Schwartow: Archäologen jetzt auf spannende Zeugnisse gestoßen : Trasse öffnet Fenster in die Geschichte

Eine Tafel dokumentiert  auf der Trasse der  Nordeuropäischen Erdgasleitung archäologische Ausgrabungen.  dpa
Eine Tafel dokumentiert auf der Trasse der Nordeuropäischen Erdgasleitung archäologische Ausgrabungen. dpa

Archäologe Andreas Selent tippt auf Gräber aus der Völkerwanderungszeit. "Eine kleine Sensation", sagt er. Funde aus dem vierten bis siebten Jahrhundert sind sehr selten in MV.

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18. Oktober 2011, 11:32 Uhr

Ein Grabungshelfer pinselt vorsichtig Sand von verwitterten Brettern im Erdreich. Sie bilden drei Rechtecke, das mittlere ist nicht mehr ohne weiteres zu erkennen. Archäologe Andreas Selent tippt auf Gräber aus der Völkerwanderungszeit. "Eine kleine Sensation", sagt er. Funde aus dem vierten bis siebten Jahrhundert, als in Europa ganze Völker ihre Heimatregionen verließen und sich zu neuen Ufern aufmachten, sind sehr selten in Mecklenburg-Vorpommern.

Selent hofft auf Grabbeigaben. Doch er wird enttäuscht. Mit jedem Zentimeter wird die Fundstelle bei Schwartow nahe Boizenburg an der Elbe rätselhafter. Zwei weitere Bretterlagen kommen zum Vorschein, das Erd-Bauwerk wird nach unten schmaler. "Definitiv doch keine Gräber", sagt Selent. "Wahrscheinlich sind es Arbeitsgruben." Das Areal, auf dem die Archäologen graben, war bis in die 70er Jahre regelmäßig überflutet, nur so konnten sich die Hölzer überhaupt erhalten.

Möglicherweise Gerberei entdeckt

In der mittleren Grube, einem Brunnen, stoßen die Ausgräber überraschend auf Eicheln. "Wir wissen aus späteren Quellen, dass Eichenrinde und gelegentlich auch Eicheln als Gerbmittel dienten", sagt Selent. "Möglicherweise haben wir eine Gerberei aus der Völkerwanderungszeit entdeckt oder aber Holzbecken zum Färben von Stoffen oder für andere handwerkliche Arbeiten." Weitere Forschungen sind nötig, die organischen Überreste in der Grube müssen im Labor genau untersucht werden. Für Selent ist es bereits jetzt ein einzigartiger Fund. Zeugnisse des handwerklichen Alltags jener Zeit seien äußerst rar. "Mir fällt spontan kein weiteres Beispiel dazu aus der Völkerwanderungszeit ein, noch dazu mit erhaltenen Hölzern", sagt der Wissenschaftler.

Wahrscheinlich haben Sachsen in der Niederung am Flüsschen Boize gesiedelt, mutmaßt er. Die Elbe ist nicht weit, und auf der anderen Seite lag das Siedlungsgebiet dieses Stammes. Wenige Meter neben den geheimnisvollen Gruben stoßen die Ausgräber auf einen zweiten Brunnen, darin unter anderem Keramikscherben mit Sonnenmotiv. Typisch Völkerwanderungszeit, sagt Selent. Und es bleibt aufregend: Noch ein paar Meter weiter kommen Überreste von 80 Erdöfen, auch Rennöfen genannt, aus dem dritten bis vierten Jahrhundert zum Vorschein. In ihnen wurde Eisenerz verhüttet. Das Archäologenglück perfekt machen dann noch zwei Reihen mit jeweils 15 Feuerstellen, die wohl kultischen Zwecken dienten und vermutlich noch älter sind. "Die Stelle hier muss über Jahrhunderte bewohnt oder zumindest immer wieder bewohnt gewesen sein", sagt Selent. Heute ist es eine Wiese zwischen Wald und Landstraße.

Von Horizont zu Horizont zieht sich als helles Band die Trasse für die Nordeuropäische Erdgasleitung Nel. Bagger haben auf 16 Metern Breite die einen halben Meter dicke Erdschicht bis auf den Sand entfernt. Bevor die Gasrohre versenkt und die Trasse wieder zugeschüttet wird, graben die Archäologen. Seit drei Jahren schon sind sie mit einem Heer von Helfern im Dauereinsatz. Auf der ganzen Länge der Nel und der Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung Opal durften sie graben. Insgesamt waren es rund 330 Kilometer - die längste Ausgrabung in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns.

Hacksilberschatz und römischer Orden

Die Opal ist fertig, die Nel wächst täglich und wird in Kürze die Elbe unterqueren. Damit endet auch die Goldgräberzeit der Archäologen im Nordosten. Im November wird Schluss sein mit den Grabungen, sagt Chefausgräber Selent. Dann geht es an die Auswertung der Funde, die in die Tausende gehen. "Damit wird die Wissenschaft auf Jahrzehnte beschäftigt sein", meint er. Zu den großartigsten Funden zählt er neben dem Hacksilberschatz bei Anklam vor allem auch ein Gräberfeld bei Bobzin (Landkreis Ludwigslust-Parchim). Rund 650 Urnen aus dem 3./2. Jahrhundert vor der Zeitrechnung bis zum ersten Jahrhundert danach förderten die Ausgräber dort zutage.

Ein kleines Gräberfeld aus der Jungsteinzeit (um 2200 vor der Zeitrechnung) mit Feuersteinspitzen, Steinbeil und Keramik fanden sie bei Reimershagen (Landkreis Güstrow). Und auch eine Fingerspitze Gold, nur wenige Gramm, siebten sie im Landkreis Güstrow aus dem Sand. "Es stammt aus der Völkerwanderungszeit von einem sogenannten Ringbarren. Da wurde immer wieder ein bisschen was abgeknapst zur Schmuckherstellung", erklärt der Archäologe.

In Hülseburg (Ostvorpommern) fand sich eine römische Plakette aus dem ersten Jahrhundert nach Beginn der Zeitrechnung. Solche Orden bekamen ausländische Söldner als Dank für ihre Dienste im römischen Heer. Diese Plakette ist mit vielen anderen Funden von den beiden Trassenbaustellen in einer großen Ausstellung im Güstrower Schloss zu sehen. Die Hinterlassenschaften der früheren Bewohner des Nordostens sind ein Publikumsmagnet, ein Enddatum für die Schau steht bislang nicht fest.


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