Vor oder nach der Buga durch die Kunstgeschichte spazieren

Rudolf Bartels, Obstbaumblüte, 1914
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Rudolf Bartels, Obstbaumblüte, 1914

Noch mehr Blumen. Die Jahrhunderte alten niederländischen Stillleben haben nichts von ihrem Zauber verloren. Die Gartengemälde des Mecklenburgers Rudolf Bartels leuchten und scheinen gar betörend zu duften. In den digitalen Gärten wuchert wild modernste Technik mit der Phantasie um die Wette. Natur und Kunst, Kunst in der Natur, Natur in der Kunst - in gleich fünf Ausstellungen lädt das Staatliche Museum Schwerin parallel zur Buga von heute an zu einem Parcours durch die eigenen Sammlungen, ergänzt mit hochkarätigen Leihgaben und eigens für Schwerin konzipierten Projekten.

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25. April 2009, 09:03 Uhr

Wie erhellend ein Spaziergang durch die Kunstgeschichte doch sein kann. Draußen freuen sich die Buga-Gäste an Blumenpracht und Gartenkunst. Ein Luxus, den sich vor noch nicht einmal 100 Jahren nur die Hochherrschaftlichen gönnen durften. Noch einmal ein paar hundert Jahre früher war selbst an einen Blumenstrauß auf dem Stubentisch gar nicht zu denken. Unvorstellbarer, unbezahlbarer, unüblicher Luxus.

Man kann sich leicht ausmalen, welche Begeisterung damals, im frühen 17. Jahrhundert, die ersten Blumensträuße auf Leinwand hervorgerufen haben müssen. Abgesehen davon, dass ein Blumenstillleben nicht welkte und zudem auch noch ein Kunstwerk war.

Anhand von 15 Bildern aus der Schweriner Sammlung und acht Leihgaben, u. a. aus Dresden, Berlin und Kopenhagen, vollzieht Kurator Gero Selig die Entwicklung des niederländischen Stilllebens nach und provoziert zugleich, die Sprache der Blumen und ihrer Maler zu entschlüsseln. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken? Ganz schön einfach, den Vanitas-Gedanken der Vergänglichkeit allen Blumenbildern anzudichten.

Jan Davidsz de Heem jedenfalls platziert einen Totenschädel neben seinem Blumenstrauß und liefert sogar noch die passende, handschriftliche Botschaft auf einem Zettel mit: "Memento mori" - Gedenke des Todes!"

"Memento mori" - Gedenke des Todes!"Das Hauptwerk dieser ersten Abteilung des Ausstellungs-Reigens steuerte der Berliner Kunstsammler Christoph Müller bei - die "Palastterrasse mit Vertumnus und Pomona" von Peeter Gijsels, der bei einem Sohn Jan Brueghels d. Ä. gelernt haben soll. Das Thema des klassischen Stilllebens erfährt hier eine Erweiterung. Während im Vordergrund Blumen und Früchte üppig ausgebreitet sind, und allerlei, zum Teil verstecktes Getier fleucht und kreucht, versucht auf der dahinterliegenden Terrasse der Vegetationsgott Vertumnus als maskierte alte Frau die schöne Gärtnerin Pomona zu becircen. Der Großteil des Gemäldes wird von einem barock anmutenden Garten neben einem Palast eingenommen. Kurator Gero Selig vergleicht den Innenhof des Palastes gar mit dem Garten des Rubenshauses in Antwerpen.

Besucher des Schweriner Museums werden über die Ausstellung hinaus Gelegenheit haben, in diesem Gemälde immer neue Facetten zu entdecken und sogar auf Hasenjagd zu gehen, denn Sammler Müller lässt dieses Bild gemeinsam mit zwei weiteren Stillleben schon mal am Alten Garten, bevor dann im Jahr 2011 seine unschätzbare Holländer-Sammlung zur Gänze als Schenkung an das Staatliche Museum geht.

Nur eine Tür trennen die floralen Stillleben aus dem 17. Jahrhundert von den blühenden Gärten Rudolf Bartels vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Kuratorin Susanne Fiedler hat Garten- und Landschaftgemälde des Mecklenburgers Bartels (1872-1943) mit Leihgaben aus Rostock und Schwaan komplettiert und gewährt so einen Blick auf 30 Jahre seines Schaffens, in denen er von den berauschenden Farben des französischen Impressionismus über ein experimentelles Spiel mit Farben und Formen in der Natur zu einer eigenen, norddeutschen Bildsprache findet. Eine Sprache, wie der Vater des gesamten Museums-Projektes, Gerhard Graulich, meint, noch längst nicht die ihr gebührende Würdigung in der deutschen Kunstgeschichte gefunden hat.

Neben Barthels frühen, noch realistisch anmutenden, blühenden Bäumen und Malven am Gartenzaun (1905) oder seinen kraftvollen, expressiv farbig hingetupften Blütenmeeren, überraschen im späteren Schaffen vor allem die Friedhofsbilder aus den 20er-Jahren: leuchtende Farben, wucherndes Grün, von Blüten durchsetzt; in einem anderen Bild ein unwirklich violettes und zartes Blühen. Doch dazwischen scheinen streng und mahnend schwarze und weiße Kreuze hervor. Inmitten üppig gedeihender Natur zugleich die Mahnung des "Memento mori" der alten Niederländer - nur einen Saal zuvor.

Eine ganz andere Art der Widerspieglung von Garten, Gartenkunst und Natur ist im großen Saal der Sonderausstellungen zu erleben. Wahrnehmung im Zeitalter neuer Medien ist das zentrale Thema des Ausstellungsprojekts „Digitale Gärten“. Vorgestellt werden die Sichtweisen von Künstlern aus sieben Ländern auf Natur, Gärten und Landschaft. Dank optimaler Ausstellungsbedingungen im Museum erschließen sich dem Besucher die Perspektiven, kann er in Diskurs mit den Ideen treten.
Dabei ist die Bandbreite der Arbeiten groß. Sie umfasst Installationen, Video, digitale Fotografie und interaktive Internet-Projekte. Sie alle aber sind darauf ausgerichtet, die althergebrachten subjektiven Sichtweisen auf objektive Realität zu verändern, zu verrücken. Dabei bedienen sich die Künstler ganz unterschiedlicher Herangehensweisen. Im Garten der „Herbstzeitlosen“ der Schweizerin Pipilotti Rist hängen an einem realen Ast durchsichtige Plaste-Früchte, die eigentlich Zivilisationsmüll sind, dazu rasen Bilder mehrerer Projektoren um den Betrachter herum. Sound-Effekte unterstützten das Bild einer unwirklichen Realität.

Ähnliche Effekte erzeugen die Arbeiten von Fischli&Weiß auch: Die Schweizer überlagern ihre Naturfotografien durch zweite Aufnahmen oder Belichtungen. Es entstehen reale und zugleich irreale Bilder, deren Wirkung durch großflächige Hängung noch unterstrichen wird. Die ursprüngliche Auffassung von Fotografie als authentische Realitätswiedergabe wird ad absurdum geführt.
Vier Jahreszeiten gleichzeitig auf japanischer Wiese Auch das riesige Bild des Japaners Hiroyuki Masuyama mutet auf den ersten Blick wie eine ganz normale Fotografie einer Wiese an, auf den zweiten jedoch werden Ungereimtheiten erkennbar: Auf der Wiese herrschen alle vier Jahreszeiten gleichzeitig. Masuyama hat viele Einzelfotos geschickt zusammengesetzt und durch digitale Bildbearbeitung die Übergänge vertuscht.

Die Video-Arbeit von Sam Taylor-Wood erinnert zunächst an die Stillleben der Alten Meister. Auf dem Flachbildschirm erscheint eine Schale mit frischem Obst. Doch das, was die Alten Meister mit Symbolhaftigkeit zu erreichen versuchen, die Darstellung der Endlichkeit, der Vergänglichkeit, löst die Amerikanerin mit einem Zeitraffer: In knapp vier Minuten wird der Betrachter des Bildes mit Verfall, Fäulnis und Tod konfrontiert, Aspekte, die durch die Endlos-Schleife des Films noch unterstrichen werden.

Weitere Facetten zum Thema Natur und Garten in der Widerspieglung neuer Medien liefern Ene-Liis Semper mit einem Pflanz-Video, Andreas Sachsenmaier mit seinem „Garten der Lüste“, A K Dolven mit ihrem Video „Still Life“ oder Bigert&Bergström mit ihrer Installation „Triviality Inverted“.
Der Kreis zur Bundesgartenschau schließt sich mit der Fotowand von Hans Haacke. Insgesamt 224 Aufnahmen hat er von einem kleinen Biotop am Reichstag zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Motiven gemacht – Kräuter, Gräser, Blumen, Tiere – und sie in sechs Reihen gruppiert. Dem Besucher der Ausstellung bietet sich ein spannender Ausflug in die Natur – und die Anregung, Flora und Fauna im Original zu erleben auf der nur wenige Meter entfernten Bundesgartenschau in Schwerin.

Wer sich indes scheut, sich ins reale Buga-Getümmel zu stürzen, kann dies auch virtuell tun: Mit dem Internet-Projekt von André Werner und Daniel Schubert lassen sich vom heimischen PC aus Blumen in den Schweriner Stadtplan pflanzen.

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