Von Grabsteinprüfern und Wackelkandidaten: Begräbnisstätten werden auf Standfestigkeit inspiziert

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09. April 2008, 09:04 Uhr

Warlow - Auf den Grashalmen liegt eine dünne Schicht Raureif. Die Nacht war frisch, zu frisch für den Frühlingsmonat April. Jetzt, am frühen Morgen, zieht die Kälte noch immer über den Friedhof von Warlow. Annemarie Arndt hat sich warm eingepackt. Nur die Schuhe bereiten der Sachbearbeiterin des Bau - und Ordnungsamtes des Amts Ludwigslust-Land Sorgen.

Kalte Füße, die sind an diesem Außendienst-Tag gar nicht zu gebrauchen, denn acht Friedhöfe stehen heute auf dem Plan, um hunderte von Grabsteinen auf ihre Standfestigkeit zu überprüfen. Dabei hilft ihr Gemeindearbeiter Detlef Tiedemann, der schon am kleinen Eingangstor des Warlower Friedhofs auf Annemarie Arndt wartet.

„Fest“, sagt Tiedemann und drückt mit beiden Händen von hinten gegen einen Grabstein. Annemarie Arndt hakt das Grab mit der Nummer 1 auf ihrer Liste ab. „In meinen Unterlagen hier steht, wer seit wann wo liegt“, sagt die 49-Jährige, während Detlef Tiedemann schon am nächsten Grabstein rüttelt. „Fest“, sagt er erneut und blickt auf die Inschrift. „Hier liegt mein ehemaliger Lehrer“, sagt er. Tiedemann, 54 Jahre alt, kannte viele, die hier begraben liegen. Der gelernte Schlosser, der seit Oktober für die Gemeinde arbeitet, ist in Warlow aufgewachsen, wohnt in der Dorfmitte und kümmert sich auch um das Friedhofs-Gelände am Ortsausgang der 500-Seelen-Gemeinde.

Schlechter Zustand wird mit Aufkleber dokumentiert

Die Erde ist frisch geharkt, die Sträucher sind fein säuberlich geschnitten und Blumen frisch gepflanzt. Die meisten Gräber des 77 Jahre alten Gemeindefriedhofs in Warlow machen einen gepflegten Eindruck. „Doch nicht alle kümmern sich so gut um die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen“, weiß Annemarie Arndt. „Einige sind weg gezogen, andere sind zu alt, einige wenige wollen sich einfach nicht mehr um die Gräber kümmern“, sagt Arndt, und bevor sie weiter sprechen kann, ruft Tiedemann: „Nicht fest“.

Der wuchtige, helle Stein steht auf einem Betonsockel, ist nicht angedübelt und wackelt, als der Gemeindearbeiter gegen ihn drückt. „Den müssen wir umlegen“, sagt die Frau vom Amt Ludwigslust. Tiedemann drückt fester, und schon kippt der Stein in die feuchte Erde.

Annemarie Arndt zieht einen Aufkleber aus ihrer Jackentasche. „Bitte bei der Friedhofsverwaltung melden“, steht in roten Buchstaben auf weißem Grund geschrieben. Genau diese Fälle sind es, warum die Gartenbau-Berufsgenossenschaft, die für alle Friedhöfe in Deutschland der gesetzliche Versicherungsträger ist, die Friedhofsverwaltungen anhält, die Grabmale mindestens einmal im Jahr zu prüfen. „So soll verhindert werden, dass Menschen von umfallenden Steinen verletzt werden“, weiß Annemarie Arndt.

Auch wenn es auf den von ihr zu betreuenden 14 Friedhöfen in zwölf Gemeinden noch keine Vorfälle gab: Immer wieder kommt es auf Friedhofen zu schweren Unfällen. 2005 wurde ein spielendes Kind in Niederösterreich gar von einem umfallenden Stein erschlagen.

Für die beiden Grabsteinprüfer geht es weiter, Stein um Stein, Grab um Grab. Rund 140 mal ruckelt Tiedemann in Warlow an Gedenksteinen. Er ruckelt bei längst verstorbenen Nachbarn, Arbeitskollegen und auch am Grabstein vom Heimatdichter Richard Giese. Zwischen den Ruhestätten sind viele Freiflächen.

„Die Nutzungsrechte werden in der Regel für 30 Jahre erworben. Werden diese nicht von den Nutzungsberechtigten verlängert, werden die Gräber beräumt oder eingeebnet“, sagt Arndt. Um diese Arbeit kümmert sich auch Detlef Tiedemann. Zuletzt musste er sogar mit einem Kran arbeiten, denn die drei Steine, die entsorgt werden mussten, wogen insgesamt an die zwei Tonnen.

„Fest“. Annemarie Arndt macht nach einer Stunde den letzten Haken auf der Liste Warlow. Gleich geht es nach Göhlen, dann nach Bresegard, Leussow, Loosen, Klein Krams, Alt- und Neu Krenzlin. Ihre Füße, sagt sie, seien jetzt eiskalt. Am kommenden Dienstag, wenn die anderen sechs Gemeinde-Friedhöfe inspiziert werden, dann zieht sie sich andere Schuhe an.

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