Verwirrung in der Apotheke

Auch Apotheker Wolfgang Zimmermann und seine Angestellten bekommen jeden Tag die Verunsicherung von Patienten zu spüren. Foto: Ilja Baatz
Auch Apotheker Wolfgang Zimmermann und seine Angestellten bekommen jeden Tag die Verunsicherung von Patienten zu spüren. Foto: Ilja Baatz

Für Verunsicherung besonders unter chronisch Kranken sorgt die in dieser Woche durch eine Fernsehreportage erneuerte Information, dass viele nicht mehr das bisher gewohnte Medikament, sondern ein Präparat mit gleichem Wirkstoff von einem anderen Hersteller erhalten. Grund sind von den Krankenkassen ausgehandelte „Rabattverträge“. Wir sprachen mit Kreisvertrauensapotheker Wolfgang Zimmermann.

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25. September 2008, 11:45 Uhr

Lübz - Um Kosten zu sparen – so das offizielle Argument – haben bundesweit rund 1500 regionale Krankenkassen mit Herstellern von Medikamenten so genannte „Rabattverträge“ abgeschlossen. Eine Apotheke darf deshalb seit gut einem Jahr nur noch genau das Arzneimittel an die Versicherten abgeben, das ihre jeweilige Krankenkasse vorgibt – unabhängig davon, ob der Arzt auf dem Rezept nur einen Wirkstoff oder den Namen des häufig schon lange verordneten Medikamentes schreibt. Name und Verpackung können sich also plötzlich ändern.

„Gerade ältere Menschen kommen damit in der Regel überhaupt nicht zurecht, sie sind verunsichert. Es erregt die Leute, was ich verstehen kann, und wir bekommen es täglich zuhauf zu spüren“, berichtet Zimmermann. „Die von uns gegenüber den Patienten abgegebenen Erklärungen nehmen viel Zeit in Anspruch – Zeit, die für andere Dinge fehlt und die mir niemand bezahlt.“

Die Rabattverträge haben eine Laufzeit von zwei Jahren. Eine große Krankenkasse im Land bereite zum Beispiel für März 2009 neue Abschlüsse vor: „Dann fangen wir wieder von vorn an.“

Unterschiedliche Wirkung absolute Ausnahme
Dass ein mit demselben Wirkstoff bestücktes, von zwei konkurrierenden Herstellern produziertes Medikament unterschiedlich wirke, sei eher die Ausnahme. Es könne jedoch sein, dass ein Patient durch die Umstellung beispielsweise auf einen bisher ungewohnten Hilfsstoff negativ reagiere. Entscheidend sei nicht die Menge der Arznei, sondern auch die Geschwindigkeit der Abgabe ins Blut, was voneinander abweichen könne.

„Seit rund einem Vierteljahr haben wir die Möglichkeit, auf solche Dinge einzugehen“, sagt Zimmermann, Sprecher seines Berufsstandes im Landkreis und Inhaber der „Elde-Apotheke“. „Wir wechseln zum Beispiel keine Medikamente bei Schilddrüsenerkrankungen mehr, wenn der Betroffene gut eingestellt ist, weil es in diesem Bereich genauestens auf die Konzentration der eingenommenen Hormone ankommt. Wenn ich als Apotheker allerdings so verfahre, muss ich mich der Krankenkasse gegenüber schriftlich dafür rechtfertigen – zusätzlicher Aufwand.“

Es passiere, dass für die Lieferung eines Arzneimittels ein neuer Hersteller beauftragt werde, dessen Marktanteil dadurch beispielsweise von einem auf 45 Prozent steige. Erstens sei dies nicht von heute auf morgen zu realisieren und es komme immer wieder zu Lieferverzögerungen, weil viel Ware mittlerweile unter anderem aus Indien stamme. „Erstens frage ich mich, ob wir in Deutschland nicht genug freie Arbeitskapazitäten haben“, sagt Zimmermann. „Hinzu kommt, dass durch die weiten Wege – da braucht nur ein Schiff liegen zu bleiben oder ein Flugzeug nicht zu starten – Lieferverzögerungen keine Ausnahme sind. Täglich müssen wir deshalb Kunden sagen, dass wir das gewünschte, vorgeschriebene Präparat nicht vorrätig haben.“

Gebe der Apotheker etwa in einer Notlage ein anderes Präparat, müsse er sogar die dafür ursächliche Lieferverzögerung beweisen. Dabei gehe es oft um Unterschiede von nur wenigen Cents: „Die Krankenkassen haben riesige Prüfabteilungen aufgebaut, um die Einhaltung der Rabattverträge zu überwachen und auch den kleinsten Fehler zu bestrafen. Auskünfte über die dadurch entstehenden Kosten kenne ich nicht.“

Apotheken profitieren nicht von Preissteigerungen
Unabhängig davon, wie teuer ein Präparat ist, richtet sich der Verdienst eines Apothekers danach, wie viele Packungen er verkauft, da er für jede einzelne seit Jahren denselben Geldbetrag erhält – koste der Inhalt 50 Cent oder 500 Euro. Von Preissteigerungen profitiert dieser Fachmann also nicht, wie oft verallgemeinernd geäußert.

„Ich bin dankbar und stolz, wie gut es in Lübz funktioniert, dass sich Apotheker und Ärzte einmal im Monat an einen Tisch setzen“, sagt Zimmermann. „Es funktioniert hier, dass wir erfolgreich darüber beraten, wie den von uns betreuten Menschen am wenigsten Probleme entstehen.“

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