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Letzte Präsident der Sowjetunion: Gorbatschow feiert 80.Geburtstag : Vom Glück des Scheiterns

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Für die meisten Deutschen ist Michail Gorbatschow ein Held von welthistorischem Format. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag und die Deutschen lassen ihren Gorbi hochleben.

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erstellt am 02.Mär.2011 | 10:39 Uhr

Das Echo der "Gorbi, Gorbi"-Rufe hallt auch mehr als 20 Jahre später noch nach. Für die meisten Deutschen ist Michail Gorbatschow schlicht ein Held von welthistorischem Format. Er war es, der den Kalten Krieg beendete und die Wiedervereinigung Deutschlands möglich machte. Heute feiert der letzte Präsident der Sowjetunion seinen 80. Geburtstag, und die Deutschen lassen ihren Gorbi hochleben wie einst im Mai, im Völkerfrühling der späten 80er-Jahre. Berechtigt ist dieser Jubel nur zum Teil.

Es ist keine Frage, dass Michail Gorbatschow Weltgeschichte geschrieben und den Friedensnobelpreis zu Recht erhalten hat. Er brachte den Mut auf, die eiserne Sowjetfaust zu öffnen und dem Westen über die Gräben der Blockkonfrontation hinweg die Hand zu reichen. Damit machte er den Weg für die friedlichen Revolutionäre in Ost- und Mitteleuropa frei.

Ja, die Fenster des gemeinsamen europäischen Hauses zu öffnen und den Wind des Wandels hineinzulassen, das war eine Heldentat. Doch sie war aus der Not geboren, und ihr fehlte jegliche konzeptionelle Tiefe. Die UdSSR stand in den 80er-Jahren mit dem Rücken zur Wand. Wirtschaftlich schlitterte das Riesenreich mitsamt seinen Satellitenstaaten in eine existenzielle Krise. Der Krieg in Afghanistan war ebenso verloren wie das Wettrüsten mit Ronald Reagans Amerika.

Was als Perestroika und Glasnost, als Politik von Umgestaltung und Offenheit, mit dem Anstrich eines wohldurchdachten Plans daherkam, das war nichts als eine Panikreaktion auf diese ausweglos erscheinende Lage. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was Gorbatschow und die Kommunisten hätten tun oder lassen sollen, um das Sowjetsystem erfolgreich zu reformieren.

Dass ein kontrollierter Wandel - wohin er auch führen mag - möglich gewesen wäre, zeigt das wenig attraktive chinesische Beispiel. Seien wir deshalb froh, dass der letzte Präsident der UdSSR und seine Perestroika gescheitert sind!

Der Pole Lech Walesa, Friedensnobelpreisträger wie Gorbatschow, hat es so formuliert: "Gorbatschows Niederlage war sein wahrer Sieg und ein Riesenglück für die Welt." Doch auch dieser Sieg hatte seine Schattenseiten. Es ist kein Wunder, dass Gorbatschow bis heute in seiner russischen Heimat zu den unbeliebtesten Politikern überhaupt zählt. Denn der Held hinterließ dort verbrannte Erde. Während der Westen und die in die Freiheit entlassenen ostmitteleuropäischen Staaten vom Niedergang des Sowjetreiches profitierten, brach der Koloss selbst, den seine tönernen Füßen nicht länger trugen, in sich zusammen.

In den 90er-Jahren versanken die Nachfolgestaaten der UdSSR in Chaos und Anarchie. Die Katastrophe blieb aus. Auch dies ist ein Riesenglück. Wie leicht hätte - nur zum Beispiel - einer der abgewrackten Atomsprengköpfe in die falschen Hände geraten können! Es ist das große Verdienst von Wladimir Putin, den russischen Scherbenhaufen zusammengekehrt zu haben. Leider nur hat der verbitterte Anführer einer zutiefst gekränkten Nation die Einzelteile nicht zu einem neuen Ganzen zusammengefügt. Herausgekommen ist bei der "Operation Wiedergeburt einer Weltmacht" ein mit Öl und Gas aufgepumpter Scheinriese, in dessen Windschatten eine Handvoll korrupter Oligarchen ihre Geschäfte macht.

Das Russland der "gelenkten Demokratie" gehört genauso zu Gorbatschows Erbe wie das vereinte Deutschland und die erweiterte Europäische Union. Deshalb auch klingt es wohlfeil und ein wenig hohl, wenn ausgerechnet der Totengräber der Sowjetunion die Nachlassverwalter Putin und Medwedew für ihre undemokratische Politik geißelt, wie Gorbatschow dies zuletzt wiederholt getan hat. Seine Landsleute nehmen es ihm im Übrigen zu Recht übel, dass er sich 1989/90 im Westen feiern ließ, statt im Kreml die Hausaufgaben zu machen.

Michail Gorbatschow, so lässt sich nach 80 Lebensjahren resümieren, ist nicht nur ein Held. Er ist zugleich auch eine tragische Figur. Doch sind sie das nicht fast alle - die ganz Großen der Weltgeschichte?

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