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Gerichtsverhandlung: Fall August 2007 in Sternberg : Tötungsversuch statt Körperverletzung

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Ein schwarzer BMW, aus dem drei Männer springen. Mit Axt und Baseballschläger bewaffnet. Sie dreschen auf ein rotes Auto und dessen Insassen ein. Splitterndes Glas und ein blutender Mann...

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erstellt am 21.Apr.2011 | 10:51 Uhr

Ein schwarzer BMW, aus dem drei Männer springen. Mit Axt und Baseballschläger bewaffnet. Sie dreschen auf ein rotes Auto und dessen Insassen ein. Splitterndes Glas und ein blutender Mann, der bei der Polizei Anzeige erstattet. Ein dramatischer Vorfall, der sich in einer Augustnacht 2007 auf dem Marktplatz von Sternberg ereignet haben soll. Und der bis heute die Gerichte beschäftigt.

Vor fast genau drei Jahren gab es ein erstes Urteil. Das Amtsgericht Parchim hatte drei türkische Staatsbürger als Täter wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung schuldig gesprochen. Der damalige Betreiber eines Döner-Imbisses erhielt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten, sein Bruder zwei Jahre und acht Monate und ein Angestellter ebenfalls zwei Jahre und vier Monate. Alle drei bestreiten, zur Tatzeit auf dem Marktplatz gewesen zu sein. Sie legten Berufung ein. Sie seien Opfer ausländerfeindlicher "Rechtsradikaler", die sie aus Sternberg vertreiben wollten, sagten sie damals. Und sagen sie noch immer.

Für sie kommen nur Freisprüche in Frage. Die Staatsanwaltschaft dagegen will höhere Strafen. Das Landgericht Schwerin hat Ende 2010 die Berufungsverhandlung begonnen, wegen Krankheit wieder ausgesetzt, Anfang 2011 noch einmal begonnen und gestern ein ungewöhnliches Urteil gesprochen: Der ganze Prozess muss von vorn beginnen! Denn die Richter halten es für wahrscheinlich, dass es sich bei dem Überfall nicht um Körperverletzung, sondern um versuchte Tötung handelt. Das Amtsgericht Parchim - so ein Rüffel des Vorsitzenden Richters - hätte damals schon den Fall an die Schwurgerichtskammer in Schwerin abgeben müssen. Die nämlich sei zuständig für derart schwere Verbrechen. Es wird also für die heute 30 bis 36 Jahre alten Angeklagten irgendwann eine neue Verhandlung geben, bei der höhere Strafen drohen.

Dann werden wohl auch die rund 30 Zeugen aus dem nun beendeten Prozess erneut aussagen. Darunter auch die beiden mutmaßlichen Opfer und Nebenkläger. Einem der Männer wurden laut Staatsanwaltschaft bei dem Überfall die Axt ins Bein geschlagen und ein Finger gebrochen. Offenbar der Gipfel einer lange währenden Feindschaft zwischen den Imbiss-Betreibern auf der einen und den Nebenklägern und ihren Kumpeln auf der anderen Seite. Unmittelbar vor dem Geschehen auf dem Markt haben die "Gegner" dem Imbissbetreiber Mehmet B. und seinem Bruder aufgelauert und beide angegriffen. Offenbar ist dabei niemand verletzt worden. Das aber hat dem Gericht zufolge den Zorn der Brüder zusätzlich angefacht. Der Staatsanwalt sprach von einem "Rachefeldzug", der juristisch geahndet werden müsse. Aber auch er geht davon aus, dass die Nebenkläger und ihre Kumpel der rechten Szene angehören und "Sternberg 2007 kein Ort der Toleranz" war.

Für die Verteidigung steht fest: "Es gab Leute in Sternberg, denen passte die Herkunft der Angeklagten nicht". Für den Hamburger Rechtsanwalt Siegfried Schäfer sind Nebenkläger und Kumpane "braune Zeitgenossen". Sie wollten die drei Männer vom Imbiss aus der Kleinstadt vertreiben. Was ihnen auch gelang. Mehmet B. hat sein Geschäft aufgegeben, alle drei wohnen nun in Hamburg. Dennoch hat die Verteidigung einen schweren Stand. Denn es gibt vier offenbar unbeteiligte Zeugen für den Überfall auf dem Marktplatz. Drei Frauen und einen Mann, die teilweise die Angeklagten wieder erkannten. Das Gericht hält diese Zeugen für glaubwürdig. Ihre Aussagen werden auch vor der Schwurgerichtskammer eine bedeutende Rolle spielen.

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