Die 17-Jährige Natalie leidet unter Beschimpfungen und Gewalt : Von Russland nach Gadebusch

Im Interview: Sechstklässlerin Michelle befragt   Natalie für ihr Toleranz-Projekt.  Die Fragen haben die Schüler auf dem großen Plakat aufgeschrieben. maxine herder
Im Interview: Sechstklässlerin Michelle befragt Natalie für ihr Toleranz-Projekt. Die Fragen haben die Schüler auf dem großen Plakat aufgeschrieben. maxine herder

Manchmal ist schon der Weg zur Schule für Natalie ein Spießrutenlauf. Wenn Nachbarn ihr Beleidigungen hinterher rufen, Jugendliche sie auf der Straße anpöbeln oder sie einfach diese Blicke spürt.

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30. Oktober 2011, 01:57 Uhr

Manchmal ist schon der Weg zur Schule für Natalie ein Spießrutenlauf. Dann, wenn die Nachbarn ihr wieder einmal Beleidigungen hinterher rufen, wenn Jugendliche sie auf der Straße anpöbeln oder die 17-Jährige einfach diese Blicke spürt - Blicke, die genau so deutlich wie die Beschimpfungen sagen, dass Natalie hier nicht erwünscht ist. Doch das ist nicht mal das Schlimmste, sagt die junge Frau. "Das Schlimmste ist die Gewalt. Es gab mehrere Momente, wo Jugendliche mich wegen meiner Herkunft verprügeln wollten."

Natalie wurde in Russland geboren, 2002 kam sie als Siebenjährige mit ihrer Familie nach Deutschland. Eine Odyssee, an die sie sich noch genau erinnert und von der sie in dieser Woche im Interview Schülern der Heinrich-Heine-Schule erzählte, die für das Projekt "Toleranz fördern - Demokratie stärken" Gespräche mit in Gadebusch lebenden Ausländern zu einem Film verarbeiten wollen (wir berichteten).

"Wir sind mit dem Flugzeug in Hannover gelandet, mit dem Zug nach Grevesmühlen gefahren und schließlich mit dem Bus nach Schlagsdorf gebracht worden", erinnert sich Natalie. Eine Organisation habe sich um die Familie gekümmert. "Eine Organisation, die solche wie uns aufnimmt", sagt Natalie. Mit "solche wie uns" meint sie Familien, die wie ihre eigene ihre Wurzeln in Deutschland haben und irgendwann nach Russland gezogen sind. "Meine Ur-Ur-Ur-Großeltern waren Deutsche, die sich entschieden haben, nach Russland zu gehen. Vor neun Jahren haben meine Großeltern dann gesagt, dass sie wieder in ihrer Heimat Deutschland leben wollen."

Für die damals gerade siebenjährige Natalie war die Umstellung damals nicht schwer. "Anders als meine Eltern habe ich von den ganzen Problemen vorher und nachher ja nichts mitbekommen." Genau zwei Wörter auf Deutsch konnte das Mädchen bei seiner Ankunft sprechen. "Roboter und Gabel", sagt sie und lacht, "und beides hat mir nicht sehr viel gebracht." Am ersten Tag in der deutschen Schule hätten die Kinder um sie herum gestanden und aufgeregt auf sie eingeredet. "Ich wusste zwar nicht, was sie wollen, aber es hat mir von Anfang an gefallen. Noch am Nachmittag habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich sofort wieder in die Schule möchte."

Heute, neun Jahre später, besucht Natalie das Gadebuscher Gymnasium, spricht perfekt Deutsch und gibt Kindern beim Mädchentreff Nachhilfe in Mathe. In der Schule, sagt die 17-Jährige, fühlt sie sich wohl. Manche russische Traditionen pflegt die Familie noch, andere hat sie aufgegeben. "Wenn man hier lebt, will man ja auch die deutschen Traditionen kennenlernen und gewöhnt sich an sie", sagt Natalie. Deutschland, die Heimat ihrer Großeltern, ist dennoch nicht ihre Heimat geworden. "Aber Deutschland ist mein Zuhause und ich weiß, dass ich auch in Zukunft hier leben werde." Dafür hat die junge Frau vor allem einen Wunsch: "Dass die Menschen, die etwas gegen uns haben, auch mal darüber nachdenken, was wir erlebt und was wir durchgemacht haben. Und versuchen, sich einzufühlen, wie es hier für uns ist."

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