Stralsund : Totschlag an Homosexuellem vor Gericht

Er wollte sich das Leben nehmen und tötete stattdessen einen anderen Menschen. Für den Tod eines Homosexuellen in einem Wald bei Greifswald muss sich seit gestern ein junger Mann aus Ostvorpommern verantworten.

von
18. November 2010, 10:56 Uhr

Der 19-jährige Student aus Grubenhagen gab vor der Jugendkammer des Landgerichts Stralsund zu, am Ostersonntag 2010 auf den Mann eingestochen zu haben. Allerdings habe er sich nur wehren wollen. "Ich habe Panik bekommen und dachte, er wollte mich vergewaltigen", sagte der Angeklagte mit stockender Stimme.

Der junge Mann, der seit dem Angriff in einer Psychiatrischen Klinik in U-Haft sitzt, war eigenen Angaben zufolge in den Wald gefahren, um sich mit einem Messer die Pulsadern aufzuschneiden und so sein Leben zu beenden. Zu Hause hatte er einen Abschiedsbrief hinterlassen. "Ich verdiene es nicht zu leben.(...) Lebt wohl, lebt besser als ich", schrieb er. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Totschlag vor - allerdings im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit, weil er unter dem Einfluss von Antidepressiva und Betäubungsmitteln stand.

Opfer verblutete nach schweren Stichverletzungen

Was der junge Mann nicht gewusst haben will: Der Ort, an dem er sich die Pulsadern aufschneiden wollte, war ein überregional bekannter Treff für homosexuelle Männer. Auch an diesem Abend des 4. April hatten mehrere Männer ihre Autos auf einem nahegelegenen Parkplatz geparkt. Im Wald, wo der Angeklagte nach mehreren vergeblichen Versuchen und einem Telefonat mit seinem Stiefvater gerade von seinem Suizidvorhaben abgelassen hatte, sprach ihn dann der Mann an und fragte, ob er ihn befriedigen könne. "Ich habe gesagt, dass ich das nicht mache, dann hat er mich an der Schulter gepackt." Er habe sich gewehrt und zugestochen.

Der Staatsanwalt sprach von lebensgefährlichen Stichverletzungen in Leber und Lunge, an denen der 47-Jährige trotz erster Rettungsversuche durch homosexuelle Freunde und später durch Sanitäter verblutet war. Einer der Bekannten beschrieb das Opfer vor Gericht als zurückhaltend, höflich und nicht aufdringlich. Er sei nicht der Typ, der auf andere Männer zugeht, sagte er. Zweifel gibt es auch an der Anzahl der Tabletten, die der Angeklagte vor dem Selbstmordversuch eingenommen haben will. Im Blut des Angeklagten seien nur wenig Rückstände gefunden worden, hieß es. Der Prozess soll am Freitag fortgesetzt werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen