Todernstes ohne Düsternis

Die Fritz-Reuter-Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater hat den Tod auf einen Apfelbaum gesetzt und mit dem ursprünglich englischsprachigen Stück „De Dood inn Appelboom“ von Paul Osborn (nach einem Roman von Lawrence Edward Watkin aus dem Jahr 1937) ein anrührendes Märchen für Erwachsene auf die Bühne im E-Werk gebracht.

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19. Juni 2009, 12:18 Uhr

Der Tod sitzt in einem Apfelbaum fest. Machtlos. Er kann nicht mehr herunter. Er kann niemanden mehr holen, dessen Zeit abgelaufen ist. Eine faszinierende Vorstellung. Aber auch immer eine wünschenswerte?

Dass man für diese letzte niederdeutsche Inszenierung dieser Spielzeit über den Großen Teich nach Paul Osborns Stück „On Borrowed Time“ gegriffen hatte, ist dem engagierten Ensemble zum Glücksgriff geraten. Denn die niederdeutsche Version (Übertragung von Konrad Hansen) funktioniert, auch durch die sorgfältige dramaturgische Bearbeitung des Stoffes durch Manfred Brümmer und Ulrike Stern, in jedem Moment so, als sei dieser „Appelboom“ in norddeutscher Erde gewachsen und nicht im fernen Amerika. Das dazu passende stimmungsvolle Bühnenbild und die Kostüme schuf für die Schweriner E-Werk-Bühne Félicie Lavaulx-Vrécourt.

Der titelgebende Apfelbaum gehört Opa Julius Tams (Joachim Bliese), ein Herz und eine Seele mit seinem Enkel Stups (Richard Hempel, alternierend Amon Uerckwitz). Und dieser Opa Julius weigert sich hartnäckig, zu sterben. Schließlich hat er für seinen Enkel zu sorgen, nachdem erst Stups’ Eltern und dann auch noch Oma Nele (Elfie Schrodt) dem geheimnisvollen Herrn Hein (Andreas Auer) folgen mussten. Der berechnenden und bigotten Tante Edelgard (Gerlind Rosenbusch) will der Opa seinen Enkel auf keinen Fall überlassen. Und Julius schlägt dem Tod ein Schnippchen, lockt Herrn Hein auf seinen verwunschenen Apfelbaum, von dem er erst wieder runter darf, wenn Julius ihn lässt. Dor sitt hei nu, de Dood inn Appelboom, keeneen starwt mihr. Alles gut? Mitnichten!

Niemand stirbt mehr
Auch die nicht, die nach langem Leiden gern sterben würden. Neue Menschen werden geboren, aber die Alten bleiben. Wird die Erde voll wie eine Sardinenbüchse? Julius gerät in die Klemme, zu der neben besagter Edelgard auch der Hausarzt (Knut Fiete Degner), der Chef der „Städtischen Irren- und Idiotenanstalt“ (Detlef Heydorn) und ein Polizist (Roman Wergow) beitragen. Nur de Deinstdiern Marga (Tina Landgraf) und Stups sind noch auf seiner Seite. Der kleine Apfeldieb Martin (Alexander Werner, alternierend Lucas Winkler), der überhaupt erst der Anlass für die Verzauberung des Baumes war, hat sich verdrückt, ist neutral.

Es ist schwer, aus diesem Ensemble einzelne Darsteller hervorzuheben. Doch Joachim Bliese als Julius war schon eine Klasse für sich – ob schlitzohrig, polternd, liebevoll, verzweifelt. Und natürlich die Kinder, besonders die „Stupse“, die eine reife Leistung ablieferten. Von den vier Jungdarstellern hatten die „Reuters“ drei nach einem erfolglosen Casting schließlich aus den Kindern der Theaterkollegen rekrutiert und ihnen das Plattdeutsche beigebracht, der vierte kam mit Sprachkenntnissen vom plattdeutschen Verein in Rehna.

Gelungene Gratwanderung
Regisseurin Adelheid Müther meistert die Gratwanderung zwischen dem tiefernsten Thema – es um nichts geringeres als den Tod – und den heiteren, spritzigen Dialogen bravourös. Der Besucher findet sich in einem Wechselbad der Empfindungen: Heiteres, Anrührendes, wieder Heiteres, Berührendes, ja auch Rührendes; die Klippen der Sentimentalität werden immer sicher umschifft. Adelheid Müther führt ihre hervorragende Darstellerriege ohne jede Regiemätzchen und Eitelkeiten durch die Handlung – vom heiteren Beginn bis zum zwar nicht eben glücklichen, aber immerhin doch tröstlichen Ende. Und nach diesem gab es vom Publikum begeisterten Schlussbeifall inklusive Bravo-Rufen und begeistertem Getrampel. Verdientermaßen.

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