Vier Kopfnoten und ein Streitfall - Ratlose Lehrer: Wie bewertet man Verhalten?

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27. August 2008, 09:11 Uhr

Schwerin - Das neue Schuljahr verspricht für die Schüler im Nordosten vergleichsweise ruhig zu werden. Während in Hamburg und anderen westlichen Bundesländern noch heftig über den Stress des Abiturs nach zwölf Schuljahren geklagt wird, das gemeinsame Lernen bis Klasse 6 eingeführt und Haupt- und Realschule zusammengelegt werden, ist dies in MV längst alles Realität.

Ganz ohne Aufregung dürfte das Jahr allerdings auch nicht bleiben. Der Landeselternrat hat gegen die Einführung von „Kopfnoten“ geklagt. Am 6. Oktober wird vor dem Oberverwaltungsgericht Greifswald verhandelt. Der Landeselternratsvorsitzende, André Wionsek, dessen Tochter die offizielle Klägerin ist, gibt sich siegesgewiss: Die Klage gegen den seit 1. August geltenden Erlass habe eine Chance von mindestens 80:20, sagt er.

Eigentliche „Kopfnoten“ wird es allerdings – vorerst – im Land nicht geben. Das Arbeits- und das Sozialverhalten sollen mit den Prädikaten „vorbildlich“, „gut“, „zufriedenstellend“ und „entwicklungsbedürftig“ bewertet werden. Wionsek sieht die Schüler aus dem Nordosten benachteiligt, wenn sie sich mit einer solchen Bewertung bewerben müssen. Junge Menschen aus anderen Bundesländern hätten keine solche Bewertung auf dem Abschlusszeugnis.

GEW: Bewertung leistet Diskriminierung Vorschub
Die Lehrergewerkschaft GEW sieht das ähnlich. „Kopfnoten leisten Willkür und Diskriminierung Vorschub“, wettert die Landesvorsitzende Annett Lindner. Bei den Bewertungen werde durchschlagen, was im Elternhaus gelernt beziehungsweise nicht gelernt wird. Schüler aus „sozial schwierigen“ Verhältnissen würden zusätzlich benachteiligt, beklagt sie.

Der Vorsitzende des Landesschülerrats, Dejan Panow, vermutet, dass es auf jeden Fall an den Schulen strenger werden wird. Die Lehrer wüssten jedoch selbst noch nicht so genau, wie sie das Verhalten der Schüler bewerten sollten. Jede Schule könne die Kriterien für sich gewichten. „Das ist einfach nur Horror“, fürchtet Panow.

Der Philologenverband, in dem überwiegend Gymnasiallehrer organisiert sind, sieht das erwartungsgemäß anders. „Wir haben die Einführung der so genannten Kopfnoten begrüßt“, sagt der Vorsitzende Jörg Seifert. „Der Lehrer kann den Eltern auf kurzem Wege mitteilen, dass das Arbeits- und Sozialverhalten ihres Kindes nicht so ist, wie man sich das vorstellt.“

Die bisherigen schriftlichen Beurteilungen seien oft missverständlich gewesen. Darum hätte sich der Verband die Bewertung des Verhaltens auch mit den üblichen Schulnoten von 1 bis 6 gewünscht. So würden die Eltern demnächst herumrätseln und versuchen, die vier Gradierungen in die bekannten sechs Schulnoten zu übertragen.

Viele Lehrer haben Zweitjobs: „Das schlägt aufs Gemüt“
Der Verzicht auf das normale Notensystem hat möglicherweise einen banalen Grund. Eine solche Neuerung hätte der Minister nicht per Verordnung einführen dürfen. Das Schulgesetz müsste geändert werden. Doch die geplante Novellierung soll erst zum Schuljahr 2009/10 in Kraft treten. Kernstück der Reform wird aber die „Selbstständige Schule“ sein. Nach diesem Modell sollen die Schulen wesentlich mehr Gestaltungsspielraum erhalten, aber auch mehr Verantwortung übernehmen.

Die Stimmung unter den Lehrern sei derzeit zweigeteilt, sagt Seifert. Einerseits seien sie motiviert und wollten ihren Schülern etwas beibringen. Andererseits arbeiteten die meisten Pädagogen nach dem Lehrerpersonalkonzept nur 66 Prozent einer vollen Stelle und verdienten damit auch nur zwei Drittel des vollen Gehalts.

Viele müssten sich mit Zweitjobs durchschlagen, etwa mit Kursen an Volkshochschulen. „Das schlägt aufs Gemüt“, sagt Seifert. Eine Alternative zu dem Konzept, das seit den 1990er-Jahren den sozialverträglichen Personalabbau regelt, sieht der Philologen- Vorsitzende aber nicht. „Die Alternative Kündigung halte ich für äußerst demotivierend.“

Auch Schülervertreter Panow bescheinigt den Lehrern hohes Engagement bei geringer Bezahlung. Er fürchtet, dass sie durch die „Selbstständige Schule“ noch mehr überlastet werden könnten. Vieles im neuen Schulgesetz werde „nach hinten losgehen“.

Insofern sei das kommende Schuljahr nur „die Ruhe vor dem Sturm“. Damit es nicht ganz ruhig wird, plant der Landesschülerrat gleich zum Schulanfang eine Postkarten-Protestaktion gegen die „Kopfnoten“.

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