Traum von Titelverteidigung geplatzt

Die äußerliche Ähnlichkeit ist unverkennbar, und auch die sportlichen Gene liegen in der Familie: Marathon-Europameisterin Ulrike Maisch (l.) mit Mutter Jutta auf dem heimatlichen Balkon in Lütten Klein.Karen Hacke
Die äußerliche Ähnlichkeit ist unverkennbar, und auch die sportlichen Gene liegen in der Familie: Marathon-Europameisterin Ulrike Maisch (l.) mit Mutter Jutta auf dem heimatlichen Balkon in Lütten Klein.Karen Hacke

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28. April 2010, 07:07 Uhr

Rostock | Ulrike Maisch sieht glücklich aus, strahlt über das ganze Gesicht und hat diesen gewissen euphorischen Unterton, der einen förmlich mitreißt, in ihrer Stimme. Dabei hätte die noch amtierende Marathon-Europameisterin allen Grund, enttäuscht zu sein. Denn zur Titelverteidigung, die Ende Juli im spanischen Barcelona anstehen sollte, wird sie höchstwahrscheinlich nicht antreten können. "Das macht mich schon traurig. Ich bin zwar automatisch für die EM qualifiziert, aber mir fehlt die Form, und ich will mich ja auch nicht blamieren", erzählt die Rostockerin, die seit Sommer vergangenen Jahres im bayerischen Landsberg am Lech lebt.

Die sogenannte Haglund-Ferse - ein Sporn an ihrem rechten Hacken, der auf die Achillessehne drückt - setzt Maisch seit Juni 2009 außer Gefecht. Ohne Schmerzen ist eine Laufeinheit nicht möglich. Bisher versuchte sie, eine weitere Operation - 2004 kämpfte sie bereits mit den gleichen Problemen - zu vermeiden. "Eine OP hätte das vorzeitige Saison-Aus bedeutet. Und ich wollte doch bei der EM antreten. Jetzt bleibt mir aber wahrscheinlich nichts anderes übrig", ahnt Ulrike und zählt auf, was sie alles versucht hat, um doch noch ihren Traum wahr werden zu lassen: "Ultraschall, Physiotherapie, manuelle Therapie, Kinesio-Tapes, Tabletten, Spritzen, Einlagen, Stoßwellen, Gewebestrahler und sogar Osteopathie. Ich habe alles mitgenommen, was ging."

Ulrike vor der Kamera für eine DVD und den NDR

Ihr Lächeln hat die 33-Jährige trotzdem nicht verloren. Denn neben ihrem Freund Richard Friedrich, den sie 2008 bei den Militär-Cross-Weltmeisterschaften in der Schweiz kennenlernte und zu dem sie nach Süddeutschland zog, hat Ulrike Maisch neue Tätigkeitsfelder entdeckt, "die irre Spaß machen". So war die Sportsoldatin schon mehrmals für den NDR im Fernsehen als Expertin zu sehen. Zuletzt beim Marathon in Hamburg am vergangenen Sonntag. "Wir standen im Zielbereich. Ich musste immer die Fragen des Moderators beantworten. Als ich die Läufer sah, konnte ich genau nachempfinden, wie die sich fühlen. Und gekribbelt hat es natürlich auch. Ich wäre gern gelaufen", so Maisch, die aus Dankbarkeit immer noch beim 1. LAV Rostock Mitglied ist.

Die Momente vor der Kamera scheinen ihr zu gefallen. Denn aktuell dreht Ulrike ihre erste Reportage, die sich an Anfänger und Einsteiger richtet. Es geht um Marathon - worum sonst. Maisch: "Ich gebe Tipps, wie man sich auf die 42,195 Kilometer vorbereitet, was am Wettkampftag zu beachten ist und was danach zu tun ist, damit man schnell wieder fit wird." Drei Drehtage in Barcelona hat sie bereits hinter sich. Gestern und heute steht sie in ihrer Heimatstadt Rostock vor der Kamera. Zwei, drei weitere Drehtage werden wohl noch dazu kommen, so dass die DVD wahrscheinlich im Juni zu erwerben ist.

Natürlich wurden die Drehtage in der Hansestadt auch genutzt, um Familie und alte Freunde zu besuchen. Mutter Jutta hat sich gefreut. "Ich kann meinen Schwiegersohn in spe ja gut leiden, aber dass Ulli wegen ihm soweit wegzog, ist natürlich nicht so schön", scherzt die 63-Jährige und wirft ihrer Tochter einen verschmitzten Blick zu. "Ich bin sehr stolz auf Rike, und dass sie 2006 als erste deutsche Marathonläuferin überhaupt Europameisterin wurde, war der Knaller. Ich kriege jedesmal das Heulen, wenn ich das im Fernsehen sehe."

Fernausbildung in Richtung Fitness-Fachwirtin

Auch ihrem Coach Klaus-Peter Weippert stattete Ulrike Maisch einen Besuch ab. Trainieren fällt aber momentan flach. Statt dessen steht Gesundheitssport auf dem Programm - zwei- bis dreimal die Woche 30 bis 40 Minuten Laufen, Aquajoggen, Ski- und Radfahren. Mehr ist nicht drin. "So langsam muss ich wohl ans Karriereende denken. Mit dem Fersensporn kann ich keinen Leistungssport machen, und wenn ich mich operieren lasse, falle ich eine Weile aus. Irgendwann bin ich dann auch zu alt", ist die Langstrecklerin realistisch.

Deswegen hat sie Ende des vergangenen Jahres eine Fernausbildung begonnen, die in Richtung Fitness-Fachwirtin mit den Themenschwerpunkten Fitness, Ernährung und Management geht. Auch eine Moderatorentätigkeit kann sich Ulrike weiterhin vorstellen. Vielleicht sogar für die EM in Barcelona, wo sie ihren Titel dann zwar nicht verteidigen, aber immerhin die Atmosphäre noch mal miterleben kann. Das wird ihr dann sicher auch wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

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