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Lüchow: Architekt Liess - Visionen vom selbstbestimmten Leben

: Von einem der auszog, ein Dorf zu retten

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Überalterung, leere Häuser, keine Kinder, keine Jobs – der Bevölkerungsschwund hat den Osten der Republik fest im Griff. Wie es gelingen kann, aussterbenden Dörfern wieder Leben einzuhauchen, das zeigt Lüchow in Mecklenburg.

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erstellt am 22.Mär.2011 | 02:57 Uhr

Gnoien | Hahn und Hühner scharren im Hof. Ein Pferd trabt gemächlich über seine Koppel. Katzen lassen sich auf den Fensterbrettern das Fell von der Sonne wärmen. Kranichrufe hallen von den Feldern herüber. Dorfidylle pur. Ein März-Morgen in Lüchow.
Lüchow gehört zur Gemeinde Altkalen im Mecklenburgischen und ist so winzig, dass man es in den meisten Atlanten vergeblich sucht. In seinen besten Zeiten, die Jahrzehnte zurückliegen, hatte das Dorf fast 200 Einwohner. Seinen Tiefpunkt erreichte es, als vor nicht einmal zehn Jahren nur noch vier Rentner dauerhaft dort wohnten. Heute zählt das Dörfchen immerhin 40 Einwohner, wenn auch nicht alle ständig dort leben. Dass das kleine Lüchow im Landkreis Güstrow inzwischen dennoch fast ebenso bekannt ist wie die gleichnamige, knapp 10 000 Einwohner zählende Stadt im Wendland, verdankt es vor allem Johannes Liess. Mit seinen Visionen vom selbstbestimmten Leben einer kleinen Dorfgemeinschaft hat der promovierte Architekt Lüchow wieder neues Leben eingehaucht.

Vom Ferienort zum dauerhaften Zuhause
Als Liess und drei seiner Geschwister 1999 eine Bauernhaus-Ruine am Rande der Mecklenburgischen Schweiz als Ferienwohnsitz kauften, standen dahinter in erster Linie familiäre Motive. „Meine Großeltern stammten aus der Gegend, und auch meine Mutter schwärmte viel von der Kindheit hier“, so Liess. Für ihn selbst war es zu dieser Zeit noch normal, beinahe jährlich umzuziehen. Als Projektleiter arbeitete er in Berlin, Mexiko und zuletzt in Wien
Im Urlaub in der ländlichen Idylle wurde abgeschaltet und Kraft für den nächsten Einsatz getankt. „Daran, ganz hier zu wohnen, dachten wird damals noch nicht.“ Als allerdings die ersten beiden von mittlerweile vier Kindern des Ehepaares Liess auf der Welt waren, stellte sich doch die Frage des dauerhaften Umzugs aufs Land. 2003 war es so weit. „Natürlich gab es anfangs viele ungeklärte Fragen: Sollte ich mich selbstständig machen? Wo bekomme ich hier Aufträge her? Und was könnten wir sonst noch machen?“ erinnert sich Johannes Liess an den Neuanfang auf dem Dorf.
Auf die Frage danach, wie Menschen heute in einem kleinen Dorf in Mecklenburg leben können, fand das Ehepaar ganz simple Antworten: „Sie brauchen eine Wohnung und Arbeit, sie brauchen Geld und einen Laden, in dem sie sich ihr Essen kaufen können. Wenn sie Kinder haben, dann brauchen sie eine Schule, wenn sie kleine Kinder haben einen Kindergarten. Vielleicht brauchen sie, wenn sie älter werden, auch ein Pflegeheim“, fasst Johannes Liess zusammen.

Mit der Schule fing in Lüchow alles an
Seine Söhne waren damals vier und zwei Jahre alt – die Frage danach, wo sie einmal in die Schule gehen würden, war also neben der nach einer angemessenen Wohnung für die Familie die vordringliche. Und damit begann, was Medien deutschlandweit seither als „Rettung eines mecklenburgischen Dorfes“ oder „Erweckung aus dem Dornröschenschlaf“ beschreiben. „Es war nicht so, wie oft geschrieben wurde, dass wir die Schulen ringsum nicht mochten“, stellt Liess klar. „Unsere Kinder sollten ganz einfach nicht eine Stunde bis zur Schule fahren müssen.“
So wurde die Idee geboren, eine eigene Schule zu eröffnen. Und weil in der näheren Umgebung kein Schulhaus frei war, sollte es in Lüchow gebaut werden. „Wir haben Freunde und Bekannte darauf angesprochen und in der Lokalzeitung um Mitstreiter geworben“, erinnert sich Johannes Liess an die schwierigen Anfänge.
Zehn Familien fanden sich schließlich zusammen, die allen behördlichen Widerständen trotzten und schließlich zum Schuljahresbeginn 2006/2007 mit gerade einmal vier Kindern die Eröffnung ihrer eigenen Schule feiern konnten. 2009, als der mit vom Land ausgereichten EU-Mitteln geförderte Schulneubau bezogen werden konnte, waren es bereits 33 Schüler und 12 Kindergartenkinder, die täglich mit mehreren Kleinbussen nach Lüchow gebracht wurden.

Das Aus für die Schule stellt (fast) alles infrage
Doch dann gab es einen ersten Rückschlag: „Der Kreis stellte für private Schulen die Bezuschussung des Schülerverkehrs ein“, erinnert sich Liess. Eine Entscheidung, die er mit Kopfschütteln kommentiert: „Die Fahrt von Altkalen zur staatlichen Schule in Gnoien wird bezuschusst, der halb so weite Weg zu uns nach Lüchow aber nicht.“
Es blieb nicht das einzige Stück aus dem bürokratischen Tollhaus. Immer wieder musste die kleine Schule, in der jahrgangsübergreifend nach einem waldorf-ähnlichen Konzept unterrichtet wird, um seine Existenz fürchten. „Mal sollten wir Sozialversicherungsnachweise erbringen, mal die Höhe der Lehrervergütung nachweisen. Finanzierungskonzept, Schulkonzept und Personaleinsatz wurden angezweifelt und jedes Mal wieder mit Schulschließung gedroht“, erinnert sich Liess nicht ohne unterdrückte Wut in der Stimme. Im letzten Herbst wurde dann auch noch die Qualifikation der Klassenlehrerinnen angezweifelt – obwohl beide über Unterrichtsgenehmigungen des Schweriner Bildungsministeriums verfügen. Nach mehrmonatigem Rechtsstreit ruht der Schulbetrieb nun seit 21. Februar. Nur die Kindergartenkinder füllen das Gebäudeensemble an den Vormittagen noch mit Leben. Nachmittags, wenn die älteren Kinder aus ihren nun oft 20 und mehr Kilometer entfernten neuen Schulorten zurückkommen, wird auch der Hort nach wie vor genutzt. Was Liess und seine Mitstreiter besonders ärgert: Mit dem Schulprojekt sind nun zwölf Arbeitsplätze in Gefahr – alle sozialversicherungspflichtig, je sechs in Voll- und in Teilzeit. Ein Teil der Angestellten arbeitet noch in Kita und Schulküche weiter, andere mussten sich bereits arbeitslos melden.

Arbeitsplatzverlust lässt Stimmung kippen
Ein Gutes hat das Ganze allerdings auch: „ Es gab natürlich auch kritische Stimmen zu unserem Projekt. Aber die Stimmung kippt jetzt zu unseren Gunsten – einerseits, weil niemand versteht, dass ein Ministerium zunichte macht, was von einem anderen gefördert wurde. Und andererseits sind Arbeitskräfte in dieser Region etwas, das einen enormen Stellenwert genießt – unser Schulverein war immerhin der drittgrößte Arbeitgeber in der Gemeinde.“
Johannes Liess setzt jetzt all seine Hoffnungen auf das Bundesverfassungsgericht, das in einem Eilverfahren die Schulschließung wieder zurücknehmen soll. Danach würde dann in einem Hauptsacheverfahren in Schwerin neu verhandelt werden müssen – „das kann ein bis zwei Jahre dauern“, fürchtet Liess. Das schlimmste Szenario wäre, wenn die Schule in diesem Jahr nicht wieder öffnen könnte. „Dann müssten wir wieder bei Null anfangen, denn unsere bisherigen Schüler wären bis dahin so in ihren neuen Klassen verwurzelt, dass man sie da nicht wieder rauslösen könnte.“
Mit der Schule stehen auch eine ganze Reihe anderer Projekte auf der Kippe. Denn für Liess stand von Anfang an fest, dass die Schulgründung nur der erste Schritt in der Dorfentwicklung sein sollte. Für den Neubau des Dorfladens, der momentan noch im Gemeinschaftshaus untergebracht ist, liegen beispielsweise schon alle Baugenehmigungen vor. Aber wird er noch gebraucht, wenn ein Teil der Dorfbewohner wieder wegzieht – und das ist zu befürchten, da „drei bis vier Familien pro Jahr extra wegen der Schule hierhergezogen sind“, so Liess.

Infrastruktur auf die Menschen ausrichten
Dennoch gibt er nicht auf. Schließlich befinden sich im Dorf auch eine Pflanzenkläranlage, ein Kindergartenhaus und Ferienwohnungen schon im Bau. Auf dem Zeichentisch liegen die Pläne für ein generationenübergreifendes Wohnprojekt, eine Gärtnerei und einen kleinen Bauernhof. „Denn zum Wohlfühlen in einem Ort gehört, die Infrastruktur auf die Menschen auszurichten – und nicht umgekehrt“, so Johannes Liess.
Nein, er will nicht die ganze Welt retten, indem er Lüchow rettet. Aber er will zeigen, dass es möglich ist, sein eigenes Leben zu gestalten, seine Träume zu leben – und damit ein Stück Verantwortung für uns und die Welt zu übernehmen. „Und wenn es läuft, wird dadurch die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser.“ Bestenfalls, so die Vision des Architekten, könne Lüchow ein Vorbild sein und es wird bald noch mehr Dörfer geben, in denen motivierte Menschen das Leben aktiv gestalten – quasi blühende Landschaften im Osten.


Buchtipp


Als Helmut Kohl 1990 von blühenden Landschaften für die neuen Bundesländer sprach, lebten in Mecklenburg-Vorpommern noch 200 000 Menschen mehr als heute. Das Dorf Lüchow steht exemplarisch für diesen Bevölkerungsschwund – und für ein Modell, ihn wieder umzukehren. Welche Visionen dahinterstehen und wie sie umgesetzt werden können, beschreibt Johannes Liess in seinem Buch „Artgerecht leben“.(Irisiana Verlag 2011, 320 Seiten, 17,99 Euro, ISBN 978-3-424-15082-7)

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