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Ausstellung "Frankfurt-Auschwitz" in Prora öffnet : Völkermord ohne Scham

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Das Grau der Wände macht die Brust eng. Es ist ein Triptychon, dem sich der Besucher im Dokumentationszentrum Prora auf Rügen gegenübersieht - ein Kunstwerk, Teil der Ausstellung "Frankfurt-Auschwitz".

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erstellt am 08.Apr.2011 | 10:23 Uhr

Bergen | Das Grau der Wände macht die Brust eng. Es ist ein Triptychon, dem sich der Besucher im Dokumentationszentrum Prora auf Rügen gegenübersieht - ein Kunstwerk, Teil der Ausstellung "Frankfurt-Auschwitz", die heute beginnt. Sie erinnert an einen Völkermord, manche versehen ihn mit dem Prädikat "Der Vergessene", den Völkermord an den Sinti und Roma. Bis heute gelten sie als die am meisten diskriminierte Volksgruppe in Europa, woran die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gestern am Internationalen Roma-Tag wieder einmal erinnert hat.

Joachim Brenner, Gründer des Fördervereins Roma in Frankfurt, geht weiter. Schamlos, unverschämt im ureigensten Sinne des Wortes wurden und werden seiner Ansicht nach die Verbrechen an Sinti und Roma ignoriert, entschuldigt, im schlimmsten Fall sogar gebilligt. "Feindlichkeit gegen Sinti und Roma ist kein Phänomen von Randgruppen, sie zieht sich bis heute quer durch die Gesellschaft", sagt er. Seit 25 Jahren stemmt er sich mit seinem Verein dagegen. Die Ausstellung ist eines seiner jüngeren Projekte, eines "mit Herzblut". Sie entstand gemeinsam mit dem Künstler Bernd Rausch aus Saarbrücken. Mit seinen beklemmenden, großformatigen Ölbildern will er ein Gefühl für das Thema der Ausgrenzung und Vernichtung schaffen. Das Triptychon gehört dazu.

Das Geflecht einer Großfamilie

Über den grauen Untergrund breitet sich das Geflecht einer Großfamilie aus: Männer mit Schnauzbärten, Frauen mit Seidenhaar, Kinder mit Knopfaugen - 97 Menschen. 88 von ihnen lebten zur Machtübernahme der Nationalsozialisten, ein Viertel war danach tot, acht kehrten aus den Konzentrationslagern zurück. Eine Familie, stellvertretend für hunderte, in wenigen Worten vorgestellt am Rande der grauen Fläche von Teil 1 des Dreierbildes "Das Lager".

Die Vorfahren der Sinti und Roma waren vor rund 600 Jahren nach Unruhen aus Westindien, dem Pandschab, Richtung Westen geflohen, wie Joachim Brenner erklärt. Die einen, die Sinti, wanderten über Osteuropa in den mitteleuropäischen, auch deutschsprachigen Raum ein. Die anderen, die Roma, kamen nach einem Umweg über Nordafrika in Osteuropa an. Ihre Herkunft, ihre Sprache seien gleich, vor allem aber ihre Erfahrungen von Unwillkommensein und Geächtetwerden. "Sie haben sich dagegen geschützt durch ihren starken Familienzusammenhalt", sagt Joachim Brenner. Und sie zogen weiter, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, und trugen sich so den Ruf des unzuverlässigen, fahrenden Volkes ein.

Schon den 1920er-Jahren gab es in deutschen Städten sogenannte Zigeunerlager. Zum Beispiel in Frankfurt/Main, es gilt neben München und Berlin als zentraler Ort der Verfolgung. "Der damalige hessische Innenminister Wilhelm Leuschner, später als Widerstandskämpfer geehrt, hatte strenge Zigeunergesetze erlassen." Sie legten Handelsbeschränkungen und Aufenthaltsbestimmungen fest, die Polizei und Stadtverwaltung willig durchsetzten - Vorboten des künftigen Nazi-Terrors. Später wurde an der Universität Frankfurt das rassehygienische Institut eingerichtet, das die vermeintlichen Argumente gegen Sinti und Roma und andere lieferte. Eine unselige Kombination von Administration, Wissenschaft und Vollstreckung, die in Auschwitz gipfelte, so beschreibt es Joachim Brenner.

"Es gab im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nichts Elenderes als den Zigeunerblock", heißt es im zweiten Bild des Triptychons "Die Vernichtung". Und weiter: "Allein in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden knapp 2900 Sinti und Roma aus dieser Baracke vergast, nachdem sie sich im Mai desselben Jahres durch einen Aufstand kurzzeitig erfolgreich gegen den massenhaften Mord zur Wehr gesetzt hatten." Seinerzeit waren in Auschwitz hunderttausende Juden aus Ungarn eingetroffen. Sie auszulöschen, hatte für die Lagerverwaltung Vorrang.

Ausgrenzung und Rassismus bis heute

In Auschwitz starben mehr als 23 000 Sinti und Roma, etliche fielen den Experimenten von NS-Ärzten zum Opfer. Bis zu ihrem Ende hatte die Vernichtungsmaschinerie der Nazis eine halbe Million Sinti und Roma verschlungen. Ein vergessener Völkermord. Der Künstler Bernd Rausch hat es in Vorbereitung auf seine Arbeit für "Frankfurt-Auschwitz" bei einem Besuch in Polen erlebt: Die Fremdenführer im Lager konnten kenntnisreich und detailliert über alles Auskunft geben, über Sinti und Roma sprachen sie erst, als der Besucher aus Deutschland nachfragte.

Im dritten Flügel seines Triptychons - "Die Toten" - beschreibt er, wie die immer gleiche Geschichte weitergeht: "Die personelle und gedankliche Kontinuität in Institution und Gesellschaft prägte das Verhalten gegenüber Sinti und Roma nach 1945. Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung kennzeichnen auch heute noch das Meinungsbild der Mehrheitsgesellschaft - die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist die Voraussetzung dafür, Vorurteilen, Klischees und Hass gegenüberzutreten."

Der Frankfurter Förderverein Roma führte einen zähen Kampf über zehn Jahre, um mit einer Gedenktafel an der Fassade die Opfer zu ehren. Seit 2000 hängt sie.

"Es ist bezeichnend, dass selbst zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Schutz der Täter und nie mit dem Gedenken an die Opfer argumentiert wurde", sagt Joachim Brenner. "Eine solche Kontinuität ist nur möglich, wenn sich niemand dagegen auflehnt."


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