US-Zeitungen mehrheitlich für Obama

Immer mehr große US-Zeitungen unterstützen den demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama.

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06. November 2008, 09:45 Uhr

Seit 161 Jahren erscheint die "Chicago Tribune" in der Millionenstadt am Lake Michigan, und noch nie hatte die angesehene Zeitung einen Demokraten für das Präsidentschaftsamt empfohlen. Doch Barack Obama, der in Chicago und im Bundesstaat Illinois seinen ersten politischen Schritte unternahm, sorgt auch hier für eine Premiere. Erstmals stellten sich jetzt die leitenden Redakteure der "Tribune" hinter den 47-jährigen farbigen Senator - mit überschwänglichen Lobeshymnen: Man habe gewaltiges Vertrauen in die intellektuelle Stärke, den moralischen Kompass und die Fähigkeit des Kandidaten, gut überlegte Entscheidungen zu treffen. Hingegen sei es schwierig, so die Zeitung, in diesen Tagen herauszufinden, wofür der Republikaner John McCain wirklich stehe.

Nimmt man die amerikanischen Tageszeitungen als Maßstab, so hat Barack Obama 15 Tage vor der Wahl die Schlüssel zum Weißen Haus bereits sicher. Denn anders als in Deutschland, wo der überwiegende Teil der Medien aus Gründen der publizistischen Unvoreingenommenheit keine expliziten Empfehlungen für oder gegen einen Politiker ausspricht, halten sich die US-Publikationen nicht zurück. Bis gestern hatten sich 42 führende Regionalzeitungen für Barack Obama stark gemacht, McCain kann sich lediglich der Gunst von 16 Redaktionen erfreuen. Als vorerst letztes Blatt pries gestern der renommierte "Philadelpia Inquirer" den Demokraten den Wählern im wichtigen Bundesstaat Pennsylvania an: "Obama hat ein überragendes Konzept für diese Nation", heißt es in der unbezahlten und freiwilligen Wahlwerbung der Redaktion.

"Geschmeidige Intelligenz und Gespür für komplexe Angelegenheiten"
Den Ritterschlag hatte zuvor schon die "Washington Post" erteilt: Der Demokrat habe das Zeug, ein großartiger Präsident zu werden. Er sei ein Politiker mit "geschmeidiger Intelligenz, einem Gespür für komplexe Angelegenheiten und der Fähigkeit zur Versöhnung und zum Konsens". Auch die "Los Angeles Times", das führende Blatt in Kalifornien und die viertgrößte Zeitung der USA, sieht keine Alternative zu Barack Obama, der am Samstag in St. Louis (Missouri) vor der Rekordkulisse von 100 000 Fans sprach, im September eine Rekordsumme von 150 Millionen Dollar Wahlkampfspenden einsammelte und in landesweiten Umfragen weiter deutlich in Führung liegt. Die Zeitung schwärmt von der "Zuverlässigkeit und Reife" des Demokraten und verteilt gleichzeitig schallende Ohrfeigen an dessen republikanischen Gegner, der in landesweiten Umfragen weiter deutlich zurückliegt. Die Auswahl von Alaskas Gouverneurin Sarah Palin als Vize-Kandidatin zeuge von mangelnder Verantwortung, klagt die "Los Angeles Times", denn diese sei die unqualifizierteste Person für das Stellvertreter-Amt, solange die Erinnerung reiche. Es sei eine Entscheidung, die die Urteilsfähigkeit John McCains ernsthaft in Frage stelle.

Ein Trostpflaster erhielt der 72-jährige Vietnam-Veteran gestern zumindest im heißumkämpften Bundesstaat Florida. Dort sprach sich die "Tampa Bay Tribune" für ihn aus - mit dem Hinweis: "Die unsicheren Zeiten erfordern einen Mann mit der Erfahrung John McCains." Dieser sei zwar nicht der Kandidat, den sich die Europäer wünschten, aber er würde dennoch Amerikas Image weltweit reparieren können. Obama hingegen, so kritisiert die Zeitung, sei "ein Meisterredner mit verführerischen Versprechen, die das Land in Richtung einer europäisch orientierten Sozialdemokratie treiben."

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