Tom Hanks : Verliebt in Eisenhüttenstadt

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"Stalinstadt" hat er lieber nicht vor den Kameras gesagt. Tom Hanks hatte auch so schon David Letterman verblüfft. Vor acht Millionen US-Zuschauern ließ er seiner Begeisterung für Eisenhüttenstadt freien Lauf. Die einstige DDR-Arbeiterstadt macht Karriere als "Iron-Hut-City".

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12. Januar 2012, 12:07 Uhr

Eisenhüttenstadt | "Stalinstadt" hat er lieber nicht vor den Kameras gesagt. Tom Hanks hatte auch so schon den berühmtesten aller US-Moderatoren, David Letterman, in dessen TV-Show in New York verblüfft. Vor einem Publikum von acht Millionen Zuschauern ließ der 55-Jährige seiner Begeisterung für die 34 000-Einwohner-Stadt Eisenhüttenstadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Stalinstadt ihre Karriere als Modell für den unaufhaltsamen Sieg des Sozialismus begonnen hatte, freien Lauf. Hanks hatte im Dezember für seinen neuen Film "Wolkenatlas" in Berlin gedreht und einen drehfreien Tag genutzt, um die Musterstadt, 20 Kilometer südlich von Frankfurt an der Oder an der Grenze zu Polen, per Mietwagen anzusteuern.

Inzwischen ist der Industriestandort marode, die Stadt leidet mehr an ihrer Vergangenheit als dass sie von ihr profitiert und verliert an Einwohnern. Doch Hanks wollte "Eisenhuttenstadt" unbedingt sehen. Talkmaster Letterman übersetzte er den Stadtnamen mit "Iron-Hut-City", der schaute fassungslos auf von Hanks mitgebrachte Fotos.

Die Modellstadt der Kommunisten, so der Schauspieler, habe ihren Bewohnern "the great and wonderful life" im SED-Sozialismus zeigen sollen. Die Leute, gezielt angesiedelt, hätten dort zufrieden gewohnt, gearbeitet und getanzt. Sie wären gern in "Kaufhallen" - Hanks hatte ein Foto parat - zum Einkaufen gegangen, zu Weihnachten gab es Orangen, und sie hätten dieses Leben geliebt. Ins sorgenvoll stirngeraffte Gesicht von Letterman wiederholte er, dass das "ein wunderbarer Ort" sei, dieses "Iron-Work-City". Auch an die Kinder habe man gedacht, Hanks zeigte ein Spielstraßen-Schild. Das Studiopublikum applaudierte.

Tom Hanks war leicht erkältet, mit Wollmütze und dickem Schal, eine große Brille im Gesicht, durch Eisenhüttenstadt gelaufen. Er absolvierte einen Rundgang durch vier der sieben Wohnkomplexe mit Blöcken im damals noch ambitionierten "Stalin-Stil", der auf hochwertige Materialien setzte, und schaute sich die Hinterlassenschaften der Stahlindustrie an, die heute von der kapitalistischen EKO-Stahl AG, dem größten Arbeitgeber der Stadt, verwaltet werden. Er war nicht allein, sondern hatte eine Führung gebucht. "Er war total an der Architektur interessiert", erinnert sich Kathrin Henck, 46, Geschäftsführerin des Tourismusvereins. Per Mail war die Nachricht eingetroffen, dass der Besucher Tom Hanks sein würde. "Wir haben hier natürlich alle gedacht, das ist ein Scherz", sagt Henck.

Doch pünktlich stand der Star vor der Tür der Tourist-Information. Deren Chefin übernahm selbst die Führung, man ging kurz ins Rathaus, um der Frau "Börgermeister" Guten Tag zu sagen. Für einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt gab es weder Zeit noch Gelegenheit. Später aber erließ Eisenhüttenstadt Tom Hanks eine Geldstrafe - er hatte sein Auto ohne Parkscheibe abgestellt, jemand vom Ordnungsamt klemmte ein Knöllchen unter den Scheibenwischer. Der Strafzettel wurde von der Obrigkeit offiziell zurückgenommen, ein wohl einmaliger Vorgang.

Der populäre Schauspieler ist nun zum Werbeträger für Eisenhüttenstadt geworden, dort kann man sein Glück kaum fassen. Rathaus-Sprecherin Kathrin Heyer, 38, sagt, Hanks Visite habe das Selbstbewusstsein der Bürger einer "gebeutelten Stadt" gestärkt, solche "lobenden Worte" könne man gut gebrauchen. Schließlich der Seufzer: "Endlich mal etwas anderes als Stasi-Geschichten." Auf der Internetseite des Tourismusvereins gibt es einen Link zum Letterman-Video und Fotos vom Kurzaufenthalt des Stars in der brandenburgischen Provinzstadt.

Hanks dagegen betonte bei David Letterman, er habe sich vor allem für die Architektur interessiert und das Leben der Menschen in einer Stadt, die im Sozialismus groß herauskommen sollte. Dass sie nun dahinsiecht und er in der relativen Perspektivlosigkeit für einen Adrenalinschub sorgen konnte, nimmt er froh und gelassen hin. Womöglich fährt er bald wieder nach Eisenhüttenstadt, denn er hat bei der Vorbereitung auf seinen Film, in dem er den in den siebziger Jahren aus den USA in die DDR gewechselten Sänger Dean Reed darstellt, Interesse an der Geschichte Ostdeutschlands entwickelt. Und vielleicht soll er ja doch noch die Ehrenbürgerwürde der Stadt erhalten.

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