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Deutscher Wald von wirtschaftlichen Interessen bedroht : Vom Mythos zum Rohstofflager

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Es war einmal: der deutsche Wald. Ein mystischer Ort - dicht und dunkel. Heute sei dies alles ganz anders, sagen Umweltschützer. Das Unterholz sei gelichtet, das Dickicht aufgeräumt.

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erstellt am 23.Mär.2011 | 12:25 Uhr

Es war einmal: der deutsche Wald. Ein mystischer Ort, Szenerie für Rotkäppchen und Hexenhäuschen, Heimat der Unholde und Ungeheuer - dicht und dunkel, unheimlich und auch unheimlich anziehend. Heute sei dies alles ganz anders, sagen Umweltschützer. Das Unterholz sei gelichtet, das Dickicht aufgeräumt. Statt großer, alter Bäume fänden sich immer mehr junge, schnell nachwachsende Nadelhölzer, die bald wieder abgeholzt würden.

"Der Wald gerät immer mehr unter Druck", meint der Vorsitzende des Umweltverbands BUND, Hubert Weiger, und sieht dahinter systematische Fehlentscheidungen der Politik ausgerechnet im "Internationalen Jahr der Wälder". Zentraler Kritikpunkt ist die Förderung von Energie aus Biomasse als nachwachsendem Rohstoff, die die Nachfrage nach Holz in den vergangenen Jahren massiv in die Höhe getrieben habe. Schon heute werde doppelt so viel Holz verfeuert wie 2002.

Holzeinschlag gestiegen

Zum ersten Mal überhaupt seien die Preise für Brennholz höher als für Stammholz, sagt Weiger, mit dem Effekt, dass so viel Holz wie möglich ausgeräumt und abgeholzt werde. Gemeinden würden zur Aufbesserung der leeren Kassen Staatswald verkaufen. Die neuen Besitzer schlugen dann mitunter große Flächen kahl, um damit den Kaufpreis zu refinanzieren.

Seit 2001 sei der Holzeinschlag von 40 auf 70 Millionen Kubikmeter pro Jahr gestiegen. Bis 2020 werde eine "Holz-Versorgungslücke" von noch einmal 30 Millionen Kubikmeter pro Jahr in Deutschland erwartet.

Dass die Naturschützer damit nicht glücklich sind, liegt auf der Hand. Im Sinne der Artenvielfalt plädieren sie seit Jahren dafür, zumindest einen Teil des Waldes sich selbst zu überlassen, statt ihn kommerziell zu nutzen. Auf umgefallenen, absterbenden Bäumen siedeln sich zum Beispiel rasch Dutzende Arten von Käfern, Insekten, Pilzen und Schwämmen an, denen in einem "aufgeräumten" Nutzwald bisweilen der Lebensraum fehlt.

Auch beim Klimaschutz büße der deutsche Wald zunehmend seine Wirkung ein, argumentiert der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland, Olaf Tschimpke. "Er kann seine wichtige Funktion als Senke des Klimagases CO 2 nur wahrnehmen, wenn er schonend behandelt und nicht übernutzt wird." So habe der deutsche Wald vor 20 Jahren noch 17 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr neu gebunden. Heute seien es nur noch 4,7 Millionen Tonnen. Hintergrund sei der schnelle Durchsatz rasch wachsender Hölzer. Heute würden 93 Prozent des jährlichen Holzzuwachses abgeschöpft, sagt Tschimpke.

Um den Nutzungsdruck zu verringern, verlangen die Umweltschützer einen politischen Kurswechsel weg von der Ankurbelung des Verbrauchs hin zu einem sparsamen Umgang mit Holz. Nötig seien eine Abkehr von den Biomasse-Subventionen und eine Verringerung des Papierverbrauchs. Allerdings unterstellen sie der Politik genau gegenteilige Interessen. Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) spiele den Interessen der Waldbesitzer und kommerziellen Nutzer in die Hände.

"Nachhaltige Nutzung"

Das Agrarministerium weist dies empört zurück. Man setze sich "für eine nachhaltige Nutzung sowohl der deutschen als auch der weltweiten Wälder ein", versichert Ministeriumssprecher Holger Eichele. "Es soll nicht mehr Holz genutzt werden, als der Wald nachhaltig liefert." Aus Sicht des Ministeriums ist dies auch durchaus möglich. Immerhin nehme die Waldfläche stetig zu. Allein in den letzten 40 Jahren sei sie um rund zehn Prozent auf 11,1 Millionen Hektar gewachsen. Ein Drittel der Fläche Deutschlands sei von Wäldern bedeckt. Zu rund 3,4 Milliarden Kubikmeter Holz kämen jährlich 100 Millionen Kubikmeter hinzu. Nur 48 Millionen Kubikmeter seien 2009 abgeholzt worden, 13 Prozent weniger als 2008.

Den Bedenken der Umweltschützer, dass die Wälder immer weniger zum Klimaschutz beitrügen, widerspricht Eichele ebenfalls. Studien hätten gezeigt, dass alte Baumbestände weniger Kohlendioxid aufnähmen als neue. Auch die gescholtene Förderung der Biomasse-Energie helfe dem Klimaschutz. Rund 31 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß würden damit vermieden. Und auch den Wirtschaftsfaktor Wald findet das Ministerium nicht vernachlässigenswert: Im Forst- und Holzsektor erarbeiteten 1,2 Millionen Menschen einen Jahresumsatz von 170 Milliarden Euro.

Die Umweltschützer meinen dagegen, der Wald sei mehr als wirtschaftlicher Ertrag. "Die Wälder sind zu wertvoll, als dass wir sie nur der Waldnutzung überlassen könnten", sagt Weiger. Nötig sei deshalb eine gesellschaftliche Debatte.

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