ein sofortiger Förderstopp wenig bringen. Denn bis über das Jahr 2030 hinaus müssen jährlich Milliardensummen - 2013 sind es rund 20 Milliarden Euro - über die Ökostrom-Umlage gewälzt werden.

Die Linke-Politikerin Caren Lay fordert eine staatliche Preisaufsicht, damit sinkende Einkaufspreise an die Verbraucher weitergereicht werden. "Allein eine Weitergabe dieses Effektes müsste den Strompreis um zwei Cent die Kilowattstunde senken", betont Lay. Analyst Federico sieht in einem Preisanstieg für Co2-Verschmutzungsrechte einen Hebel. So könnte durch eine Verteuerung der Kohlestromproduktion der Börsenpreis wieder steigen.

Doch eine Reform des EU-Emissionshandels blockiert ausgerechnet Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). Durch den Preisverfall für CO 2 - Zertifikate ist Braunkohlestrom günstig und drückt den Börsenstrompreis zusätzlich - dadurch aber wird ein Stück des Klimaschutzvorteils durch mehr Ökostrom wieder aufgesogen.

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