Ungeduldiges Papier - Kultusminister Henry Tesch drückt bei der Theaterreform aufs Tempo

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26. August 2008, 09:14 Uhr

Schwerin - Dieses Papier ist ausgesprochen ungeduldig: Auch wenn Kultusminister Henry Tesch (CDU) bei der offiziellen Vorstellung des bereits vorab heiß diskutierten Eckpunktepapiers ausdrücklich darauf verwiesen hat, dass nicht beim Land, sondern bei den theatertragenden Kommunen die Entscheidungskompetenzen für die künftigen Theaterstrukturen liegen: Tesch drückt bei der Umsetzung der Reform auf das Tempo.

Förderung nur bei Gegenleistung
Der Hebel des Kultusministers ist das Geld, das vom Land den Theatern und Orchestern jetzt bis 2020 fest zugesagt ist. „Für die 35,8 Millionen Euro, die wir zur Verfügung stellen, wollen wir Gegenleistungen sehen.“ Wichtigste Gegenleistung: Kommunen müssen sich mindestens zur Hälfte an der Grundförderung ihrer Theater beteiligen. Wenn nicht, sinkt die Landesförderung.

Tesch: „Dann werden Teile der Landesförderung diesen Standorten nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Auch die bis 2012 vorgesehene regionale Vernetzung, die u.a. die Schließung des Schauspiels in Parchim und die Umwandlung der dortigen Bühne zu einem reinen Bespieltheater vorsieht, wird durch finanzielle Hebel beschleunigt.

Schon ab 2010 wird das Land seine 35,8 Millionen Euro statt auf neun Standorte nur noch auf die vier Mehrspartentheater in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg/Neustrelitz und Stralsund/Greifswald verteilen.

Tesch: „Die anderen fünf Theater müssen sich also mit den Mehrspartentheatern auf eine Zusammenarbeit einigen. Nur so kommen sie an die Landeszuschüsse heran.“

Das heißt konkret: Die Gastspielbühnen in Güstrow und Wismar müssen sich entscheiden, an welches andere Mehrspartentheater sie sich als Spielstätte angliedern wollen – einschließlich einer anteiligen kommunalen Finanzbeteiligung. Parchim hat keine Wahl, sondern wird von Schwerin mitbespielt.

Die Tanzkompanie Neustrelitz bleibt zwar erhalten, bekommt aber ab 2010 über die Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz ihr Geld, mit der sie zusammengelegt wird.
Das Theater Anklam muss sich entweder das Theater Stralsund/Greifswald oder Neubrandenburg/Neustrelitz als Kooperationspartner suchen.

Der für die Kommunalaufsicht zuständige Innenminister Lorenz Caffier (CDU) unterstrich gestern, dass die Verpflichtung der Theaterträger zur 50-prozentigen Kostenbeteiligung an der Grundfinanzierung ihrer Bühnen „die kommunale Selbstverwaltung nicht infrage stellt“.

Keine Verhandlung mit den Intendanten

Gleichzeitig appellierte Caffier an die Regionen, sich angemessen an „ihren“ Theatern zu beteiligen: „Diese Aufgabe ist nur gemeinsam zu stemmen.“

Die Kritik der Intendanten, bei der Erarbeitung des Eckpunktepapiers nicht einbezogen worden zu sein, wies Tesch zurück: „Die Intendanten hatten15 Jahre Zeit, ein eigenes Konzept vorzulegen und konnten sich nicht einigen.“ Er betonte, dass die Landesregierung nicht mit den Intendanten, sondern nur mit den theatertragenden Kommunen verhandeln werde.

Die Gespräche mit den Bürgermeistern, dem Deutschen Bühnenverein und der Deutschen Orchestervereinigung begannen gestern unmittelbar nach der Kabinetts-Pressekonferenz. Sie sollen spätestens bis 2010 zum Abschluss von Theaterverträgen führen.

Die Verträge sind der Startschuss für die zweite und wichtigste Reformphase – die Bildung von nur noch zwei Kulturkooperationsräumen mit jeweils einem Mehrspartentheater und einem Orchester.


Reaktionen



Schwerin: Thema für den Wahlkampf
In der Landeshauptstadt wird am 14. September ein neuer Oberbürgermeister gewählt. SPD-Kandidat Gottfried Timm positionierte sich schon mal: „Entscheidend ist, dass der Theaterstandort Schwerin erhalten bleibt.“ Einer Fusion mit Rostock (Phase II des Landeskonzeptes) erteilte er eine strikte Absage. Auch Hans-Peter Kruse, Kandidat der CDU, betonte, das Land müsse das Staatstheater langfristig sichern, „aber wir dürfen uns neuen Entwicklungen nicht verschließen“.

Parchim: Protest gegen Schließung
Der Kreistag Parchim hat mit Beschluss vom 17. Juni die Landesregierung aufgefordert, die von Schließung bedrohte Bühne als selbstständig produzierendes Kinder- und Jugendtheater zu erhalten. Landkreis und Stadt wollen jetzt mit dem Intendanten weitere Schritte abstimmen. Die Unternehmer des Landkreises haben unterdessen in einem offenen Brief an Bildungsminister Tesch gegen die Schließung protestiert.

Rostock: Stadt will Konzept erst genau prüfen

Rostocks Bühne steckt nach der Entlassung von Intendant Steffen Piontek noch immer in einer Führungskrise und OB Roland Methling ist im Urlaub. Bevor man das Landeskonzept nicht genau kenne, wolle man sich nicht zum Ultimatum 31. Dezember für die Finanzierungszusagen der Kommune äußern, ließ Vize-OB und Finanzsenator Georg Scholze mitteilen.

Güstrow: Landrat denkt an Kooperationen
Lutz da Cunha, Landrat des Kreises Güstrow, betonte angesichts des Theaterkonzeptes, dass er eine Schließung der Güstrower Barlach-Bühne nicht zulassen werde. Eher könne er sich vorstellen, dass das Güstrower Theater in der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz aufgehen und der Landkreis als
Gesellschafter eintreten könnte.

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