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Salami-Taktik: Bundespräsident bleibt in Erklärungsnot : Wann wagt Wulff den Befreiungsschlag?

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Es kommen immer neue Details an Licht. In der Affäre um einen Privatkredit für Bundespräsident Christian Wulff haben dessen Anwälte jetzt eine Beteiligung des Unternehmers Egon Geerkens eingeräumt.

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erstellt am 21.Dez.2011 | 08:13 Uhr

Berlin | Es kommen immer neue Details an Licht. Über seinen Anwalt ließ Bundespräsident Christian Wulff gestern erklären, dass der befreundete Unternehmer Egon Geerkens sehr wohl an den Verhandlungen über den umstrittenen Privatkredit beteiligt war. Bisher hatte Wulff an der Darstellung festgehalten, keine Geschäftsbeziehungen mit Geerkens gehabt zu haben. Das Darlehen über 500 000 Euro stamme von dessen Frau Edith.

Kritik aus Kirchenkreisen

Wulffs Eingeständnis - Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker. Der SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy zog Vergleiche zum Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg in der Plagiatsaffäre und warf dem Präsidenten Salami-Taktik vor: Er gebe nur das zu, was nicht mehr zu leugnen sei. SPD-Chef Gabriel verlangte eine öffentliche Stellungnahme des Bundespräsidenten.

Gestern Nachmittag zeichnete Wulff dann seine Weihnachtsansprache auf, die am Sonntag ausgestrahlt werden soll. 60 bis 70 Bürgerinnen und Bürger waren dazu in den Großen Saal von Schloss Bellevue geladen worden. Lange blieb allerdings unklar, ob Wulff die Gelegenheit für ein Wort in eigener Sache nutzte. Wie unserer Berliner Redaktion aus Teilnehmerkreisen bestätigt wurde, thematisierte Wulff die aktuellen Vorwürfe in seiner Ansprache nicht. Er habe über die Themen Integration und Zusammenhalt in der Gesellschaft, über Europa und die Schuldenkrise sowie den Rechtsextremismus und die Morde der Zwickauer Zelle gesprochen, hieß es weiter. Viel deutet darauf hin, dass der Präsident die Sache aussitzen will. In der schwarz-gelben Koalition setzte man darauf, dass sich die Aufregung um Wulff, den Kredit und die Luxus-Aufenthalte in Unternehmer-Villen über die Feiertage Stück für Stück legt. Der Bundespräsident könnte dann aufatmen.

Politiker von Union und FDP sprangen Wulff gestern bei. "Ich habe volles Vertrauen zu diesem Bundespräsidenten", betonte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Widersprüchliche Reaktionen kamen dagegen aus der katholischen Kirche. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner legte Wulff sogar den Rücktritt nahe.

Im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion warnte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Robert Zollitsch vor einer Beschädigung Wulffs. "Wir brauchen angesehene Männer und Frauen in der Politik. Und es darf nicht sein, dass Persönlichkeiten in der Politik vorschnell beschädigt werden", so der Freiburger Oberhirte. Zollitsch fügte allerdings hinzu: "Wer in der Politik tätig ist, sollte besonders sensibel dafür sein, wie er mit dem Vertrauen anderer Menschen umgeht."

"Besser die Wahrheit" - Titel eines Wulff-Buches

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte Wulff auf, eine Erklärung abzugeben. "Ich gehe davon aus, dass der Bundespräsident alle offenen Fragen persönlich beantwortet. Dass nicht er, sondern seine Anwälte kommunizieren, halte ich für unglücklich", so Gabriel im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Wie der Bundespräsident mit den Vorwürfen umgehe, sei "allein seine Sache". Gabriel warnte allerdings vor einem Vertrauensschaden. "Ich fürchte, dass die Affäre dazu beiträgt, dass die Menschen immer weniger Vertrauen in Politik haben. Der Titel seines Buches ist die richtige Leitlinie: Besser die Wahrheit", so der SPD-Chef in Anspielung auf einen 2007 veröffentlichten Interviewband Wulffs.

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