Verliebt in Winzlinge - Verein der Freunde des Fingerhuts traf sich am Wochenende in Wittenberge

Das Fingerhutsammeln ist bei weitem keine Frauendomäne, wie diese beiden Herren beweisen. Horst Spielmann (l.) aus Berlin und Jan Ellerbroek aus Köln zeigen einige ihrer  Exemplare. Foto: Birgit Hamann
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Das Fingerhutsammeln ist bei weitem keine Frauendomäne, wie diese beiden Herren beweisen. Horst Spielmann (l.) aus Berlin und Jan Ellerbroek aus Köln zeigen einige ihrer Exemplare. Foto: Birgit Hamann

Wie viele sie genau besitzen, wissen sie oft gar nicht. Zumeist sind es Tausende winziger Objekte, die sich in Setzkästen, Schachteln und Kästchen aneinander drängen – ein Exemplar schöner, interessanter und geschichtsträchtiger als das andere. Die Rede ist von Fingerhüten und ihren Sammlern. Ein ganz besonderes Völkchen. Es traf sich am Wochenende in Wittenberge.

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20. Oktober 2008, 07:03 Uhr

Wittenberge - „Sammler sind glückliche Menschen. Das sagte schon Goethe.“ Edith Jungbludt lächelt versonnen, wenn sie diese Weisheit zitiert und wenn sie über Fingerhüte erzählt. Ihren Mann Paul und sie kann man getrost als die deutschen Fingerhutexperten bezeichnen. Während er Vorstandsvorsitzender der Freunde des Fingerhuts e. V. ist, leitet sie die Geschäftsstelle des weltweit rund 300 Mitglieder zählenden Vereins in Creglingen – dem Ort zwischen Bad Mergentheim und Rothenburg ob der Tauber, an dem sich auch das Fingerhutmuseum befindet.

Am vergangenen Wochenende traf sich ein Teil der Vereinsmitglieder in Wittenberge. „Das planen wir schon seit mehreren Jahren. Singer und Veritas sind hier unsere Anknüpfungspunkte. Wir suchen uns für unsere Treffen eigentlich immer Orte aus, die auf unser Hobby Bezug nehmen“, erzählt Horst Spielmann aus Berlin. Weil sich die Mehrheit der Sammler in der Südhälfte Deutschlands konzentriert, sei es jedoch schwierig, Treffen in Norddeutschland durchzuführen.

2008, im 25. Jahr des Vereinsbestehens, gelang es. In Wittenberge schauten sich die rund 45 Freunde des Fingerhuts Stadtmuseum, Uhrenturm und ehemaliges Singerwerk an. Samstagnachmittag wurde bei der Tauschbörse im Hotel „Prignitz“, wo die Gruppe untergebracht war, gefachsimpelt und gehandelt.

Gästezimmer wird zum Museum

Horst Spielmann ist übrigens, wie die allermeisten anderen Fingerhutsammler, ein völliger Quereinsteiger. Von Beruf Jurist, tätig als brandenburgischer Landesbediensteter, wenn nähtechnisch überhaupt „vorbelastet“, dann eventuell dadurch, dass seine Mutter Schneiderin war. „Ich bin quasi mit Nähutensilien und Stoffresten aufgewachsen“, berichtet der Berliner. In einem Prospekt entdeckten er und seine Frau vor gut 20 Jahren die kleinen Hüte – und verfielen ihnen.

Inzwischen füllen Tausende Exemplare Setzkästen, Kästchen und Schachteln. „Unser Gästezimmer verwandelte sich inzwischen in eine kleine Ausgabe des Fingerhutmuseums“, sagen die Spielmanns. Die Berliner gehören auch noch zu den Fingerhutsammlern, die sich nicht entscheiden können – sprich: nicht spezialisiert haben und somit nahezu alle Sorten aus nahezu allen Materialien sammeln.

Paul Jungbludt, passionierter Fotograf, hingegen entdeckte seine Liebe zu den Winzlingen, als er ein besonders schönes Stück ganz genau und ganz nah durch die Linse seines Fotoapparates betrachtete: „Was für ein filigranes Kunstwerk.“

Lehrreiches Sammelobjekt
Letztendlich, sagt Edith Jungbludt, handele es sich um eine Sammelleidenschaft wie jede andere – nun gut, vielleicht nicht ganz. „Was man auf jeden Fall haben muss, ist ein Blick für die kleinen Dinge“, räumt sie ein. Die geschichtsträchtigen Objekte haben Liebhaber bis hin nach Nordamerika, Japan und Australien – wenngleich sich die Masse der Fans in Deutschland konzentriert. Auf das Argument, dass Fingerhüte doch eigentlich „out“ seien, springen die Sammler nicht an.

Natürlich wäre das Utensil heutzutage in den Haushalten bei weitem nicht mehr so stark vertreten wie noch vor 20, 50 oder 100 Jahren. Gerade das aber mache sie auch begehrt. Und man könne viel aus dem Fingerhut lernen, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, sagt Horst Spielmann. „Automatisch beschäftigt man sich mit Geschichte, wirtschaftlichen Hintergründen und dem Alltag längst vergangener Zeiten. Sehr lehrreich.“

Was außerdem zählt, sind die Gemeinschaft der Sammler, die Geselligkeit. Im Rahmen ihrer so genannten Zwischentreffen – das Haupttreffen findet immer im Mai in Creglingen statt – bereisen die Freunde des Fingerhuts ganz Deutschland, waren auch hin und wieder schon im Ausland unterwegs.
Auch in Wittenberge erweckten die Freunde des skurrilen Hobbys einen zufriedenen Eindruck. Sammler sind eben tatsächlich glückliche Menschen – zumindest Fingerhutsammler.

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