Vielseitiger Nigel Kennedy begeistert beim Open Air im Schlosspark Fleesensee

Teufelsgeiger mit der E-Violine: Nigel Kennedy
Teufelsgeiger mit der E-Violine: Nigel Kennedy

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14. Juli 2008, 08:31 Uhr

Göhren-Lebbin - Die erste Zugabe beim Open Air im Schlosspark gibt es schon, bevor das eigentliche Programm beginnt. Ein bestens aufgelegter, wie immer auf Edel-Punk gestylter Nigel Kennedy, zwinkert dem Publikum spitzbübisch zu und verkündet: „Ein kleiner Bach“.

Ein kleiner Bach? Die Fingerübungen zum Aufwärmen geraten zu einem ersten Höhepunkt. Energiegeladen und mit einem Höllentempo interpretiert der Engländer Kennedy seinen Lieblingskomponisten. Das Publikum liegt ihm zu Füßen, bevor er überhaupt zum ersten Hauptwerk des Abends kommt.

Mit dem Dirigenten der Breslauer Philharmoniker, Jacek Kaspszyk, scherzend, leitet Kennedy dann über zu einem der anspruchsvollsten Violinkonzerte überhaupt. Edward Elgards Konzert für Violine und Orchester h-Moll Op. 61 wird sowohl wegen seiner Länge als auch wegen des hohen technischen Anspruchs an Orchester und Solisten nur selten gespielt. Regelmäßige Besucher der Festspiele MV konnten es dennoch vor nicht einmal einem Jahr in der Interpretation der Academy of St. Martin in the Fields mit der Solistin und letztjährigen Preisträgerin in Residence Julia Fischer erleben. In sphärische Höhen schien damals in Redefin die Violine vom Orchester davon- und wieder zurückzuschweben.

Ganz anders dagegen Nigel Kennedys Stil: Auch er reizt Höhen und Tiefen seines Instrumentes voll aus, doch seine Melodien sind temperament- und kraftvoller, schneller, fädeln sich mit traumwandlerischer Sicherheit in das Spiel des Orchesters hinein und wieder heraus. „54 Minuten und 52 Sekunden“ schwerer Klassik hat Kennedy vor den ersten Klängen augenzwinkernd angekündigt – anschließend kann niemand sagen, ob er damit Recht behalten hat. Nur zu kurz war dieser Ohrenschmaus, darin sind sich alle Zuhörer einig.

Doch Nigel Kennedy ist nicht nur ein großartiger Musiker, er ist auch ein mitreißender Entertainer. „Mein Deutsch ist kaputt“, verkündet er treuherzig, um vor der Überleitung zur Umbaupause dann endlich zum ersten Mal in seiner Muttersprache das „f“-Wort zu gebrauchen, das ihm, wie auch sein unkonventionelles Äußeres, den Ruf eines Enfant terrible der Klassik-Szene eingebracht hat.

Nach der Pause dann zeigt sich der Grenzgänger zwischen den Musikstilen von seiner jazzigen Seite. Mit dem Nigel Kennedy Quintet – Pawl Dobrowolsky (Drums), Piotr Wylezol (Keyboard), Adam Kowaleski (Bass) und Tomasz Grzegorski (Saxophon) – spielt er selbst komponierte Stücke aus dem erst jüngst erschienenen „A very nice Album“. Und macht wahr, was er zuvor angekündigt hat: „Jede Nummer wird auf der Bühne wahrscheinlich doppelt so lang sein wie auf der CD.“

Denn der Meister der E-Geige lässt auch seine Mitspieler fleißig improvisieren. Ob „Donovan“, „Hills of Saturn“ oder „Carnivore of the Animals“ – alle Titel lassen aber vor allem Kennedy Gelegenheit, mit seinem Instrument zu experimentieren. Selbst vor Gesangseinlagen schreckt Nigel Kennedy nicht zurück – das Publikum zieht begeistert mit.

Den Klassikliebhabern, die bereits nach dem Elgard ihre Plätze geräumt haben, entgehen so weitere zweieinhalb Stunden ungetrübter Spielfreude. Und irgendwann nach ein Uhr in der Nacht finden sich in einer der Jimmy Hendrix gewidmeten Zugaben sogar noch einmal Motive aus dem „kleinen Bach“ wieder. Der Beifall wird zu einem reißenden Strom.

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